Eine eigene Fürbitte angesichts des Krieges in der Ukraine in den «Grossen Fürbitten» an Karfreitag 2022

Eine eigene Fürbitte angesichts des Krieges in der Ukraine in den «Grossen Fürbitten» an Karfreitag 2022

An Karfreitag werden in Kirchen katholischer Tradition während der Passionsliturgie die sog. «Grossen Fürbitten» gesungen oder gesprochen. Für Karfreitag 2022 gibt es Vorschläge für eine weitere Grosse Fürbitte.

Von Angela Berlis

An Karfreitag werden in Kirchen katholischer Tradition keine Glocken geläutet und während der Liturgie schweigt auch die Orgel. In der Passionsfeier steht das Leiden und Sterben Jesu Christi im Mittelpunkt. Diese Passionsliturgien finden in der Regel nachmittags um 15 Uhr statt, der Todesstunde Jesu, über die das Markusevangelium 15,34 berichtet.

Die Eröffnung der Liturgie vollzieht sich in Stille und Schweigen. Die Bibellesungen und Gebete stehen im Zeichen der Deutung Jesu als Passalamm (Ex 12) und als Gottesknecht (Jes 53). Aus dem Evangelium wird – in der Regel mit verteilten Rollen durch drei Personen – die Leidensgeschichte nach der Beschreibung des Johannes oder der des Matthäus gelesen. Am Karfreitag feiern Kirchen katholischer Tradition keine Eucharistie. Auf den Wortgottesdienst erfolgt das Ritual der Kreuzverehrung. Die Passionsliturgie schliesst mit dem Vater Unser, woraufhin alle in Stille die Kirche verlassen.

Gesungene Grosse Fürbitten

Die (gesungenen) Grossen Fürbitten in der Passionsliturgie sind etwas Besonderes. Sie gehen auf die römische Liturgie im 5. Jahrhundert zurück. Sie sind länger, als wir es gewöhnt sind; feierlicher, da sie gesungen werden, und folgen insgesamt dem gleichen Aufbau. Jede Grosse Fürbitte besteht aus drei Teilen: In der heutigen christkatholischen Liturgie[1] lädt im ersten Teil der/die Diakon:in oder der/die Vorbeter:in die Anwesenden durch ein «Lasset uns beten für…» zum Gebet für ein bestimmtes Anliegen ein. Die Gemeinde antwortet darauf mit «Hör unser Flehen, o Herr und Gott». Anschliessend fasst der/die Priester:in das Anliegen in einer Fürbitte zusammen und bringt es vor Gott. In der christkatholischen Kirche werden neun dieser Fürbitten mit einer festen thematischen Reihenfolge gebetet. Sie werden je nach kirchlicher Tradition etwas unterschiedlich benannt: So wird etwa in der römisch-katholischen Kirche «für die heilige Kirche» und «für den Papst» gebetet, während in der christkatholischen Kirche auf die Bitte «für die Kirche» eine Bitte «für die kirchlichen Amtsträger» folgt. Weitere Fürbitten richten sich auf folgende Personenkreise: für die Taufbewerber:innen (Katechumenen), für die «Einheit der Christen», «für die Juden», «für die Muslime», «für alle die Gott suchen», «für die Regierenden», «für die Notleidenden».[2] Mögen Aufbau, Struktur, Themen und Reihenfolge der Grossen Fürbitten im Wesentlichen die Jahrhunderte überdauert haben, so zeigt sich immer wieder das Bedürfnis nach einer gewissen Anpassung in den Formulierungen. So hat die traditionelle «Bitte für die Juden» in den letzten Jahrzehnten wegen ihres antijudaistischen Gedankenguts zu grossen Diskussionen und – aufgrund eines Umdenkens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – zu erheblichen Umformulierungen im Wortlaut geführt.

Zusätzliche Themen in den Grossen Fürbitten seit 2020

Für die Karfreitagsliturgie von 2020 und 2021 gestatteten verschiedene römisch-katholische Diözesanbischöfe bzw. Bischofskonferenzen in verschiedenen Ländern angesichts der weltweiten COVID-19-Pandemie eine besondere zehnte Fürbitte, die vor der letzten Fürbitte («für alle notleidenden Menschen») eingeschoben werden konnte. Die weltweite Dimension der Pandemie und das Bedürfnis, brennende Fragen der ganzen Menschheit in dieser «schweren öffentlichen Notlage» (wie es im römisch-katholischen Messbuch heisst) einzubeziehen, gaben den Ausschlag.

