{"id":1300,"date":"2024-09-13T11:29:37","date_gmt":"2024-09-13T09:29:37","guid":{"rendered":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=1300"},"modified":"2024-10-22T09:16:34","modified_gmt":"2024-10-22T07:16:34","slug":"die-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2024\/09\/13\/die-17\/","title":{"rendered":"Die 17"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000;\"><strong>Der bedeutsame Ort, der hier abgebildet ist, ist ein Uferst\u00fcck: Man sieht zwar nicht den See, aber man erkennt den erdigen Untergrund und das hoch gewachsene Gras. Mein Golfball ist hier gelandet, und zwar gl\u00fccklicherweise jenseits der durch den gelben Pfosten markierten Penalty-Area. Den Pfosten darf ich herausziehen, hinlegen und ich kann den Ball, der sich zum Gl\u00fcck kaum eingegraben hat, ohne Strafschlag weiterspielen. <\/strong><a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Birgit Weyel<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>David Pl\u00fcss zum 60. Geburtstag<\/em><\/span><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das Foto habe ich zu dokumentarischen Zwecken f\u00fcr mich und andere gemacht: Zum ersten Mal ist es mir gelungen, meinen Golfball am Loch 17 \u00fcber den See zu schlagen!<\/span><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><span style=\"color: #000000;\">[1]<\/span><\/a><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Die Handlungsmacht des Golfballs<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Schon h\u00e4ufig habe ich gedacht, dass die Praktische Theologie ihren Subjekten (in diesem Fall: mir) dazu verhilft, lebensweltlichen Situationen nicht einfach ausgeliefert zu sein, sondern sie auch bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen. Die grundlegende Bew\u00e4ltigungsstrategie, das Coping, liegt darin, Reflexionsperspektiven im Alltag parat zu haben. Theorie schafft eine Distanz, die die individuelle Beteiligung nicht leugnet oder beiseiteschafft, sondern methodisch integriert und das Beste daraus macht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Der bedeutsame Ort ist somit aus Sicht der Praktischen Theologie als eine Situation zu begreifen, die theoretische Zug\u00e4nge provoziert und dadurch Kontingenzbew\u00e4ltigung m\u00f6glich macht, um mit dem Zuf\u00e4lligen und nicht Beeinflussbaren des Lebens umzugehen. \u00abScientific theories begin with situations \u2026 Theories are responses to the contingencies of these situations \u2013 courses of action articulated with yet more courses of action.\u00bb<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Das bedeutet aber auch, dass ein naiver Zugang zu Orten verwehrt bleibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Im Fall von Loch 17 etwa bedeutet das, dass sich die Komplexit\u00e4t der Situation nahezu aufdr\u00e4ngt. Eine Differenzierung zwischen Natur (See, Gras, Steine Erde) und Kultur (Golfball, ein von Menschenhand bearbeiteter Holzstock) erscheint nicht nur beliebig, sondern muss als ein Denken entlarvt werden, das der dualistisch konstruierten Moderne<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> verhaftet bleibt: Die Kehrseite von Natur, die als unber\u00fchrter (Sehnsuchts-)Ort konstruiert wird, ist ein starker Anthropozentrismus, der Kultur und Gesellschaft als abgetrennte Bereiche definiert, um sich der Natur bem\u00e4chtigen zu k\u00f6nnen. Ebenso problematisch ist es, sich auf eine vermeintlich reine Natur zu beziehen, um etwas axiomatisch und letztg\u00fcltig zu setzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Der bedeutsame Ort ist immer schon eine sozial und kulturell formatierte oder \u2013 mit Erving Goffman: gerahmte \u2013 Situation. Eine kulturtheoretisch informierte und sozialkonstruktivistisch sensibilisierte Praktische Theologie wird Zuschreibungsprozesse als solche benennen und mit Bruno Latour<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> die Hybridit\u00e4t des Sozialen unterstreichen. Dass ein Golfball Handlungsmacht besitzt, wird man einer Golfspielerin nicht lange erkl\u00e4ren m\u00fcssen. L\u00e4ngst bringt sich dieses geteilte Wissen in der Sprache zum Ausdruck: Schl\u00e4ge \u00abkommen\u00bb oder sie kommen eben nicht. Eine anthropozentrische Intentionalit\u00e4t wird immer schon durch die Mitspieler (Wind, Wasser, Materialit\u00e4t, Dreck am Ball) marginalisiert oder doch zumindest relativiert. Man k\u00f6nnte dieses Ph\u00e4nomen noch als eine f\u00fcr Ballspiele typische und reizvolle Form von Kontingenz ansehen, wenn nicht im Golfsport in diesem Zusammenhang regelm\u00e4ssig von \u00abDemut\u00bb die Rede w\u00e4re.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Wertevermittlung<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Golf lehre Demut, das bekommt man schon in einer der ersten Lektionen mit auf den Weg gegeben und es wird best\u00e4ndig, wie ein Mantra, wiederholt. Steuert man nach dem 18. Loch wieder auf das Gel\u00e4nde des Clubs zur\u00fcck, so dauert es nicht lange und man wird angesprochen, wie es denn gelaufen sei.<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Dabei geh\u00f6rt es sich selbstverst\u00e4ndlich, sich nicht anders als selbstkritisch zum eigenen Spiel zu \u00e4ussern. Die sozialen Normen sind streng. \u00abMan muss dem\u00fctig sein.