{"id":1266,"date":"2024-08-14T23:07:54","date_gmt":"2024-08-14T21:07:54","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=1266"},"modified":"2024-10-22T09:17:09","modified_gmt":"2024-10-22T07:17:09","slug":"am-wasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2024\/08\/14\/am-wasser\/","title":{"rendered":"Am Wasser"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000;\"><strong>Was dem einen der Berggipfel, ist der anderen das Wasser. Ich bin die andere. Dabei ist \u201aam Wasser\u2018 nat\u00fcrlich kein konkreter Ort. Eher eine Konstellation. Vielf\u00e4ltig variierbar. Und vielf\u00e4ltig religi\u00f6s anschlussf\u00e4hig.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Ursula Roth<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>David Pl\u00fcss zum 60. Geburtstag<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Was dem einen der Berggipfel, ist der anderen das Wasser. Ich bin die andere. Dabei ist \u201aam Wasser\u2018 nat\u00fcrlich kein konkreter Ort. Eher eine Konstellation. Vielf\u00e4ltig variierbar. Und vielf\u00e4ltig religi\u00f6s anschlussf\u00e4hig. An der K\u00fcste stehen und sich im Blick auf die Meeresoberfl\u00e4che verlieren \u2013 an einem sommerlich heissen Tag in den k\u00fchlen See eintauchen \u2013 dem m\u00e4andernden Lauf eines Flusses folgen und an den quirlig-verstrudelten Str\u00f6mungsmustern die unerm\u00fcdlich vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngende Schubkraft des Wassers betrachten \u2013 und anhand des glucksenden Plitscherns im Bergwald eine Quelle entdecken und mit dem Gef\u00fchl von Dankbarkeit das geschenkte Wasser bestaunen. Meer, See, Fluss, Quelle \u2013 Erscheinungsformen nat\u00fcrlichen Wassers sind l\u00e4ngst vielfach metaphorisch \u00fcberlagert \u2013 es gelingt kaum, sie in Augenschein zu nehmen und zu erleben, ohne dass sie zur Spiegelfl\u00e4che f\u00fcr die eigene Stimmung, f\u00fcr die Betrachtung der eigenen Existenz oder des Lebens insgesamt werden. Das gilt insbesondere f\u00fcr diejenigen Betrachtenden, die sich von dem durch die Romantik kultivierten Blick auf die Natur inspirieren lassen \u2013 wohlwissend oder auch nur unbewusst, indem beim Betrachten kulturell gepr\u00e4gte Sehgewohnheiten stillschweigend \u00fcbernommen werden. Und es gilt vor allem auch f\u00fcr alle, die dar\u00fcber hinaus ein Faible f\u00fcr die impressionistische Neuentdeckung der Natur in der Malerei oder Musik haben. Mendelssohn Bartholdys \u201aHebriden\u2018, Smetanas \u201aMoldau\u2018 oder Debussys \u201aLa Mer\u2018 im Ohr und\/oder Gem\u00e4lde von Caspar David Friedrich, William Turner oder Claude Monet vor Augen ger\u00e4t die Begegnung mit nat\u00fcrlichem Wasser zum kultur- und kunstgeschichtlichen \u00dcberlagerungs- und \u00dcberblendungsspiel vielschichtiger auf das Wasser bezogener Optiken und Akustiken. Die Kunst leistet Erste Seh- und H\u00f6r-Hilfe f\u00fcr die Wahrnehmung von Wasser-Konstellationen. Zwei davon greife ich heraus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Meer sehen<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Der Blick aufs Meer fasziniert, begl\u00fcckt und begeistert Menschen seit jeher \u2013 vor allem jene, die nicht selbst am Meer leben. Wer tagt\u00e4glich mit dem Meer zu tun hat, weiss um dessen allt\u00e4gliche Widrigkeiten, vor allem auch um die Gefahr, die vom Wasser ausgehen kann. Die Faszination, die der Blick auf das Meer ausl\u00f6sen kann, setzt einen anderen, einen spezifisch \u00e4sthetischen Blickmodus voraus, einen vom Alltag distanzierenden und den Alltag verfremdenden Blick. Was genau diese Faszination ausl\u00f6st, ist gar nicht leicht zu sagen. Denn genau genommen ist beim \u2013 ersten \u2013 Blick auf das Meer meist gar nicht viel zu sehen. Eine farblich nur geringf\u00fcgig abschattierte, breit ausgedehnte Fl\u00e4che, die sich bis zum Horizont erstreckt. Doch das Faszinierende am Blick auf das Meer entsteht genau in diesem Moment: nichts Konkretes zu sehen, dieses \u201anichts Konkretes\u2018 allerdings in \u00fcberw\u00e4ltigender \u00dcberf\u00fclle. Der Blick gleitet \u00fcber die Meeresoberfl\u00e4che und findet nicht recht Halt. Der Anblick der Meeresoberfl\u00e4che entgrenzt die eigene Blickweise eigent\u00fcmlich, defokussiert den Blick. Genau dieser defokussierende Effekt macht das beeindruckende Ausmass des Meeres erahnbar. Gerade das \u00dcbermass und die