Dies ist auch in diesem Jahr der Fall. Das Liturgische Institut in Freiburg i. Ue. hat kürzlich den Text einer Modellfürbitte veröffentlicht.[3] Der Text lautet wie folgt:

Lasst uns auch beten für die Menschen in der Ukraine und in allen Kriegsgebieten der Erde;

für alle, die vor dem Schrecken der Gewalt geflohen und ihrer Heimat beraubt sind;

für alle Frauen und Männer, die mit ihrem Leben einstehen für die Abwehr des Bösen und für den Schutz der Schwachen und Verfolgten.

– Beuget die Knie.

– Erhebet euch.

Allmächtiger, ewiger Gott,

du hast Mitleid mit den Geringen und Armen,

die Unterdrücker aber stürzt du.

Wie du Israel aus der Knechtschaft Ägyptens geführt hast,

so rette in unseren Tagen alle Opfer von Krieg und Gewalt.

Wandle die Herzen derer, die Böses tun,

und lass den Frieden siegreich sein.

Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.[4]

Für die Christkatholische Kirche der Schweiz wurde kürzlich die folgende zusätzliche Grosse Fürbitte vorgeschlagen – wer sie tatsächlich in dieser Form singen oder sprechen wird, kann zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Beitrages noch nicht gesagt werden.[5]

Diakon:in

Lasset uns beten für die Opfer von Krieg und Terror/

dass Gott die Misshandelten tröste,

die Verwundeten stärke, /

und die Sterbenden gnädig aufnehme.

Gemeinde

Hör unser Flehen, o Herr und Gott.

Priester:in:

Gütiger Gott, du bist die Quelle der Erlösung.

Gib den Menschen Hoffnung in schwierigen Zeiten,

sodass sie im Glauben Trost und Zuversicht

erhalten.

Der Vergleich zwischen den beiden vorgeschlagenen zusätzlichen Karfreitagsfürbitten zeigt, dass der römisch-katholische Text im ersten Teil der Fürbitte ausdrücklich auf den Krieg in der Ukraine und auf Menschen in anderen Kriegsgebieten hinweist und dabei die Opfer, die Geflüchteten und diejenigen, die Widerstand leisten, in den Blick nimmt. Der christkatholische Vorschlag ist viel allgemeiner gehalten und nimmt Menschen vor allem als Opfer von Krieg, Terror und Misshandlung, und insofern als Verwundete und Sterbende, nicht jedoch als aktiv gegen den Krieg Handelnde wahr. Es fällt auf, dass die Täter:innen in beiden Fällen nicht genannt werden.

Im zweiten Teil werden die Gläubigen in der römisch-katholischen Fürbitte – entsprechend der Tradition – dazu aufgerufen, die Knie zu beugen, während sich die Gläubigen im christkatholischen Gebet mit ihrem Flehen direkt an Gott richten. Im dritten Teil wird Gott in der christkatholischen Karfreitagsfürbitte als gütiger Gott und als «Quelle der Erlösung», in der römisch-katholischen Karfreitagsbitte als allmächtig und ewig angerufen; in letzterer werden zudem  Gottes heilsgeschichtliche Taten in früheren Zeiten in Erinnerung gerufen und um die Wandlung der Herzen der Bösetäter:innen gebetet.

Dass es in diesem Jahr erneut eine zusätzliche Karfreitagsfürbitte geben soll, ist grundsätzlich zu begrüssen. Sie spiegelt wider, was Viele derzeit stark beschäftigt und beunruhigt. Es ist angebracht, dass nicht nur die Ukraine, sondern auch all die anderen Kriegsgebiete in die Fürbitte eingeschlossen werden.

Wie werden diese Karfreitagsfürbitten in den jeweiligen Gemeinden aufgenommen werden? Welche Formulierungen, welche Bitten werden in den Herzen der Menschen ankommen? Welche Vorstellung von Gott erfahren Menschen in einer derartigen Situation als hilfreich und tröstend? Als denkender betender Mensch von heute will ich nicht zum hilflosen Opfer gemacht und auf eine irgendwann eintretende Erlösung vertröstet werden. Dass zuerst der Opfer gedacht wird, leuchtet ein. Die römisch-katholische Fürbitte benennt hier Opfer, aber auch Menschen, die gegen den Krieg handeln, während die christkatholische Fürbitte es bei allgemeinen Andeutungen belässt. Doch weshalb werden nicht bereits im ersten Teil des Textes schon auch die Täter:innen (und nicht nur «die Abwehr des Bösen») konkret benannt?