\u00bb Das bekommt man dann in der Regel zu h\u00f6ren, so dass man selbst in diese liturgische Formel einzustimmen geneigt ist. Die Demutsformel wird ausdr\u00fccklich nicht nur mit dem eigenen Unverm\u00f6gen oder der mangelnden Passung zwischen Selbstanspruch und eigener Spielst\u00e4rke in Verbindung gebracht, sondern mit der Natur als Akteurin mit eigener Agency: \u00abTrotzdem k\u00e4mpfen wir weiter und lernen dabei Demut, denn auf dem Golfplatz entscheiden wir nicht alles selbst. Die Natur macht uns regelm\u00e4\u00dfig einen Strich durch die Rechnung.\u00bb<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Man gewinnt den Eindruck, dass es gar nicht prim\u00e4r darum gehe, das eigene Spiel zu entwickeln oder Spass zu haben, sondern an der eigenen Person zu arbeiten. \u00abNicht schreien, nicht schummeln, Contenance bewahren, wenn es nicht so l\u00e4uft [\u2026]. Das bedeutet Selbstbeherrschung und hilft unter anderem im Alltag die Dinge gelassener zu nehmen.\u00bb<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Gender-Gap<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die Euphorie, die mich an dem bedeutsamen Ort erfasst hat, so dass ich meine Balllage fotografisch festgehalten habe, ja, festhalten musste, passt nicht zur angestrebten Demut. Sie stimmt aber zusammen mit der Selbstreflexivit\u00e4t \u00abk\u00f6rperlich-mimetischer Lernprozesse und Normen\u00bb<a style=\"color: #000000;\" href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>. Der bedeutsame Ort verweist auf soziale Situationen, die von vielf\u00e4ltigen Gender-Gaps gepr\u00e4gt sind und den Ort konstituieren. Die Euphorie und der Zwang zur Dokumentation erkl\u00e4rt sich n\u00e4mlich so, dass Personen, die als weiblich gelesen werden, abgesprochen wird, den Ball auf direktem Wege \u00fcber den See zu driven. Das sei ja ganz ungerecht, dass Frauen auf Loch 17 <em>\u00fcberhaupt keine<\/em> Chance h\u00e4tten. Weil es viel zu weit sei. Schon wegen der Physis. So mein Mitspieler, den ich erst seit etwa zwei Stunden (seit Loch 10) kenne und bis dahin eigentlich ganz nett fand. Die Praktische Theologie muss damit leben, dass ihre theoretischen Zug\u00e4nge zu lebensweltlichen Orten (in diesem Fall der Sozialkonstruktivismus) von anderen nicht geteilt werden oder kaum zug\u00e4nglich erscheinen, aber manchmal plausibilisieren sie sich alltagspraktisch. Die 17 ist ein solcher bedeutsamer Ort.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Prof. Dr. Birgit Weyel ist Professorin f\u00fcr Praktische Theologie mit den Schwerpunkten Seelsorge und Pastoraltheologie an der Eberhard Karls-Universit\u00e4t in T\u00fcbingen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #000000;\">Aus oben genanntem Anlass ver\u00f6ffentlichen wir eine Reihe von Blogs\u00a0 auf liturgikblog.unibe.ch sowie auf <a style=\"color: #000000;\" href=\"https:\/\/www.theos.unibe.ch\/\">theos.unibe.ch. <\/a>Es sind Beitr\u00e4ge zu theologisch, bzw. religi\u00f6s bedeutsamen Orten: auf theos sind es Orte in der Schweiz, auf dem Liturgikblog Orte aus aller Welt. Die Autor:innen &#8211; Kolleg:innen aus der Schweiz und aus dem Ausland &#8211; erkunden dabei die Verbindung von Orten, bzw. Landschaften einerseits und Religion, Spiritualit\u00e4t und Ritualit\u00e4t andererseits.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/gc-schloss-kressbach.de\/golfanlage\/meisterschaftsplatz.html\">https:\/\/gc-schloss-kressbach.de\/golfanlage\/meisterschaftsplatz.html<\/a> Hier findet sich auch ein kurzer Film, der einen Eindruck aus der Perspektive des Ballflugs auf Loch 17 vermittelt (abgerufen am 26.05.2024).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0S.L. Star: Regions of the mind. Brain Research and the Quest for Scientific Certainty, Stanford 1989, 15f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Zum Zusammenhang von Naturbeherrschung und Sozialkonstruktivismus vgl. Andr\u00e9 Hinderlich: Kurzer Umriss einer dualistisch konstruierten Moderne in der Soziologie und ihr Bruch bei Bruno Latour, in: Natur-Kultur-Verh\u00e4ltnisse bei Bruno Latour, Wiesbaden 20237\u201317; https:\/\/doi.org\/10.1007\/978-3-658-42450-3_2.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Bruno Latour: Eine Soziologie f\u00fcr eine neue Gesellschaft. Einf\u00fchrung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt am Main, 2007.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> In der Regel ist dies jemand, der zur Kerngemeinde geh\u00f6rt. Als praktisch-theologische Kategorie von Kirchenzugeh\u00f6rigkeit eignet sich die Zuschreibung zwar \u00fcberhaupt nicht.\u00a0 Auf dem Golfplatz trifft sie zu: Die Kerngemeinde ist immer da.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> <a href=\"https:\/\/golfersparadise.ch\/blog\/Warum-Golf-suechtig-macht\/\">https:\/\/golfersparadise.ch\/blog\/Warum-Golf-suechtig-macht\/<\/a> (abgerufen am 26.05.2024).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> David Pl\u00fcss und Alexander Deeg: Liturgik (Lehrbuch Praktische Theologie Band 5), G\u00fctersloh 2021, 15.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der bedeutsame Ort, der hier abgebildet ist, ist ein Uferst\u00fcck: Man sieht zwar nicht den See, aber man erkennt den erdigen Untergrund und das hoch gewachsene Gras. Mein Golfball ist hier gelandet, und zwar gl\u00fccklicherweise jenseits der durch den gelben Pfosten markierten Penalty-Area. 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