{"id":1213,"date":"2024-05-22T10:44:31","date_gmt":"2024-05-22T08:44:31","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=1213"},"modified":"2026-05-12T17:09:48","modified_gmt":"2026-05-12T15:09:48","slug":"eine-pilgerliturgie-am-bootssteg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2024\/05\/22\/eine-pilgerliturgie-am-bootssteg\/","title":{"rendered":"Eine \u00abPilgerliturgie\u00bb am Bootssteg"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000;\"><strong>An einem Ort, der dies in keiner Weise erwarten liess, vollzieht sich regelm\u00e4ssig eine bestimmte Liturgie. Ohne beurteilen zu wollen oder zu k\u00f6nnen, ob diese religi\u00f6s grundiert ist, fasziniert mich als Praktische Theologin das rituelle Geschehen vor Ort. In diesem Beitrag schildere ich meine Beobachtungen in Iseltwald am Brienzersee, dessen kleiner, unscheinbarer Bootssteg als Schauplatz einer koreanischen Serie weltweite Ber\u00fchmtheit erlangt hat.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Miriam L\u00f6hr<\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Der Ort<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Anfahrt mit dem Schiff \u00fcber den Brienzersee. Tourist*innen, viele in Paaren oder kleinen Gruppen, str\u00f6men an Deck der zweiten Klasse mit dem Blick Richtung Bug. Sie z\u00fccken ihre Handys, viele wirken aufgeregt, eine Spannung liegt in der Luft. Eine Frau sagt zu einer anderen: <em>There it is!<\/em> \u2013 <em>Crash landing on you<\/em>, antwortet die andere. <em>We only came for that!<\/em> Das historische Dampfschiff n\u00e4hert sich dem Ufer. Ein paar \u00e4ltere Holzchalets, der Schiffsanleger, und sonst eigentlich nichts. Kein Souvenirshop, keine Pommesbude, keine Musik. Rechts ganz klein, \u00fcberraschend klein, ist DER Bootssteg zu sehen. Eine junge Frau posiert auf dem Steg am Wasser, eine andere fotographiert sie mit dem Blick Richtung See. Der Bootssteg ist vom Land getrennt durch ein Drehkreuz. Nicht wenige Personen lagern davor und warten in der Sonne. Wie lange man wohl auf dem Steg bleiben darf? Das Schiff h\u00e4lt. Tourist*innen str\u00f6men von Deck. Ich steige ebenfalls vom Schiff und beobachte die Szenerie.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Die Serie<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Was sich in Iseltwald beobachten l\u00e4sst, hat seinen Ursprung in einer in vielen asiatischen L\u00e4ndern popul\u00e4ren s\u00fcdkoreanischen Serie,<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> erschienen in den Jahren 2019\/2020: <em>Crash Landing on You<\/em>. Sie erz\u00e4hlt von der Beziehung einer jungen S\u00fcdkoreanerin und einem jungen Nordkoreaner, die sich mehrfach in der Schweiz als f\u00fcr sie freiem Ort begegnen. In einer Szene spielt der Protagonist an jenem Bootssteg auf dem Klavier. Seit dem grossen Erfolg der Serie reisen Fans nach Iseltwald und fotographieren sich gegenseitig am Originalschauplatz der Szene.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Die Praktiken<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Mich interessiert in diesem Blog weniger die Erz\u00e4hlung der Serie als vielmehr die Praktiken, die sich daraufhin etabliert haben: Menschen reisen per Schiff oder Postauto an. Sie stellen sich geduldig vor dem Steg auf und warten \u2013 Sitzgelegenheiten gibt es zwar, aber kaum Schatten. Seit dem touristischen Ansturm m\u00fcssen an einem Drehkreuz, das den Steg vom Ufer trennt, f\u00fcnf Franken gezahlt werden. Ein Hinweisschild kl\u00e4rt \u00fcber die Massnahme auf. In ritualtheoretischer Perspektive liesse sich sagen: Der Steg hat auf diese Weise eine Schwelle erhalten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Auf dem Steg geschieht Folgendes: Paare, Freund*innen, auch Familien \u00fcber drei Generationen betreten den Steg. Sofort stellt oder setzt sich eine Person vorne an den Rand des Holzstegs, so als g\u00e4be es ein Skript, das die Position auf dem Steg bestimmt, ebenso die K\u00f6rperhaltung \u2013 meist die Arme ausgestreckt in die Weite. Nach der oft ausgiebigen Fotosession wird gewechselt, und die Freundin oder der Partner ist an der Reihe. Alles geschieht in einer konzentrierten Ruhe. Dann \u00f6ffnet sich das Drehkreuz, und die n\u00e4chsten wechseln die vorherige Gruppe ab. Diese Praktiken unterscheiden sich von denen an anderen touristisch stark frequentierten Orten: Zwar kennzeichnet Filmen und Fotographieren diese generell, jedoch verf\u00fcgen nicht alle \u00fcber eine \u00abLiturgie\u00bb wie in diesem Fall. Anders gesagt: Wer zum ersten Mal auf dem Bundesplatz in der Berner Altstadt steht, fotographiert wahrscheinlich das Bundeshaus, folgt jedoch nicht einem unausgesprochenen kollektiven Ablauf.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1217 aligncenter\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Miriam_Iseltwald_2-216x300.jpg\" alt=\"\" width=\"742\" height=\"1031\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Miriam_Iseltwald_2-216x300.jpg 216w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Miriam_Iseltwald_2-194x270.jpg 194w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Miriam_Iseltwald_2.jpg 461w\" sizes=\"auto, (max-width: 742px) 100vw, 742px\" \/><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Die Liturgie<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Was interessiert nun eine Praktische Theologin an diesem Szenario, das fernab von \u00abReligion\u00bb vollzogen wird? Der Sinn der Praktiken am Bootssteg erschliesst sich von aussen nicht \u2013 der Blick auf den See und die Bergkette ist zwei Meter neben der Zahlschranke genauso gut. Dennoch entfaltet sich in der Beobachtung ein ritualtheoretisch vielschichtiges Begehen einer Fangemeinde. Es sind folgende Aspekte:<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Die <em>Ernsthaftigkeit<\/em> <em>des Vollzugs<\/em>. Die Wartenden wirken ruhig, konzentriert und unbeirrt von anderen Aktivit\u00e4ten um sie herum.