Denn sind die Täter:innen nicht Gegenstand christlichen Mitleids, da sie mit ihren menschenvernichtenden und grausamen Taten Gefahr laufen, den Sinn ihres christlichen Lebens zu verwirken? Und müsste im dritten Teil nicht die Bitte vor Gott gebracht werden, dass die Täter:innen zur Besinnung kommen bzw. gebracht werden, so dass sie von ihrem Tun ablassen? Denn sie verletzen das elementare Recht auf eine menschenwürdige Existenz aller und setzen ihre eigene Menschlichkeit aufs Spiel.

Welchen Gott rufen wir an? Hoffen wir nicht auf einen Gott der Gerechtigkeit? Die christkatholische Fürbitte bleibt im dritten Teil hier zu unbestimmt, die gewählte Formulierung könnte auch in einem anderen Zusammenhang angewendet werden und überzeugt deshalb nicht. Die römisch-katholische Fürbitte wird da konkreter, die Aufzählung früherer Taten Gottes ruft die Erinnerung an die Exoduserfahrung oder an den Lobgesang Marias (Magnificat) wach. Doch wo führt die Bezugnahme auf den Exodus aus der Unterdrückung in der konkreten Situation hin? Und werden die Leute «Ägypten» oder doch nur «Bahnhof» verstehen? Wie können wir Gott heute, mit unseren eigenen Erfahrungen als Gott der Gerechtigkeit anrufen und erfahren? Etwa indem wir darum bitten, dass es denjenigen, die sich kämpfend dem Unrecht entgegenstellen, an Kraft und Durchhaltevermögen nicht gebrechen, dass ihr Mut nicht erlöschen möge? Mit Gottes Hilfe!

Mögen alle Anstrengungen, ob im Gebet, ob in konkreten Handlungen dazu führen, dass der «Friede siegreich» sei!


[1] S. Für das Folgende orientiere ich mich an der Passionsliturgie, wie sie in der Christkatholischen Kirche der Schweiz gefeiert wird. S. Christkatholisches Gebet- und Gesangbuch. Band II: Heilige Woche. Palmsonntag bis Ostern, hg. von Bischof und Synodalrat der Christkatholischen Kirche der Schweiz, Allschwil 2008 [= CG II].

[2] So die Formulierungen in CG II, 94-96. In anderen Kirchen werden die Fürbitten für Andersgläubige anders benannt.

[3] Das Österreichische und das Freiburger Liturgische Institut der deutschsprachigen Schweiz kooperierten miteinander. Die Formulierung stammt von den Liturgiewissenschaftlern Liborius Lumma (Innsbruck) und Rudol Pacik (Salzburg).

[4] Siehe https://www.liturgie.ch/praxis/kirchenjahr/die-heilige-woche/2022-karfreitagsbitte-2022 (14.04.2022). Hier ist auch eine Version zum Singen vorhanden. Die Deutsche Bischofskonferenz hat eine vergleichbare Grosse Fürbitte frei gegeben, der Wortlaut ist zu finden: https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/deutsche-bischofskonferenz-veroeffentlicht-karfreitags-fuerbitte-angesichts-des-krieges-in-der-ukraine (04.04.2022).

[5] Im Katholischen Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland hat der zuständige Bischof keinen Vorschlag für eine zusätzliche Karfreitagsbitte gemacht, sondern dies den einzelnen Gemeinden überlassen. Mitteilung von Bischof Dr. Matthias Ring, 14. April 2022 (per Email).

Dr. Angela Berlis ist Professorin für Geschichte des Altkatholizismus und Allgemeine Kirchengeschichte am Institut für Christkatholische Theologie der Universität Bern und Co-Leiterin des Kompetenzzentrums Liturgik.

2 thoughts on “Eine eigene Fürbitte angesichts des Krieges in der Ukraine in den «Grossen Fürbitten» an Karfreitag 2022

  1. Ein kleiner Einwand: In der Fürbitte des liturgischen Instituts werden nicht nur die Opfer genannt, sondern auch die Täter: Es werden die «Unterdrücker», die gestürtzt werden sollen, ins Gebet genommen; die Knechtschaft Israels in Ägypten wird genannt und damit die unterdrückende Macht beim Namen genannt; und schlussendlich werden die «Herzen» derjenigen genannt, die Böses tun. Mit der Metapher des «Herzens» zoomt das Gebet nahe heran. Die Täter:innen werden als Menschen mit Gewissen angesprochen, nicht als herzlose Bestien. There is hope!

  2. Die Aufforderung, die Knie zu beugen, leitet das stille persönliche Gebet der Gemeindeglieder ein. Dieses ist – übrigens in jeder Form der Fürbitten – wichtiger als die abschließende Oration oder die Gemeinde-Antwort.

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