{"id":1038,"date":"2023-12-15T16:09:01","date_gmt":"2023-12-15T15:09:01","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=1038"},"modified":"2026-05-23T22:52:18","modified_gmt":"2026-05-23T20:52:18","slug":"walking-liturgy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2023\/12\/15\/walking-liturgy\/","title":{"rendered":"Walking Liturgy"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000;\"><strong>Die schottischen Reformierten m\u00f6gen liturgische Ein- und Ausz\u00fcge. Das \u00fcberrascht. Was mich als Schweizer zun\u00e4chst katholisch oder anglikanisch und jedenfalls hochkirchlich und etwas fremd anmutet, scheint im reformierten Schottland zur liturgischen DNA zu geh\u00f6ren. Die Ein- und Ausz\u00fcge sind, so will ich in diesem Blog zeigen, mehr als Vor- und Abspann der Liturgie. Sie sind integraler Teil derselben als affektiv wirkungsvolle <em>rites de passage<\/em>.<\/strong><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #000000;\">David Pl\u00fcss<\/span><\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:more -->\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Der Einzug<\/span><\/strong><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #000000;\">In der St. Giles\u2019 Cathetral auf dem Schlossh\u00fcgel von Edinburgh ziehen der Chor und alle mit einer liturgischen Rolle Betrauten jeweils gemeinsam singend feierlich ein, begleitet von kr\u00e4ftigen Orgelkl\u00e4ngen. Am Schluss des Gottesdienstes ziehen sie wieder aus. W\u00e4hrend des Ein- und Auszugs steht die Gemeinde, stimmt kr\u00e4ftig in den Einzugsgesang ein oder bleibt and\u00e4chtig still. Der Einzug erfolgt z\u00fcgig, aber dauert doch eine Weile, weil der Weg von der s\u00fcdlichen Sakristei im Ostteil der Kathedrale durch das n\u00f6rdliche Seitenschiff zum Westportal und durch den Mittelgang zum altarf\u00f6rmigen Abendmahlstisch und zum Chorraum s\u00fcdlich desselben lang ist. Ich erlebte ihn tats\u00e4chlich als <em>Rite de passage<\/em>, als feierliche \u00dcberschreitung einer liturgischen Schwelle oder genauer: als formsch\u00f6ne und wirkungsvolle Er\u00f6ffnung der Feier. Das Aufstehen, das Mitsingen oder and\u00e4chtige Schweigen und die daf\u00fcr aufgewendete Zeit halfen mir, mich zu sammeln und auf das nun Folgende einzustellen oder die Schwelle zur\u00fcck in den Alltag der Welt mental und zugleich k\u00f6rperlich zu \u00fcberschreiten.<\/span><\/p>\r\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Prozessionen rund um die Kollekte<\/span><\/strong><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #000000;\">Innerhalb der reformierten Liturgie in St. Giles gibt es weitere Wege, die feierlich begangen werden. So stellt sich die Pfarrerin nach dem Einsammeln der Kollekte durch die Presbyter mit einem grossen, ziselierten Teller aus Goldblech, den sie senkrecht wie ein Schild vor sich h\u00e4lt, vor den Abendmahlstisch. Sobald die Presbyter die Kollekte ohne Hektik eingesammelt haben, stellen sie sich mit den purpurfarbenen Samtbeuteln hinten in den Mittelgang und warten, bis alle anderen auch soweit sind, um dann gemeinsam zu der sie erwartenden Liturgin zu schreiten. Diese h\u00e4lt nun den grossen Goldteller waagrecht, die Kollektenbeutel werden auf den Teller gelegt, die Liturgin dreht sich um in Richtung Abendmahlstisch und hebt den Teller hoch \u2013 offenkundig eine Geste der Darbringung. Die Kollektenhelfer:innen bleiben stehen und warten, bis sich die Liturgin wieder umdreht und einer der Presbyter:innen den Teller \u00fcberreicht, die damit in die Sakristei geht.<\/span><\/p>\r\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Abendmahl als performative Darbringung<\/span><\/strong><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #000000;\">Bald darauf werden, von Orgelspiel begleitet, ebenfalls von zwei Presbyter:innen, Brot und Wein aus der Sakristei hereingebracht und auf den Abendmahlstisch gestellt. Dieses Hereintragen erfolgt wiederum feierlich, weder beil\u00e4ufig noch hektisch. Damit wird nichts nachgeholt, was bereits vor dem Gottesdienst h\u00e4tte erfolgen k\u00f6nnen oder sollen, um den Ablauf der Gebete nicht zu st\u00f6ren. Oder die nur darum so sp\u00e4t erfolgt, weil sonst zu wenig Platz auf dem Tisch w\u00e4re. Nein, was hier geschieht, ist Teil der Liturgie, ist <em>theologia prima<\/em>, prim\u00e4re, urspr\u00fcngliche, k\u00f6rperliche Bewegung gewordene Theologie. Das Abendmahl wird als dankbare Darbringung (im Sinne von lat. offerre), als Eucharistie, sinnlich, k\u00f6rperlich und kinetisch in Szene gesetzt, als Darstellung und Mitteilung des Geheimnisses des Glaubens.