{"id":1817,"date":"2026-05-23T22:46:09","date_gmt":"2026-05-23T20:46:09","guid":{"rendered":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=1817"},"modified":"2026-06-15T01:01:57","modified_gmt":"2026-06-14T23:01:57","slug":"o-heiliger-geist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2026\/05\/23\/o-heiliger-geist\/","title":{"rendered":"O Heiliger Geist!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie besingen wir die heilige Geistkraft Gottes? \u00dcber versteckte Konflikte in Kirchenliedern<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Angela Berlis<\/p>\n<p>Ein paar Tage vor Auffahrt (Himmelfahrt) nahm ich im Mai 2026 an einem Treffen der Theologischen Fakult\u00e4t mit der Kirchenleitung der reformierten Kirchen Bern \u2013 Jura \u2013 Solothurn teil. Ich war die einzige christkatholische Theologin, die anderen Anwesenden waren evangelisch, die meisten von ihnen reformiert. Am Anfang der Sitzung wurde gemeinsam ein Lied aus dem mir wenig vertrauten reformierten Gesangbuch gesungen, \u00abO Heiliger Geist, o heiliger Gott\u00bb. Es ist ein Pfingstlied, der Text stammt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Der Text wird Johannes Niedling zugeschrieben, der 1626 mit 24 Jahren Lehrer am Gymnasium in Altenburg wurde. Die schwungvolle barocke Melodie ist \u00e4lter, mit ihrer Beweglichkeit fand das Lied weite Verbreitung.<\/p>\n<p>Die erste Strophe lautet:<\/p>\n<p><em>O Heiliger Geist, o heiliger Gott,<\/em><\/p>\n<p><em>du Tr\u00f6ster wert in aller Not,<\/em><\/p>\n<p><em>du bist gesandt vom Himmelsthron,<\/em><\/p>\n<p><em>von Gott, dem Vater und dem Sohn,<\/em><\/p>\n<p><em>o Heiliger Geist, o heiliger Gott. <\/em><\/p>\n<p>Beim Singen stutzte ich. Mein Nachbar, ein junger Kollege, und ich schauten uns an: tats\u00e4chlich, nickte er, ein Heilig-Geist-Lied mit dem \u00abFilioque\u00bb! Das Filioque ist ein Zusatz zum \u00d6kumenischen Glaubensbekenntnis, das im vierten Jahrhundert bei den beiden ersten \u00d6kumenischen Konzilien von Niz\u00e4a (325) und Konstantinopel (381) formuliert wurde. Darin heisst es: \u00abWir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater hervorgeht\u2026\u00bb. In der Westkirche findet sich ab dem ausgehenden 6. Jahrhundert hier und da das Filioque im Glaubensbekenntnis; Anfang des 9. Jahrhunderts wurde es durch eine westkirchliche Synode in Aachen als wesentliches Glaubensgut angesehen: Der Geist geht nun nicht mehr nur, wie urspr\u00fcnglich, aus dem Vater aus, sondern aus dem Vater \u00abund dem Sohn\u00bb (= lateinisch: \u00abfilioque\u00bb). Die Intention hinter dem Zusatz war die Betonung der Gleichrangigkeit zwischen Sohn und Vater \u2013 doch dies f\u00fchrte zur \u00abDomestizierung des Geistes in der westkirchlichen Welt\u00bb (Hans-Georg Link). Der kleine Zusatz hat grosse theologische Bedeutung \u2013 und hat das Grosse Schisma zwischen Ost- und Westkirche (1054) ins Rollen gebracht. Der Stein des Anstosses rollt bis heute weiter. Deshalb wurde im Vorfeld der 1700-Jahr-Feier von Niz\u00e4a verschiedentlich dazu angeregt, zum urspr\u00fcnglichen Text des Glaubensbekenntnisses zur\u00fcckzukehren.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> In diesem Zusammenhang kam es auch zu Vereinbarungen, in \u00f6kumenischen Kontexten das Glaubensbekenntnis in seiner urspr\u00fcnglichen Fassung, also ohne das Filioque, miteinander zu bekennen.<\/p>\n<p>Aber das scheint gar nicht so einfach zu sein.<\/p>\n<p>Als am 1. Juni 2025 im Berner M\u00fcnster beim nationalen \u00f6kumenischen Gedenkgottesdienst anl\u00e4sslich des 1700-Jahr-Jubil\u00e4ums des Ersten \u00d6kumenischen Konzils von Niz\u00e4a das Glaubensbekenntnis gleich mehrmals gesungen wurde, um es so nach unterschiedlichen Traditionen zu Geh\u00f6r zu bringen, enthielt die gregorianische Fassung, vorgetragen von einem r\u00f6misch-katholischen Chor, das Filioque. Viele werden es nicht bemerkt haben \u2013 ebensowenig wie den meisten das Filioque im Heilig-Geist-Lied auff\u00e4llt. Im reformierten Gesangbuch ist der Text des \u00a0Glaubensbekenntnisses von Niz\u00e4a-Konstantinopel ebenfalls abgedruckt, und zwar mit dem filioque (unter Nr. 264). In einer Anmerkung wird darauf hingewiesen, dass die Westkirche diesen Zusatz im Mittelalter angenommen habe, w\u00e4hrend die orthodoxen Kirchen am urspr\u00fcnglichen Wortlaut festhalten w\u00fcrden und die christkatholische Kirche dies ebenfalls tue.<\/p>\n<p>Da das \u00d6kumenische Glaubensbekenntnis in den reformierten Kirchen nicht sehr oft im Gottesdienst gesprochen wird, wird es wohl kaum jemandem auffallen, was genau im Text steht.