{"id":1195,"date":"2024-04-25T08:56:24","date_gmt":"2024-04-25T06:56:24","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=1195"},"modified":"2026-05-06T15:20:05","modified_gmt":"2026-05-06T13:20:05","slug":"ersetzen-bibel-podcasts-die-predigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2024\/04\/25\/ersetzen-bibel-podcasts-die-predigt\/","title":{"rendered":"Ersetzen Bibel-Podcasts die Predigt?"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend die monologische Predigt an Attraktivit\u00e4t einzub\u00fcssen scheint, werden religi\u00f6se und religionsbezogene Podcasts immer beliebter. Zudem werden Predigten immer k\u00fcrzer, religi\u00f6se Podcasts dagegen dauern oft eine Stunde und l\u00e4nger. Dieser erstaunliche Sachverhalt ist Grund genug, sich vertieft mit dem Ph\u00e4nomen Podcast im Allgemeinen und mit Bibel-Podcasts im Besonderen zu befassen und danach zu fragen, ob und was die Predigt vom Podcast lernen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>David Pl\u00fcss<\/p>\n<p>Wird der religi\u00f6se oder religionsbezogene Podcast zunehmend zum Predigtersatz? Und wie ist die Community, die einem religi\u00f6sen Podcast folgt und sich einer theologisch versierten und glaubw\u00fcrdigen Podcasterin verbunden f\u00fchlt, zu deuten? Ist sie Kirche? Das sind grosse Fragen. Zu gross f\u00fcr einen Blog. Ich werde kleinere Br\u00f6tchen backen, indem ich frage: Was zeichnet einen erfolgreichen Podcast aus und was ist von der typischen Podcast-Kommunikation f\u00fcr Predigt und Gottesdienst zu lernen? Und welches sind die Tr\u00fcmpfe der Predigt?<\/p>\n<p><strong>Eigenschaften eines erfolgreichen Podcast<\/strong><\/p>\n<p>Erfolgreiche Podcasts (und solche, die ich gerne h\u00f6re) zeichnen sich durch folgende Eigenschaften aus:<\/p>\n<p>Sie sind erwartbar und \u00fcberraschend zugleich. Sie verbinden eine weitgehend gleichbleibende Rahmung, inhaltliche Ausrichtung und personelle Besetzung mit \u00fcberraschenden und unabsehbaren Gespr\u00e4chsg\u00e4ngen.<br \/>\nZum Erwartbaren und Vertrauten geh\u00f6ren Titel und Thematik: Im Podcast Unter Pfarrerst\u00f6chtern geht es um Bibeltexte, im Podcast Beziehungskosmos geht es um Beziehung, in Ukrainecast geht es um den Ukraine-Krieg und in Die sogenannte Gegenwart um Gegenwartsfragen. Damit werden bestimmte Gruppen angesprochen und ein bestimmtes Interesse geweckt.<br \/>\nPodcasts werden verl\u00e4sslich von denselben Podcaster:innen \u2013 zwei oder drei, teils im Wechsel \u2013 bespielt, deren Stimmen einem ins Ohr kriechen und zunehmend vertraut werden. Die Zuh\u00f6renden bauen, so sagt uns die Medienwissenschaft, eine parasoziale Beziehung auf zu ihnen.[1] Diese wird auch dadurch erm\u00f6glicht und gen\u00e4hrt, dass sich die Podcaster:innen als Personen zeigen, sich ins Spiel bringen und positionieren.<br \/>\nVertrautheit soll auch die Liturgie oder Rahmung schaffen: der Jingle zu Beginn, das immergleiche Intro und die anschliessende locker-freudige Begr\u00fcssung, der R\u00fcckblick auf die letzte und die Einleitung zur aktuellen Folge. Dann geht\u2019s los mit der dialogischen Erkundung des jeweiligen Themas und endet mit der Bitte um Kommentare, einer Verabschiedung der Zuh\u00f6rerenden und dem Outro.