Grenzenlosigkeit dessen, was (nicht) in den Blick kommt, ber\u00fchrt die Betrachterin \u2013 und kann zum Sinnbild f\u00fcr Unendlichkeit und Ewigkeit werden. Das gilt insbesondere, wenn die eigene Position mit ins Spiel kommt: Der Blick auf das Meer stellt dem Menschen \u00abdie Disproportionalit\u00e4t seines Daseins in der Welt vor Augen\u00bb<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Der Gegensatz von \u201aich hier\u2018 und dem un\u00fcberschaubaren Meer dort, von begrenzter Perspektive hier und un\u00fcberblickbarem \u00dcbermass dort, von Begrenztheit und Grenzenlosigkeit macht die \u00abInkommensurabilit\u00e4t des Humanen\u00bb<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> erfahrbar \u2013 genau dieser Effekt kann den Blick auf das Meer nicht nur zur \u00e4sthetischen Erfahrung, sondern dar\u00fcber hinaus zur spirituellen oder religi\u00f6sen Erfahrung, zur Erahnung von Transzendenz werden lassen. \u201aMeer sehen\u2018 kann selbst zur Praktik mit religi\u00f6sem Potential werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Der Blick auf das Meer fasziniert aber auch in einer anderen Hinsicht. Beim zweiten Blick wird sichtbar, dass es sich bei der Oberfl\u00e4che des Meeres keineswegs um eine in Form oder Farbe einheitliche Fl\u00e4che handelt. Nein, das Aussehen der Meeresoberfl\u00e4che variiert je nach Unterwasserflora, Wind und Lichteinfall. Und auch die Annahme, dass sich die Farbe der Meeresoberfl\u00e4che in einem Spektrum von Gr\u00fcn\u2011, T\u00fcrkis\u2011, Blau- und Graut\u00f6nen bewegt, erweist sich als Trugschluss. Das Meer zeigt sich in einem vielf\u00e4ltigen Spiel von Licht und Schatten, Form und Farbe. Die Farbfl\u00e4che ist durchsetzt durch vielfach gebrochene Spiegelungen dessen, was nicht im, sondern \u00fcber dem Wasser zu sehen ist \u2013 Himmel, Wolken, vor allem das Sonnenlicht \u2013 es entsteht ein Spiel unz\u00e4hliger Brechungen bis hin zum Teppich aus glitzernden Lichtpunkten, der sich aufgrund der Wellenbewegungen st\u00e4ndig ver\u00e4ndert. Die Spiegeleffekte erweitern die durch das Wasser vorgegebene Farbpalette um Gelb\u2011, Orange\u2011, Rot\u2011 und Violettt\u00f6ne. Je nach Wetter kann die Farbfl\u00e4che des Meeres auch durch Schaumkronen oder hoch aufget\u00fcrmte Wellenberge, durch Brandung und Gischt unterbrochen sein. Der Blick von der englischen Steilk\u00fcste auf den dunklen, bedrohlich und wild wirkenden Atlantik ist mit dem Blick vom griechischen Sandstrand auf die scheinbar friedlich und einladend anmutende \u00c4g\u00e4is kaum zu vergleichen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Der Blick auf das Meer fasziniert in dieser F\u00fclle an Eindr\u00fccken. In ihrer st\u00e4ndigen Bewegung und dem flackernden Reflektieren des Lichts vermittelt die Meeresoberfl\u00e4che Lebendigkeit und Dynamik und hat zugleich eine beruhigende, fast meditative Wirkung. Das, was zu sehen ist, l\u00e4dt ein, zum Spiegel f\u00fcr anderes zu werden \u2013 f\u00fcr eigene Empfindungen, die durch das Farb- und Formenspiel angeregt oder erinnert werden und sich der inneren Betrachtung darbieten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">In den k\u00fchlen See eintauchen<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">W\u00e4hrend der Blick auf das Meer viel mit Sehen und H\u00f6ren, mit Spiegeleffekten und Betrachtungsmodi zu tun hat, \u00fcberwiegt beim Eintauchen in den k\u00fchlen See eine andere Empfindung: die rein k\u00f6rperliche Empfindung des Hautkontakts, der unmittelbaren k\u00f6rperlichen Ber\u00fchrung, eine \u00abganzheitlich umschlie\u00dfende Rundumempfindung\u00bb<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. In den See einzutauchen, heisst, sich von einem ganz anderen Element umschliessen zu lassen und umschlossen zu sein \u2013 umschlossen von Wasser, das als Urelement des Lebens gilt. Die Trennung von Ich und Aussenwelt ist in diesem \u201aozeanischen Gef\u00fchl\u2018 nicht aufgehoben, aber doch eigent\u00fcmlich modifiziert. Sich im Wasser zu bewegen, wird seit jeher als lustvoll und begl\u00fcckend beschrieben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das K\u00f6rpergef\u00fchl im bzw. unter Wasser ist mit dem an Land kaum zu vergleichen. Der Auftrieb reduziert das Gewicht des eigenen K\u00f6rpers, im Wasser f\u00fchlt sich der eigene K\u00f6rper wunderbar leicht an \u2013 fast wie fliegen. Zugleich wirken die