<\/p>\n<p>Ausserdem bietet das reformierte Gesangbuch eine Alternative an: Anstelle der ersten und zweiten Strophe in Nr. 506 kann n\u00e4mlich Nr. 507 mit einer ganz anderen ersten Strophe gesungen werden. Sehr sch\u00f6n wird hier der Hl. Geist in seinem Wirken angesprochen:<\/p>\n<p>O Heiliger Geist, o heiliger Gott,<\/p>\n<p>du Leben, das die Welt durchwallt,<\/p>\n<p>du Feuer, das die Welt durchstrahlt,<\/p>\n<p>du Wort, das alle Welt durchhallt:<\/p>\n<p>O Heiliger Geist, o heiliger Gott.<\/p>\n<p>Dieser Text, obwohl in seiner Wortwahl etwas altert\u00fcmlich anmutend (er stammt aus dem Jahr 1844 von Abraham Emanuel Fr\u00f6hlich), d\u00fcrfte heutige Menschen vielleicht sogar mehr ansprechen als der urspr\u00fcngliche Wortlaut. So braucht man sich auch keine Gedanken zu machen \u00fcber die innertrinitarischen Beziehungen zwischen Vater \u2013 Sohn &#8211; Geist, sondern besingt einfach den Geist allein! Das hat viel f\u00fcr sich, nicht zuletzt deshalb, weil es uns in die Dynamik der g\u00f6ttlichen Geistkraft eintauchen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Und im christkatholischen Gesangbuch?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich habe ich nach meiner R\u00fcckkehr von dem Treffen zwischen den reformierten Kirchen und der Theologischen Fakult\u00e4t (es gibt \u00e4hnliche Treffen mit der christkatholischen Kirche) direkt im schweizerischen christkatholischen und im deutschen altkatholischen Gesangbuch nachgeschaut. In der deutschen altkatholischen Kirche wird das Lied nicht gesungen. Aber in der Schweiz schon, ich fand es im christkatholischen Gesangbuch unter der Nr. 688.<\/p>\n<p>Und das gibt mir zu denken. Welche Gr\u00fcnde m\u00f6gen eine Rolle gespielt haben? Weil Menschen es kannten, es mochten und m\u00f6gen? Weil es leicht singbar ist? Weil es anleitet zu einem t\u00e4tigen Glauben? Ich weiss es nicht. Aber es erinnert mich an andere Diskussionen. Seit einigen Jahrzehnten gibt es immer wieder Diskussionen dar\u00fcber, dass Gesangbuchtexte nicht inklusiv genug seien in Bezug auf Frauen und weibliche Gottesvorstellungen. In vielen Liedern (gerade wenn sie \u00e4lter sind und keine Autorenrechte mehr bestehen) wurden in den letzten Jahrzehnten neue Formulierungen gefunden, die geschwisterlicher anmuten.<\/p>\n<p>Mutatis mutandis geht es um \u00e4hnliche Fragen: Wie gehen wir mit Texten um, die (theologisch) nicht mehr stimmen oder nicht mehr stimmig sind? Vielleicht ist das Pfingstfest eine gute Gelegenheit, sich inspirieren zu lassen: Lassen wir den Geist wehen, wo sie will!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Quellen<\/strong>: Gesangbuch der Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz, hg. vom Verein zur Herausgabe des Gesangbuchs, Basel u. Z\u00fcrich 1998, Nr. 506<\/p>\n<p>Gebet- und Gesangbuch der Christkatholischen Kirche der Schweiz, hg. von Bischof und Synodalrat der Christkatholischen Kirche der Schweiz, Basel [2004], Nr. 688<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> So etwa im Jahr 2024 unabh\u00e4ngig voneinander der \u00f6kumenische Altenberger Kreis und die Gemeinsame Internationale lutherisch-orthodoxe Kommission zw. dem Lutherischen Weltbund und der Orthodoxen Kirche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie besingen wir die heilige Geistkraft Gottes? \u00dcber versteckte Konflikte in Kirchenliedern<\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":1823,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","footnotes":""},"categories":[1,25],"tags":[],"ppma_author":[291],"class_list":["post-1817","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-musik"],"acf":[],"authors":[{"term_id":291,"user_id":12,"is_guest":0,"slug":"berlis","display_name":"Angela Berlis","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/52e8b8b10aa827c0b8a7d18177d37e881f28fc30ab79a958edd60fb5d2b851fd?s=96&d=blank&r=g","author_category":"","first_name":"Angela","last_name":"Berlis","user_url":"","job_title":"","description":""}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1817","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1817"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1817\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1832,"href":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1817\/revisions\/1832"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1823"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1817"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1817"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1817"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/ppma_author?post=1817"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}