{"id":1880,"date":"2026-07-02T16:46:43","date_gmt":"2026-07-02T14:46:43","guid":{"rendered":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=1880"},"modified":"2026-07-02T16:59:25","modified_gmt":"2026-07-02T14:59:25","slug":"ein-raum-zwei-welten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2026\/07\/02\/ein-raum-zwei-welten\/","title":{"rendered":"Ein Raum, zwei Welten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Als Teilnehmende einer internationalen Liturgie-Tagung besuchten wir zwei Mal die wiederer\u00f6ffnete Kathedrale Notre-Dame in Paris: Einmal im Rahmen einer liturgischen Feier, einmal als touristische F\u00fchrung. Die Erfahrungen des Raums h\u00e4tten unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnen.<\/strong> <!--more--><\/p>\n<p>Miriam L\u00f6hr<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Liturgische Begegnung<\/strong><\/p>\n<p>Die internationale Liturgie-Konferenz begann mit einem Spaziergang zur Kathedrale Notre-Dame inmitten der franz\u00f6sischen Hauptstadt. Die fast 300 Teilnehmenden \u2013 r\u00f6misch-katholische Priester, mennonitische, lutherische, anglikanische und reformierte Lehrende und Forschende unterschiedlicher theologischer Fakult\u00e4ten, evangelische Ordensschwestern und -br\u00fcder \u2013 spazierten an einem sommerlichen Abend zur Kathedrale, um gemeinsam in ihrem Innern den Er\u00f6ffnungsgottesdienst der Konferenz zu feiern. Das Portal der Kathedrale von aussen: eindrucksvoll, erhaben, leuchtend im Abendlicht. Der Blick in Richtung der Ostseite der Kirche offenbart jedoch durch Ger\u00fcste und einen grossen Baukran, wie viele H\u00e4nde und Maschinen noch immer mit der Wiederinstandsetzung des Monuments nach dem Brand am 15. April 2019 besch\u00e4ftigt sind. Nachdem die Schwelle durch die Security am Eingang \u00fcberschritten war, sammelten wir uns drinnen im Eingangsbereich. Der erste Eindruck: hell, sauber, \u00abneu\u00bb. Die ab 1163 in mehreren Bauphasen erbaute Kathedrale wirkt nach der Restauration nach dem Brand frisch renoviert, beinahe steril. Die Zerst\u00f6rung ist im Innern nicht mehr zu erahnen: weisse, helle W\u00e4nde, keine erkennbaren Baustellen oder Br\u00fcche.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-1799 aligncenter\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Miriam-2-226x300.jpg\" alt=\"\" width=\"923\" height=\"1225\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Miriam-2-226x300.jpg 226w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Miriam-2.jpg 733w\" sizes=\"auto, (max-width: 923px) 100vw, 923px\" \/><\/p>\n<p>Foto: Miriam L\u00f6hr<\/p>\n<p>Zu h\u00f6ren waren nur unsere eigenen Gespr\u00e4che, die Konferenz war bis auf weitere Aufsichtspersonen von Notre-Dame unter sich. Als singende Gottesdienstprozession bewegten wir uns von der ersten Station am Taufstein langsam durch die Kirche. Laudate Dominum! Die zweite Station in der Vierung gab den Blick frei auf das gross dimensionierte, blau-bunte Rosenfenster hoch oben im S\u00fcdschiff. Nach einer biblischen Lesung \u2013 abwechselnd auf Franz\u00f6sisch, Englisch und Deutsch \u2013 zogen wir weiter, vorbei an dem etwa einen halben Meter messenden alten Turmhahn in einer Vitrine. Kein Hinweis dort, keine Erkl\u00e4rung, aber es ist zu erahnen: dieser wurde w\u00e4hrend des Brands versehrt und schmolz teilweise in der Hitze der Flammen. Hals und Kopf sind heil geblieben \u2013 der Hahn kr\u00e4ht, fast scheint er zu schreien. Ob er mahnend oder angesichts seines versehrten Leibes schreit, scheint nicht eindeutig.