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Die <em>Routiniertheit des Vollzugs<\/em>. Die Choreographie des Kollektivs ist klar \u2013 obgleich die meisten mutmasslich zum ersten Mal an diesem Ort sind, hat sich ein ritualisierter Ablauf entwickelt: mehr eine repetitiv erscheinende Inszenierung als eine spontane Improvisation, obwohl sie nicht einge\u00fcbt ist. Die Angereisten wissen offenbar genau, was zu tun ist \u2013 ohne dass es eine offizielle Vorbereitung oder eine Anleitung vor Ort g\u00e4be.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Die <em>Eigenst\u00e4ndigkeit der Praktiken<\/em> auf dem Steg: Es wird keine Filmszene nachgestellt. Die Serie legt die ausgelassenen, fr\u00f6hlichen Foto-Praktiken an diesem Ort gerade nicht nahe, in der Sequenz der Serie dominieren vielmehr der Abschied und die Trauer des Protagonisten \u00fcber seine aufgegebene Karriere als Pianist.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Die <em>Praktik des Wartens<\/em> als Teil des Ganzen. Niemand beschwert sich, dass das Warten dauert, dass die Sonne brennt, dass f\u00fcnf Franken zu zahlen sind, und gleich die n\u00e4chsten auf den Bootssteg str\u00f6men.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Zugleich entsteht eine <em>Wartegemeinschaft<\/em>, die auf gegenseitiger Wahrnehmungswahrnehmung und dem geteilten Bezugspunkt der Serie basiert. Die k\u00f6rperliche Anwesenheit anderer Fans erscheint als Teil des Gesamtrituals, auch wenn die eigentliche Fotosession als H\u00f6hepunkt der Liturgie nur mit den Angeh\u00f6rigen der eigenen Gruppe vollzogen wird.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Die <em>individuelle Gestaltung<\/em> des Rituals \u2013 Paare, Freund*innen, Familien, die sich offenkundig besonders gekleidet haben und w\u00e4hrend ihrer Fotosession unter sich bleiben, \u2013 und das dennoch in einer Art <em>Kollektiv.<\/em><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Die Tatsache, dass Menschen vom anderen Ende der Welt anreisen, um<em> an diesem Ort <\/em>ein Foto aufzunehmen.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Die Verbindung einer <em>digital<\/em> verf\u00fcgbaren Serie mit einem <em>physischen Ort<\/em>: Es reicht offenbar nicht, die Folgen anzuschauen, der Ort erfordert ein pers\u00f6nliches Aufsuchen. Die Fotographien werden wiederum digital in die Welt gesandt.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Der Bootssteg wird auf diese Weise zu einer Art <em>Pilgerst\u00e4tte<\/em>, die digitale Praktiken des Serienschauens mit dem physischen Aufsuchen des konkreten Ortes verbindet \u2013 was wiederum in Form der Aufnahmen digital zur\u00fcckgespielt wird.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Der Iseltwalder Bootssteg mit seiner ohnehin eindr\u00fccklichen Bergkulisse wird mit einer<em> zus\u00e4tzlichen<\/em> <em>Bedeutung <\/em>aufgeladen, die er ohne die koreanische Serie nicht h\u00e4tte.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Das Zahlschranken-Drehkreuz, das neben Hinweisschildern als einziges Artefakt vor Ort auf die Serie hinweist, steht in einem gewissen Widerspruch zur unverf\u00fcgbaren, \u00abwilden\u00bb Landschaft. Als <em>Schwelle<\/em> entfaltet es ritualtheoretisch wiederum eine Funktion.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #000000;\">Die Praktiken am \u00abPilgerort\u00bb stiften <em>Sinn<\/em>, gerade weil sie individuelle und digital nachhaltig zug\u00e4ngliche Artefakte erzeugen, und zugleich Gemeinschaft mit anderen Fans vor Ort \u2013 digital vermittelt sogar weltweit \u2013 schaffen.<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Aufgefallen ist mir zudem, dass eine beobachtende Rolle wie meine die Feierlichkeit des Rituals nicht st\u00f6rt. Im Gegenteil, zum Ablauf scheint vielmehr dazuzugeh\u00f6ren, nach dem Fotoshooting wiederum die anderen zu beobachten. So entsteht eine sich wiederholende Choreographie zwischen den Fans der Serie, Spazierg\u00e4ngerinnen mit Hunden, den wenigen Anwohnern und einigen Velofahrerinnen, die einander wohl sonst nicht begegnet w\u00e4ren. Der gemeinsame Nenner ist der Steg am See, der sich zu einer \u00abPilgerst\u00e4tte\u00bb verdichtet und ein eigenes Ritual hervorgebracht hat.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fotos: M. L\u00f6hr<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Hinweise zum sprachlichen und kulturellen Kontext verdanke ich Lara A. Kneub\u00fchler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem Ort, der dies in keiner Weise erwarten liess, vollzieht sich regelm\u00e4ssig eine bestimmte Liturgie. Ohne beurteilen zu wollen oder zu k\u00f6nnen, ob diese religi\u00f6s grundiert ist, fasziniert mich als Praktische Theologin das rituelle Geschehen vor Ort. 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