{"id":183,"date":"2022-02-02T09:00:00","date_gmt":"2022-02-02T08:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=183"},"modified":"2024-11-01T10:13:31","modified_gmt":"2024-11-01T09:13:31","slug":"digitalisierung-als-chance-fuer-die-predigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2022\/02\/02\/digitalisierung-als-chance-fuer-die-predigt\/","title":{"rendered":"Digitalisierung als Chance f\u00fcr die Predigt"},"content":{"rendered":"\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns: 35% auto;\">\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\u00a0<\/div>\r\n<\/div>\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color\" style=\"font-size: 17px;\"><span style=\"font-size: 24pt;\"><strong>Predigen online \u2013 Ein Schreibgespr\u00e4ch, Nr. 2<\/strong><\/span><\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><strong>David Pl\u00fcss schrieb in seinem Beitrag von der Nacktheit der Online-Predigt. Bringt der Digitalisierungsboom die Predigt folglich in Gefahr? Oder entfaltet Predigt gerade so ihre verk\u00fcndigende Kraft?<\/strong><\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Kirsten J\u00e4ger<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size: 17px;\">Das von David Pl\u00fcss erw\u00e4hnte \u00abSchlingern\u00bb, die \u00abAufl\u00f6sung der Konturen\u00bb von Predigt klingt nach Kontrollverlust. Ist dieser Kontrollverlust eher Gefahr oder Chance? Oder anders gesagt: Verlangt die gegenw\u00e4rtige Entwicklung eher nach Regulierung oder nach \u2019Gottvertrauen\u2019? Die Vermutung, dass die Predigt durch die Digitalisierung \u00abneue Kraft und Dynamik\u00bb erhalten kann, w\u00fcrde ich jedenfalls unterstreichen. K\u00f6nnte es sogar sein, dass die Predigt erst durch die Digitalisierung, das \u00abOnline Gehen\u00bb, wirklich frei wird und sich so erst richtig als Verk\u00fcndigung entfalten kann?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Zum einen erweitert sich dadurch die Bandbreite des \u2019Publikums\u2019. Predigt online richtet sich prinzipiell an Alle, unabh\u00e4ngig von Religion, Alter, Geschlecht und Milieu \u2013 auch wenn nat\u00fcrlich manche Zielgruppen mehr im Blick sind als andere. Aber die Deutungshoheit verlagert sich zu den Empf\u00e4ngern: Auch der Nicht-Christ, die Atheistin etc. kann der konkreten Online-Predigt etwas abgewinnen, selbst wenn er oder sie als Rezipient*in gar nicht intendiert war. Das gilt vor allem, wenn die Beitr\u00e4ge f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit im Netz bleiben und durch ihre \u00dcberschrift bzw. durch Angaben zum Thema \u00fcber eine Google-Suche zuf\u00e4llig gefunden werden k\u00f6nnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Zum anderen verst\u00e4rkt sich durch die Online-Situation die Autorit\u00e4t der Rezipienten. Zwar entscheiden Zuh\u00f6rer*innen auch im Gottesdienst, was das Gesagte\/Geh\u00f6rte mit ihnen macht und was sie damit machen \u2013 und ob die gehaltene Rede f\u00fcr sie \u00abPredigt\u00bb ist. Auch im Kirchenraum gibt es kritische H\u00f6rer*innen, die beim Zuh\u00f6ren ihre Selbstbestimmung, Autonomie und Freiheit wahrnehmen. Im Netz gilt dies jedoch noch mehr, da ich als H\u00f6rer*in unbeobachtet bin. Die Kontrolle durch das predigende Gegen\u00fcber oder die Gottesdienstgemeinde entf\u00e4llt. Im Gottesdienst kann ich nicht gut einfach aufstehen und gehen, einen Podcast kann ich jederzeit beenden. Im Gottesdienst kann die Predigerin oder der Prediger Blickkontakt zu mir herstellen, und wenn ich diesen verweigere, wird dies ebenfalls wahrgenommen. Das kann Befangenheit ausl\u00f6sen, mich in meiner Freiheit einschr\u00e4nken, wie ich auf das Geh\u00f6rte reagiere. Ich muss dann z. B. ein Pokerface aufsetzen, was wiederum mein Gef\u00fchlserleben beeinflusst. Gerade bei sp\u00e4rlich besuchten Gottesdiensten exponiere ich mich als Besucher*in stark. Anders als im Theater, wo der Zuschauerraum im Dunkeln bleibt, werde ich im Gottesdienst gesehen, genauso wie ich andere Gottesdienstbesucher und die Predigerin sehe. Wenn ich mir Beitr\u00e4ge im Netz anschaue, bin ich freier in meinen Reaktionen. Ich kann Unstimmiges besser zur\u00fcckweisen (durch Ausrufe oder Verziehen der Miene) und zugleich Stimmiges besser aufnehmen: Ich kann den Beitrag stoppen, unterbrechen, nochmals anh\u00f6ren oder ihn, wenn er mir zusagt, im Hintergrund laufen lassen, w\u00e4hrend ich einer anderen T\u00e4tigkeit nachgehe. Dadurch k\u00f6nnen die Worte intensiver auf eine unbewusste Ebene einwirken, sich verankern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Dies alles dient idealerweise dem von David Pl\u00fcss formulierten Ziel, die Predigt m\u00f6ge \u00abneue Kraft und Dynamik\u00bb erhalten und \u00abin unserer Gegenwart als verst\u00e4ndlich und relevant geh\u00f6rt und erfahren werden\u00bb. Insofern dient die Digitalisierung der Entfaltung der Verk\u00fcndigung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Allerdings entstehen durch die Digitalisierung andere Anforderungen an die Predigt und mithin neue Herausforderungen f\u00fcr die Predigerin*den Prediger. Damit Online-Predigt auf gute Art zu Verk\u00fcndigung werden kann, m\u00fcssen bestimmte inhaltliche, handwerkliche und technische Bedingungen erf\u00fcllt sein. Es gilt also, spezifische Hindernisse f\u00fcr das \u00ab(Gottes-)Wort\u00bb aus dem Weg zu r\u00e4umen, die in der Pr\u00e4senzsituation weniger ins Gewicht fallen. Das ist anspruchsvoll.