<br \/>\nDie jeweiligen Themen der einzelnen Folgen hingegen wechseln und die inhaltlichen Verl\u00e4ufe der Gespr\u00e4che sind unabsehbar. Spannend f\u00fcr die Zuh\u00f6renden ist der Gespr\u00e4chsverlauf auch deshalb, weil die Podcaster:innen zwar vorbereitet sind, aber sich der genaue Verlauf erst im Vollzug ergibt, Seiten- und Abwege m\u00f6glich sind und Stolpern auch.<br \/>\nZur Beliebtheit tr\u00e4gt offenbar auch die Regelm\u00e4ssigkeit bei: Jede Woche oder alle zwei Wochen erscheint eine neue Folge. Obwohl das H\u00f6ren von Podcasts jederzeit m\u00f6glich ist und unterbrochen werden kann, wird das verl\u00e4ssliche Erscheinen gesch\u00e4tzt.<br \/>\nWas die meisten Podcasts auszeichnet, ist die Rhetorik des Dialogs. Podcasts sind Gespr\u00e4che, Interviews, Kontroversen, Wettstreite um detailliertere Kenntnisse, kl\u00fcgere Analysen, plausiblere Einw\u00e4nde, witzigere Pointen.<br \/>\nDaraus ergeben sich Rollenangebote (role models), mindestens zwei, die ausprobieren kann, wer einem Podcast folgt.<br \/>\nSich spontan entwickelnde Dialoge suggerieren zudem eine Nat\u00fcrlichkeit und Alltagsn\u00e4he.<br \/>\nGleichzeitig ist es aufgrund der L\u00e4nge von Podcasts m\u00f6glich, ein Thema in seiner Komplexit\u00e4t gespr\u00e4chsweise auszuloten, in die Tiefe zu gehen, Differenzierungen vorzunehmen und Ambivalenzen zu thematisieren.<br \/>\nDie Aufnahmetechnik von Podcasts erm\u00f6glicht zudem eine hohe Audio-Qualit\u00e4t.<br \/>\nDaraus resultiert der Eindruck einer grossen N\u00e4he. Ich h\u00f6re die Podcasterin so, als s\u00e4sse sie unmittelbar neben oder vor mir.<br \/>\nWichtig d\u00fcrfte zudem die M\u00f6glichkeit sein, auf Podcasts zu reagieren: mit Kommentaren zum Gesagten und Anregungen f\u00fcr weitere Folgen. Auch wer diese M\u00f6glichkeit nicht nutzt, f\u00fchlt sich angesprochen. Die Einwegkommunikation wird zumindest potenziell durchbrochen.<\/p>\n<p><strong>Bibel-Podcasts<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir auf religi\u00f6se und religionsbezogene Podcasts blicken, bieten sich f\u00fcr einen Vergleich mit der Predigt insbesondere solche an, die sich mit Bibeltexten befassen: Unter Pfarrerst\u00f6chtern von Zeit online, wo Sabine R\u00fcckert und Johanna Haberer die ganze Bibel (!) von der Sch\u00f6pfung bis zur Apokalypse des Johannes durchgehen, indem sie im Zweiwochenrhythmus die grossen Geschichten und Texte der Bibel nacherz\u00e4hlen, zitieren, und sowohl historisch-kritisch als auch in ihrem Bezug zur Gegenwart ausleuchten.[2] Die Staffel \u00fcber die grossen Bibeltexte des Podcasts Ausgeglaubt von Stephan J\u00fctte und Manuel Schmid vom RefLab Z\u00fcrich[3] kommt ebenso in Betracht wie Data over Dogma des Bibelwissenschaftlers Daniel McClellan und des atheistischen Podcasters Daniel Beecher[4].<\/p>\n<p><strong>Was folgt daraus f\u00fcr die Predigt?