Bewegungen wie abgebremst, wie im Slow-Motion-Modus. Und wer dann sogar die Kunst beherrscht, durch entsprechende, den Tieren abgeschaute Schwimmbewegungen nicht abzusinken, sondern an der Wasseroberfl\u00e4che wunderbar gleitend sich treiben lassen oder auch gezielt eine Strecke zur\u00fccklegen zu k\u00f6nnen, der kennt eine weitere Facette dieses In-den-See-Eintauchens. Schwimmen zu k\u00f6nnen, heisst, im st\u00e4ndigen Austarieren zwischen Auftriebskraft des Wassers und eigenen einge\u00fcbten Bewegungen Halt zu finden, wo kein eigentlicher Halt ist \u2013 im st\u00e4ndigen Ausgleich zwischen Getragen-Werden und Sich-tragen-Lassen den eigenen K\u00f6rper aktiv und passiv zugleich zu erleben. Schwimmen lernt, wer am besten gar nicht recht nachdenkt, wie das eine mit dem anderen zusammengeht, um das Wasser als tragend erleben zu k\u00f6nnen.<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">In den k\u00fchlen See einzutauchen, dient nur selten einem klaren Ziel \u2013 etwa von A nach B zu kommen. Sich im Wasser zu bewegen, ist zwar h\u00e4ufig auch durch einen rationalen Zweck wie Abk\u00fchlung oder k\u00f6rperliche Ert\u00fcchtigung begr\u00fcndet, doch geht es darin nie auf. Sich im Wasser zu bewegen, ist f\u00fcr viele selbst k\u00f6rperlicher Genuss, der \u00abeine Daseinslust sondergleichen beschert und fast alle S\u00fcnden vergessen l\u00e4sst\u00bb<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Der Genuss gipfelt in der Erfahrung, sich an einem sonnigen Sommertag im k\u00fchlen See in R\u00fcckenlage treiben zu lassen \u2013 gleichsam schwebend, nur durch geringe Bewegungen im Gleichgewicht gehalten, den Blick gen Himmel gerichtet und mit einer begl\u00fcckenden Mischung aus Lebenslust und Existenzfreude erf\u00fcllt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Den Blick auf das Meer richten oder in den See eintauchen \u2013 Praxisformen wie diese changieren zwischen Naturerleben und einer Form spezifisch neuzeitlich gepr\u00e4gter, privat-religi\u00f6s praktizierter Natur- oder Sch\u00f6pfungsfr\u00f6mmigkeit. Die \u00dcberg\u00e4nge sind flie\u00dfend und lassen sich wohl nur von den Praktizierenden selbst bestimmen. Auch wenn sich keine unmittelbaren homiletischen oder liturgischen Konsequenzen benennen lassen, ist der praktisch-theologische Erkenntnisgewinn gleichwohl beachtlich. Dass Praxisformen des Sehens<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> oder k\u00f6rperbezogene Praxisformen wie Gehen oder Schwimmen als Momente spezifisch neuzeitlich gepr\u00e4gter Fr\u00f6mmigkeitspraxis begreifbar werden k\u00f6nnen, untermauert die Erkenntnis der lebensweltlichen Relevanz sp\u00e4tmoderner Fr\u00f6mmigkeitspraktiken, die zu kennen f\u00fcr die kirchliche Praxis \u2013 nicht nur f\u00fcr jene Praxisbereiche im Kontext der Freizeit- oder Urlaubswelt \u2013 unverzichtbar ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Hermann Timm, Zwischenf\u00e4lle. Die religi\u00f6se Grundierung des All-Tags, G\u00fctersloh <sup>3<\/sup>1986, 61.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ebd.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> A. a. O. 65.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. insgesamt dazu a. a. O., 59ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> A. a. O., 59.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. Eva Sch\u00fcrmann, Sehen als Praxis. Ethisch-\u00e4sthetische Studien zum Verh\u00e4ltnis von Sicht und Einsicht, Frankfurt\/M. 2008.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #000000;\">Aus oben genanntem Anlass ver\u00f6ffentlichen wir eine Reihe von Blogs\u00a0 auf liturgikblog.unibe.ch sowie auf <a style=\"color: #000000;\" href=\"https:\/\/www.theos.unibe.ch\/\">theos.unibe.ch. <\/a>Es sind Beitr\u00e4ge zu theologisch, bzw. religi\u00f6s bedeutsamen Orten: auf theos sind es Orte in der Schweiz, auf dem Liturgikblog Orte aus aller Welt. Die Autor:innen &#8211; Kolleg:innen aus der Schweiz und aus dem Ausland &#8211; erkunden dabei die Verbindung von Orten, bzw. Landschaften einerseits und Religion, Spiritualit\u00e4t und Ritualit\u00e4t andererseits.<\/span><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was dem einen der Berggipfel, ist der anderen das Wasser. Ich bin die andere. Dabei ist \u201aam Wasser\u2018 nat\u00fcrlich kein konkreter Ort. Eher eine Konstellation. 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