<\/p>\n<p>Wir ziehen weiter zur Dornenkrone Christi. Diese erstrahlt in der d\u00e4mmrig beleuchteten Kirche. Wir bleiben stehen, h\u00f6ren eine Lesung aus dem Johannes-Evangelium, singen. Die Station verweilt hier l\u00e4nger als an den vorherigen. Um ausgiebig fotografieren zu k\u00f6nnen? Das tun jedenfalls \u2013 fast \u2013 alle Gottesdienstteilnehmenden, beinahe so, als w\u00e4re Fotografieren eine meditative oder memorative Praktik, die zum liturgischen Vollzug dazugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-1800 aligncenter\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Miriam-3-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"893\" height=\"1263\" \/>Foto: Miriam L\u00f6hr<\/p>\n<p>Irgendwann setzt sich die Prozession wieder in Bewegung, langsam m\u00fcde vom langen Stehen. Viele setzen sich an der vorletzten Station in der Vierung unterhalb des grossen Rosenfensters auf die Stufen. Diese dauert jedoch nicht lang, so dass wir bald weiterziehen und f\u00fcr die letzte Station in den Stuhlreihen \u2013 St\u00fchle, keine B\u00e4nke! \u2013 im Hauptschiff Platz nehmen d\u00fcrfen. Nach Lesungen, gesungenem Notre P\u00e8re und Magnificat ist die Feier beendet. Wir werden gebeten, die Kirche z\u00fcgig zu verlassen. Wie in einer franz\u00f6sischen \u00abBo\u00eete\u00bb, wo nach Mitternacht das Licht eingeschaltet wird, um die Tanzenden unmissverst\u00e4ndlich zum Gehen zu bewegen, signalisiert hier das gel\u00f6schte Licht den Feierabend. Der Stationen-Gottesdienst steckt allen in den Knochen \u2013 das lange Stehen, aber auch die intime liturgische Begegnung mit einem weltweit bekannten und unz\u00e4hlige Male fotografierten Raum hinterl\u00e4sst Eindruck. Dies verst\u00e4rkte sich noch durch die Erinnerung an die Bilder der Zerst\u00f6rung durch den Brand, die vor sechs Jahren um die Welt gingen. Voller Eindr\u00fccke verlassen wir die Kathedrale Richtung Seine in die Pariser Nacht.<\/p>\n<p><strong>Touristische Begegnung<\/strong><\/p>\n<p>Vier Tage und mehrere Morgen- und Abendandachten in unterschiedlichen Kirchen sp\u00e4ter endet die Liturgik-Konferenz wieder in Notre-Dame. Wir wurden nach Sprachen in Gruppen eingeteilt \u2013 \u00abGroupe 4, French\u00bb trifft sich um 9.45 auf dem Platz vor der Kathedrale. Wir werden mit Kopfh\u00f6rern ausgestattet und folgen dem Guide, einem \u00e4lteren Herrn, der nicht umhin kann, von Notre-Dame zu schw\u00e4rmen, nach einleitenden Worten zum Hauptportal ins Innere des Geb\u00e4udes. Heute sind wir keine liturgischen VIPs \u2013 die Kathedrale ist brechend voll, eine grosse Menge Tourist:innen schiebt sich in einer langsamen Bewegung durch den Raum. Gef\u00fchrte Gruppen lauschen ihren Leiter:innen, Individualg\u00e4ste schieben sich dazwischen hindurch. Manche tragen T\u00fcten mit sich, die verraten, dass sie zuvor Paris-Mitbringsel und Erinnerungsst\u00fccke gekauft haben. Gleich zu Beginn kommt ein Info-Servicedesk in den Blick, an dem drei Mitarbeitende Auskunft zu Fragen aller Art geben. Sie k\u00f6nnten auch an einem Bahnhof oder in einem Einkaufszentrum sitzen. Mir f\u00e4llt auf, dass ich diesen Info-Tresen w\u00e4hrend des Er\u00f6ffnungsgottesdienstes nicht wahrgenommen habe, obwohl wir an ihm vorbeiprozessiert sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Regelm\u00e4ssig ert\u00f6nt eine Stimme \u00fcber Lautsprecher: Silence! schschschsch\u2026 Die schiebende Menge senkt augenblicklich die Lautst\u00e4rke, ohne jedoch ganz zu verstummen. Unser Guide spricht derweil unger\u00fchrt weiter in sein Mikrophon. Ein anderes Ger\u00e4usch mischt sich in die Klanglandschaft: ein tiefes, sonores Brummen. Es ist jedoch nicht die Orgel, sondern ein durchdringendes Bohrger\u00e4usch aus der weiter hinten und oben liegenden Baustelle der Kathedrale. Ein akustischer, indirekter Hinweis auf die innen nicht mehr sichtbare Verletzung des