<\/strong><\/p>\n<p>Aus der skizzierten Bauanleitung f\u00fcr einen erfolgreichen Podcast folgt nicht, dass die Predigt durch einen Bibel-Podcast zu ersetzen w\u00e4re. Die Predigt ist eine Predigt und der Podcast ist ein Podcast. Der Podcast passt nicht so recht auf die Kanzel und die Kanzelrede eher schlecht als recht ins Podcast-Format. Gleichwohl l\u00e4sst sich vom Erfolg von Bibel-Podcasts f\u00fcr die Predigt Einiges lernen. Und zwar Folgendes:<\/p>\n<p>Biblische Texte und Themen sind nicht aus der Zeit gefallen, sondern f\u00fcr viele Zeitgenoss:innen noch immer \u2013 oder wieder neu! \u2013 interessant und es wert, sich damit zu befassen. F\u00fcr die Darstellung, historische Erl\u00e4uterung und gegenwartsbezogene Auslegung eines Textes darf sich die Predigerin auch Zeit lassen, sofern die Er\u00f6rterung verst\u00e4ndlich und ansprechend erfolgt.<br \/>\nDas Dialogische, der sich gespr\u00e4chsweise ergebende Verlauf und das damit steigende Risiko des Scheiterns erh\u00f6hen die Spannung. Dieser Aspekt k\u00f6nnte f\u00fcr die frei gehaltene Predigt oder den nur in groben Z\u00fcgen vorbesprochenen Predigt-Dialog mit zwei oder mehr Beteiligten in Anschlag gebracht werden. Zumindest aber folgt daraus, dass eine Predigt an Attraktivit\u00e4t gewinnt, wenn Spannungen bewusst aufgebaut und ausgehalten werden, ohne sie fr\u00fchzeitig wieder aufzul\u00f6sen und als Scheinspannungen zu demaskieren.<br \/>\nErfolgreiche Podcasts unterstreichen dar\u00fcber hinaus den homiletischen Grundsatz, wonach die Lesbarkeit der Predigerin und ihre authentische Verbundenheit mit der Message der Predigt von erheblicher Bedeutung sind.<br \/>\nNur zuh\u00f6ren ist in Ordnung. Man muss nicht immer selbst quatschen, um inhaltlich beteiligt zu sein.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnten Prediger:innen dar\u00fcber hinaus von Podcasts lernen? Und was bitte nicht? Fallen Ihnen noch weitere Punkte ein, die hier zu erg\u00e4nzen w\u00e4ren? \u2013 Dieser Blog hat eine Kommentarfunktion. \u00dcber Eintr\u00e4ge w\u00fcrde ich mich freuen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Als parasoziale Beziehung wird in der Medienwissenschaft eine einseitige und imaginierte Beziehung zwischen Mediennutzenden einerseits und einem Fernsehmoderator, einer Schauspielerin oder einem Podcaster andererseits bezeichnet, die von professionellen Medienakteur:innen gezielt hergestellt und gepflegt wird.<\/p>\n<p>[2] Vgl. URL: https:\/\/www.zeit.de\/serie\/unter-pfarrerstoechtern (22.04.2024)<\/p>\n<p>[3] Sie wurden auf RefLab im Zeitraum von 18.08.2021 bis 24.11.2021 ausgestrahlt (vgl. URL: https:\/\/www.reflab.ch\/category\/podcasts\/ausgeglaubt\/page\/6\/ (01.03.2024).<\/p>\n<p>[4] Vgl. URL: https:\/\/open.spotify.com\/show\/1KKyNZlSapgVppDT2jrCBl (01.03.2024).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend die monologische Predigt an Attraktivit\u00e4t einzub\u00fcssen scheint, werden religi\u00f6se und religionsbezogene Podcasts immer beliebter. Zudem werden Predigten immer k\u00fcrzer, religi\u00f6se Podcasts dagegen dauern oft eine Stunde und l\u00e4nger. 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