<\/span><\/p>\r\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Festprozessionen<\/span><\/strong><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #000000;\">Bei festlichen Gottesdiensten werden die Ein- und Ausz\u00fcge aufw\u00e4ndiger und vielf\u00e4ltiger gestaltet. Beim Er\u00f6ffnungsgottesdienst der j\u00e4hrlich, seit rund 470 Jahren stattfindenden General Assembly der Church of Scotland ziehen erst die Stadtregierung sowie Repr\u00e4sentant:innen des Rechts und der Medizin mit ihren Begleitern und Besch\u00fctzern ein, alle gekleidet in unterschiedlichen Farben. Alle Einz\u00fcge beginnen, erfolgen und enden koordiniert, feierlich, ernst, oft schweigend, ohne \u2013 das erstaunt mich am meisten! \u2013 steif zu wirken. Der High Commissioner, der das K\u00f6nigshaus vertritt, die Kirchenleitung und die Liturg:innen werden zuerst auf dem Platz vor der Kathedrale von einem grossen schottischen Orchester mit Pipes and Drums empfangen und ziehen dann durch das Westportal in die Kirche ein. W\u00e4hrend aller Ein- und Ausz\u00fcge steht die versammelte Gemeinde und wartet, bis sich die Eingezogenen platziert haben und die vorstehende Liturgin sie auffordert: \u00abPlease be seated!\u00bb.<\/span><\/p>\r\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Generalsynode<\/span><\/strong><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #000000;\">Eine weitere Spielform: Die erste Arbeitssitzung der General Assembly im grossen, eigens daf\u00fcr gebauten Plenarsaal des New College zwischen Cathedral und Schloss beginnt mit einer kleinen Abendmahlsfeier. Zu Beginn erhebt sich die rund dreihundertk\u00f6pfige Versammlung und von den zwei hinteren Eing\u00e4ngen werden von je etwa zwanzig Abendmahlshelfer:innen Brot und Wein hereingetragen. Schweigend, ohne Musik. Aufgrund der Vielzahl der Helfenden dauert diese Prozession lange. Interessanterweise hatte ich zu keinem Augenblick die Empfindung der L\u00e4nge oder Langeweile, wohl aber der W\u00fcrde und der Feierlichkeit, der inneren Sammlung und Vorbereitung. Bei jeder der folgenden Arbeitseinheiten rief jemand zu Beginn mit lauter Stimme: \u00abModerator\u00bb, die Versammelten erheben sich, The Moderator zieht ein, stellt sich vorne auf der Trib\u00fcne vor den f\u00fcr sie bestimmten Sitz, verneigt sich zu ihrer Rechten, worauf sich alle auf der rechten Seite Stehenden verneigen, verneigt sich zu ihrer Linken und am Schluss gegen die Mitte. Nach dieser gestischen Begr\u00fcssung und Ehrerbietung l\u00e4sst The Moderator die Versammlung mit \u00abPlease be seated\u00bb sich hinsetzen und er\u00f6ffnet und beginnt mit dem n\u00e4chsten Traktandum.<\/span><\/p>\r\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Woher die Freude an liturgischen Ein- und Ausz\u00fcgen?<\/span><\/strong><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #000000;\">Man kann sich nun fragen, wie es zu dieser Liebe und Sorgfalt f\u00fcr liturgische Prozessionen kommt. Es w\u00e4re ja auch denkbar, dass sich die schottischen Reformierten dadurch von der Church of England abgrenzen, dass sie die hochkirchlich anmutenden Aufw\u00e4nde geringhalten. Das ist aber nicht der Fall. Die Liebe zur formsch\u00f6nen Darstellung und Mitteilung des Glaubens in unterschiedlicher Gestalt scheint hier die Reformierten mit der Church of England und dem K\u00f6nigshaus zu verbinden. Ich nehme das mit etwas Neid zur Kenntnis. Denn die Ein- und Ausz\u00fcge sind, wie eingangs erw\u00e4hnt, nicht nur feierliches Beiwerk der Liturgie, sondern k\u00f6rperlich dargestellte, erfahrbare und intuitiv plausible Elemente der gottesdienstlichen Sammlung und der Sendung.<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die schottischen Reformierten m\u00f6gen liturgische Ein- und Ausz\u00fcge. Das \u00fcberrascht. Was mich als Schweizer zun\u00e4chst katholisch oder anglikanisch und jedenfalls hochkirchlich und etwas fremd anmutet, scheint im reformierten Schottland zur liturgischen DNA zu geh\u00f6ren. Die Ein- und Ausz\u00fcge sind, so will ich in diesem Blog zeigen, mehr als Vor- und Abspann der Liturgie. 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