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Besonders spannend finde ich David Pl\u00fcss\u2019 \u00dcberlegungen zur \u00abNacktheit\u00bb der Predigt:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">W\u00e4hrend die Predigt im Gottesdienst umrahmt, eingebettet, umh\u00fcllt ist, von Musik, Gebet und gemeinschaftlichen Ritualen, begegnet die Predigt online gleichsam ungesch\u00fctzt. Predigt kann dadurch einerseits in ihrer Wirkung unverstellter zur Geltung kommen und Strahlkraft gewinnen. Andererseits hat Verk\u00fcndigung im Netz etwas Schutzloses. Es braucht Courage, \u2019f\u00fcrs Internet\u2019 zu predigen. Nun finden sich online freilich viele couragierte Beitr\u00e4ge, die mit ihrem Mut und ihrer Offenheit beeindrucken und \u00fcberzeugen. Dennoch stellt sich die Frage nach legitimen Schutzbed\u00fcrfnissen. Wer oder was sollte gesch\u00fctzt werden (und bleiben)? Und wie kann das gelingen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Noch ein Wort zur Gemeinde:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Vermisse ich diese, wenn ich durch eine Online-Predigt oder -Ansprache bewegt, ber\u00fchrt oder gar heilsam verwandelt werde? Wahrscheinlich nicht. Eventuell entsteht dann aber in mir das Bed\u00fcrfnis, meine Erkenntnis bzw. das, was ich erlebt habe, mitzuteilen, mit anderen zu teilen. Einige Kommentare unter YouTube-Beitr\u00e4gen zeigen dies \u2013 sei es in aller K\u00fcrze (etwa durch ein \u00abDanke\u00bb, erg\u00e4nzt durch betende H\u00e4nde und einen Smiley mit Herzen) oder ausf\u00fchrlicher. Vielleicht kommt es darauf an, was ich suche und brauche, wenn ich mir Online-Predigten anh\u00f6re. Falls es eher das Ritual ist als die Anregung durch den Inhalt der Predigt, fehlen mir unter Umst\u00e4nden die Anderen, insbesondere beim aufgezeichneten Podcast. Der Fr\u00fchst\u00fcckskaffee zu Hause ist eben nicht dasselbe wie das \u00abChilekafi\u00bb nach dem Gottesdienst. (Genauso wenig, wie er den Espresso in einer belebten Bar oder den Latte macchiato im Caf\u00e9 ersetzen kann.)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Dass die \u00f6rtlich und zeitlich losgel\u00f6ste Online-Predigt deswegen \u00ababstrakt\u00bb sein muss, glaube ich dagegen nicht. Aber auch hier: die losgel\u00f6ste Situation stellt neue Anforderungen an die Predigt. Um ohne Qualit\u00e4tsverlust online gehen zu k\u00f6nnen, muss die Predigt sich wandeln \u2013 oder andersherum: nicht alle Predigten eignen sich als Radio- oder Lesepredigt oder als Podcast. Im besten Fall gewinnt die Predigt durch die ver\u00e4nderte Situation \u2013 sprich: die Aussicht, online gestellt zu werden \u2013 an Qualit\u00e4t. Die Predigt, die sich nicht hinter einer Liturgie oder der Beziehung zum gottesdienstlichen Stammpublikum verstecken kann, muss sich st\u00e4rker auf ihre ureigenen Qualit\u00e4ten und Potentiale besinnen. Das muss kein Schaden sein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">\u2013<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns: 15% auto;\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"797\" height=\"1024\" class=\"wp-image-186 size-full\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Download-4-797x1024.jpeg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Download-4-797x1024.jpeg 797w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Download-4-233x300.jpeg 233w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Download-4-768x987.jpeg 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Download-4-1195x1536.jpeg 1195w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Download-4-210x270.jpeg 210w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Download-4.jpeg 1397w\" sizes=\"auto, (max-width: 797px) 100vw, 797px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Kirsten J\u00e4ger arbeitet als Medienberaterin (Schwerpunkt Film) bei Relimedia in Z\u00fcrich und forscht in der Praktischen Theologie (Kompetenzzentrum Liturgik, Bern) zu Themen der digitalen Religion\/online Verk\u00fcndigung.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Predigen online \u2013 Ein Schreibgespr\u00e4ch, Nr. 2 David Pl\u00fcss schrieb in seinem Beitrag von der Nacktheit der Online-Predigt. 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