Geb\u00e4udes durch den Brand. Wir schieben uns langsam mit der Menge weiter. Am Rauschen und Knacken des Kopfh\u00f6rers h\u00f6re ich, wenn ich zu weit vom Guide entfernt bin, der dank der Technik zwar zu h\u00f6ren, aber zwischen den vielen Menschen oft kaum zu sehen ist. Lange stehen wir vor einer Darstellung des Lebens Jesu gegen\u00fcber der halb geschmolzenen Hahnenfigur. Es folgt der \u2013 wohl eher an die katholischen Teilnehmenden gerichtete \u2013 einzige \u00abspirituelle\u00bb Moment der F\u00fchrung inmitten des Gew\u00fchls: Der Guide sagt zur Gruppe \u00abje vous laisse\u00bb und unterbricht seine Erkl\u00e4rungen, bis sich die Gruppe an der Dornenkrone vorbeibewegt und auf der anderen Seite wieder zusammengefunden hat. Dieser Moment w\u00e4hrend der F\u00fchrung bot eine M\u00f6glichkeit zur inneren Sammlung, auch wenn dies sicher nicht von allen genutzt und empfunden wurde. Der Kontrast folgte auf dem Fusse: Kurz vor dem Ausgang, der durch die vielen Menschen nur langsam zu erreichen ist, erscheint mitten im Gang ein beleuchteter Verkaufsstand mit allerlei religi\u00f6sen Gegenst\u00e4nden und Notre-Dame-Erinnerungsartikeln.<sup>1<\/sup> Auch dieser muss w\u00e4hrend unseres Er\u00f6ffnungsgottesdienstes bereits dort gestanden haben \u2013 und war ebenso wie der Infopoint f\u00fcr uns als Gottesdienstfeiernde unsichtbar.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1883\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Unbenannt-226x300.jpg\" alt=\"\" width=\"912\" height=\"1210\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Unbenannt-226x300.jpg 226w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Unbenannt.jpg 711w\" sizes=\"auto, (max-width: 912px) 100vw, 912px\" \/><\/p>\n<p>Foto: Kerstin Menzel<\/p>\n<p><strong>Ein Raum, zwei Welten<\/strong><\/p>\n<p>Draussen vor der Kathedrale, jenseits der Absperrung, die die Tourist:innen ordnet und \u00fcber die Fl\u00e4che des Platzes lenkt, unterhalte ich mich mit einem Konferenzteilnehmer aus Australien, w\u00e4hrend wir auf den Rest der Gruppe warten. Wir sind uns einig: Die Kirche war unter touristischen \u00abNormalbedingungen\u00bb kaum wiederzuerkennen. Sie erschien uns w\u00e4hrend der F\u00fchrung kaum als liturgischer Raum, eher wie ein Museum \u2013 mit Shop und allem, was dazugeh\u00f6rt. Dass die Kathedrale jedoch auf die Begegnung mit Christus ausgerichtet ist, wie der Guide zu Beginn immer wieder betonte, liess sich w\u00e4hrend der Gottesdienstfeier erahnen \u2013 und w\u00e4hrend der F\u00fchrung in parallel stattfindenden Praktiken wie dem Anz\u00fcnden von Kerzen beobachten. Der touristische Strom wurde aussen um Altarraum bzw. Chor herumgeleitet, wo, abgetrennt vom restlichen Geschehen, pers\u00f6nliche Andachtspraktiken vollzogen wurden. Zu diesem Nebeneinander von Praktiken kommt der Aussenraum der Kathedrale mit seiner herausgehobenen Lage auf der \u00cele de la Cit\u00e9 hinzu und steht dem Innenraum nicht nach \u2013 weder hinsichtlich des religi\u00f6sen Gef\u00fchls noch der touristischen Dimension.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><sup>1<\/sup> Zu Geld- und anderen Praktiken im offenen Kirchenraum vgl. demn\u00e4chst Sonja Keller \/ Anne Koch \/ Katharina Krause \/ Kerstin Menzel (Hgg.), Kirchenr\u00e4ume, Dinge und ihre Menschen. Erkundungen materialisierter Religionspraxis, Bielefeld: transcript 2026 (im Erscheinen).\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Teilnehmende einer internationalen Liturgie-Tagung besuchten wir zwei Mal die wiederer\u00f6ffnete Kathedrale Notre-Dame in Paris: Einmal im Rahmen einer liturgischen Feier, einmal als touristische F\u00fchrung. 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