{"id":1596,"date":"2025-03-04T12:03:14","date_gmt":"2025-03-04T11:03:14","guid":{"rendered":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=1596"},"modified":"2026-06-15T02:10:40","modified_gmt":"2026-06-15T00:10:40","slug":"bankfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2025\/03\/04\/bankfreiheit\/","title":{"rendered":"Bankfreiheit"},"content":{"rendered":"<p><strong>K\u00fcrzlich war das Berner M\u00fcnster wie nur selten zu erleben: leerger\u00e4umt und ohne Bankreihen. Auch wenn die Autorin des Beitrags eher zur\u00fcckhaltend ist, was die Ver\u00e4nderung historischer R\u00e4ume und Artefakte angeht: Dieses Raum-Erleben hat \u00fcberzeugt.<\/strong><\/p>\n<p>Miriam L\u00f6hr<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Im Zuge gr\u00f6sserer Restaurationsarbeiten war das Gew\u00f6lbe des Berner M\u00fcnsters durch eine eingezogene Zwischendecke abgetrennt und von unten nicht sichtbar. Das gotische Gew\u00f6lbe einschliesslich der Berner Familienwappen, jeweils etwa eine Tonne schwer, wurde restauriert und gereinigt, und nun, im Februar 2025, die begehbare massive Zwischendecke unter Einsatz eines eindrucksvollen Bauger\u00fcsts im Mittelschiff entfernt. Zur\u00fcck blieb, f\u00fcr einige Tage, die leere, \u00abbankfreie\u00bb<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a> Kirche. Am Sonntagmittag war das Geb\u00e4ude jedoch keineswegs leer. 100-200 Menschen flanierten zeitgleich durch den gesamten Raum, kamen und gingen, fotographierten, lauschten den Berichten von Architekt:innen, Restaurator:innen und Baumeister:innen und ihren neuen Erkenntnissen zu den Bauk\u00fcnsten des 16. Jahrhunderts, sprachen in kleinen Gruppen miteinander, schauten und entdeckten und setzten sich zum Beobachten der Szenerie in die bestehenden Bankreihen in den Seitenschiffen. Menschen unterschiedlichen Alters kamen, einige Tourist:innen, vielfach aber Berner:innen, die ihre Kirche in diesem besonderen Zustand sehen wollten. In der Luft lagen Neugier, Achtung gegen\u00fcber den alten und neuen Baumeister:innen, und eine Art Stolz. Erstaunlicherweise schien das Mittelschiff ohne die dunklen h\u00f6lzernen Bankreihen kleiner, aber die Decke h\u00f6her, ohne dass die unten Umherlaufenden dadurch \u00abkleiner\u00bb wurden \u2013 im Gegenteil, die meisten Menschen wirkten frei, sich zu bewegen und umzusehen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1583 \" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Miriam-Muenster1.jpg\" alt=\"\" width=\"1017\" height=\"1198\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Miriam-Muenster1.jpg 760w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Miriam-Muenster1-255x300.jpg 255w\" sizes=\"auto, (max-width: 1017px) 100vw, 1017px\" \/><\/p>\n<p><strong>\u00dcberraschungen<\/strong><\/p>\n<p>H\u00e4tte ich vorher die Affordanz, den Aufforderungscharakter der Kirchenb\u00e4nke, sich zu setzen und von dort her innezuhalten, aus praktisch-theologischer Perspektive als zentral eingesch\u00e4tzt, wurde ich eines Besseren belehrt: Trotz der Bewegung im Raum war die Atmosph\u00e4re ruhig, aufmerksam, fast feierlich. Es schien mitnichten so, dass eine der praktischen Funktionen von Kirchenb\u00e4nken, Menschengruppen zu \u00aborganisieren\u00bb und dem Geschehen im Kirchraum eine Ordnung zu geben, notwendig w\u00e4re. Auch meine \u00dcberzeugung, inkorporiertes Wissen helfe, sich in einem Sakralraum wie dem gotischen M\u00fcnsterbau zu bewegen, wurde auf die Probe gestellt. Niemand schien verloren oder unsicher, niemand verhielt sich dem historischen Geb\u00e4ude gegen\u00fcber unpassend. Vielmehr entstanden Begegnungen, Gespr\u00e4che, pers\u00f6nliche Entdeckungen kleiner Details wie einer alten T\u00fcr, einer versteckten Inschrift oder einer bislang \u00fcbersehenen Holzschnitzerei. Hier konnte man sich die Gottesdienste des Mittelalters vorstellen, in denen es \u00fcblich war, w\u00e4hrend der Feier nicht zu sitzen, sondern zu stehen und umherzugehen,<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> und in denen ohnehin an den unterschiedlichen Alt\u00e4ren mehrere Feierhandlungen gleichzeitig stattfinden konnten. Auch die Kanzel stand pl\u00f6tzlich frei, prek\u00e4r und pr\u00e4sent zugleich, und zog die Aufmerksamkeit in neuer Weise auf sich:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1584 \" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Miriam-Muenster2.jpg\" alt=\"\" width=\"1006\" height=\"1340\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Miriam-Muenster2.jpg 702w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Miriam-Muenster2-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 1006px) 100vw, 1006px\" \/><\/p>\n<p><strong>Und im Gottesdienst?<\/strong><\/p>\n<p>Was aber ist mit Gottesdiensten heute, wenn es im Hauptschiff keine B\u00e4nke hat? Nicht zuf\u00e4llig ist eine lebhafte und teilweise kontroverse Debatte um die Frage nach mobilen Bestuhlungen von Kirchen im Gange, und freilich bestehen unterschiedliche Motivationen und Modi der Raumwahrnehmung nebeneinander. Diese reichen von touristischen Besichtigungen des (kunst-)historischen Orts bis hin zu gezieltem Aufsuchen als Sakral- und Andachtsraum. Im Fall des M\u00fcnsters erfuhr ich in einem spontanen Gespr\u00e4ch auf den Stufen zum Chor, dass der Gottesdienst am Morgen eben so gefeiert wurde \u2013 im leeren Hauptschiff ohne B\u00e4nke, mit Sitzgelegenheiten in den Seitenschiffen. Es sei sehr intensiv und lebendiger gewesen, weniger steif, und aus den vier Ecken habe der Chor gesungen, <em>dona nobis pacem<\/em>. Auch wenn die B\u00e4nke mittlerweile wieder Einzug ins M\u00fcnster gehalten haben: Die tempor\u00e4re Leere zeigte das trotz aller Vertrautheit immer wieder \u00fcberraschende und vielf\u00e4ltige Potential, das historischen Kirchenr\u00e4umen innewohnt.<\/p>\n<p>Fotos: M. L\u00f6hr<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die Formulierung des \u00abbankfreien\u00bb Mittelschiffs fand sich auf der Website des Berner M\u00fcnsters, auf der das begleitende Festprogramm vorgestellt wurde (Eintrag inzwischen digital nicht mehr verf\u00fcgbar).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Deeg, Alexander\/Pl\u00fcss, David, Liturgik. Lehrbuch Praktische Theologie Bd. 5, G\u00fctersloh 2021, 431.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich war das Berner M\u00fcnster wie nur selten zu erleben: leerger\u00e4umt und ohne Bankreihen. Auch wenn die Autorin des Beitrags eher zur\u00fcckhaltend ist, was die Ver\u00e4nderung historischer R\u00e4ume und Artefakte angeht: Dieses Raum-Erleben hat \u00fcberzeugt. 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