{"id":233,"date":"2022-03-02T09:00:00","date_gmt":"2022-03-02T08:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=233"},"modified":"2024-11-01T10:05:11","modified_gmt":"2024-11-01T09:05:11","slug":"haltungen-angesichts-des-krieges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2022\/03\/02\/haltungen-angesichts-des-krieges\/","title":{"rendered":"Haltungen angesichts des Krieges"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><span style=\"font-size: 24pt;\"><strong>Im Bild, Nr. 1<\/strong><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><strong>Francisco de Goya er\u00f6ffnet seine Radierfolge der \u00abSchrecken des Krieges\u00bb mit einem Bild, das Fragen stellt, die auch in der gegenw\u00e4rtigen Situation aktuell und ganz sch\u00f6n schwierig sind.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Johannes St\u00fcckelberger<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Worte zu finden in der aktuellen Situation, angesichts des Krieges in der Ukraine, ist schwer. Besonders schwer stelle ich mir vor, die richtigen Worte zu finden in Predigt, Gebet und F\u00fcrbitte. Jeden Gedanken, den ich formuliere, sehe ich mich gen\u00f6tigt, mit den neu hereinkommenden Meldungen abzugleichen. H\u00e4lt er ihnen stand? Kann man es so sagen? Ich nehme Zuflucht bei Bildern, hoffe, sie w\u00fcrden zeigen, was ich nicht sagen kann. Doch das Problem verschiebt sich damit nur, vom Wort zum Bild. Ich irre durchs Museum, auf der Suche nach dem Bild, das es auf den Punkt bringt, nach dem Bild, das meine Stimmung aufnimmt und Fragen stellt, wie ich sie weitergeben m\u00f6chte. In der Ausstellung von Louise Bourgeois im Kunstmuseum Basel sprechen mich ein paar Arbeiten an. Drei Zeichnungen mit blutroten Blumen, darauf die Worte \u00abGlaube,\u00bb \u00abHoffnung\u00bb, \u00abLiebe\u00bb. Sie erinnern mich an die Grundlagen meines Glaubens. Ist es das, was mir jetzt hilft? Ein anderes Bild: ein Kopfkissenanzug, darauf eine Rose und der Satz \u00abDelivrez-nous du mal\u00bb. Warum w\u00e4hlt Louise Bourgeois im Unterschied zum \u00abUnser Vater\u00bb die Formulierung \u00abBefreit uns\u00bb oder \u00abBefreien Sie uns\u00bb? Wer sind die Befreier? Was ist das B\u00f6se? Und ein drittes Bild: Die Zeichnung einer rundlichen, in sich geschlossenen Form, dazu der Satz: \u00abIt was the controlling of chaos by one of us\u00bb. Ja, wer vermag Ordnung zu schaffen im gegenw\u00e4rtigen Chaos? Wer wird wieder zu einem Ganzen formen, was im Moment auseinanderbricht?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Ich eile weiter, laufe das ganze Museum ab und bleibe schliesslich im Graphikkabinett stehen bei einer kleinen Radierung von Francisco de Goya aus seiner Folge der \u00abDesastres de la Guerra\u00bb, der \u00abSchrecken des Krieges\u00bb. Das Blatt zeigt drei nackte, an einen Baumstrunk gefesselte m\u00e4nnliche K\u00f6rper, alle tot, der eine verst\u00fcmmelt, sein Kopf aufgespiesst, die abgehauenen Arme an einem Ast baumelnd. Dazu der Kommentar: \u00abGrosse Taten. Mit Toten!\u00bb Es ist eines von 82 Bl\u00e4ttern, die der K\u00fcnstler zwischen 1810 und 1820 geschaffen hat, als Antwort auf Napoleons Invasion in Spanien im Jahr 1808 und dem darauffolgenden mehrj\u00e4hrigen Guerillakrieg. Goya zeigt den Krieg in all seinen Facetten, mit all seinen h\u00e4sslichen Fratzen, Brutalit\u00e4ten, N\u00f6ten und Leiden: Erschiessungen, Folterungen, Pl\u00fcnderungen, Vergewaltigungen, Flucht. Unglaublich, was Menschen einander antun k\u00f6nnen. Goya schaut genau hin, geht nah dran, dokumentiert, klagt an, zeigt Verzweiflung und ist verzweifelt. Ein durch und durch empathischer K\u00fcnstler.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">In den heutigen Medien darf man den Krieg nicht mehr so darstellen. Der Respekt vor den Opfern verbietet es, Tote zu zeigen. Aber wir wissen genau und d\u00fcrfen es nicht ausblenden: In den ausgebrannten Panzern und Milit\u00e4rfahrzeugen, die wir zu sehen bekommen, haben Menschen gesessen, die nun tot sind. Vermutlich ebenfalls tot sind viele der Zivilisten, die in den von Bomben zerst\u00f6rten H\u00e4usern gelebt haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Das diesem Blog beigef\u00fcgte Bild, auf das ich etwas ausf\u00fchrlicher eingehen will, ist das erste Blatt aus Goyas Radierfolge der \u00abDesastres de la Guerra\u00bb. Es zeigt in Frontalansicht einen knieenden Menschen mit ausgebreiteten Armen, ge\u00f6ffneten H\u00e4nden, entbl\u00f6sstem Oberk\u00f6rper und nach oben gerichtetem Blick. Links ist eine Felsenlandschaft angedeutet, der Hintergrund der rechten Bildh\u00e4lfte ist dunkel. Und unter dem Bild steht dessen Titel: \u00abTristes presentimientos de lo que ha de acontecer\u00bb (\u00abTraurige Vorahnungen dessen, was geschehen wird\u00bb). Das Bild ist anders angelegt als die \u00fcbrigen Darstellungen. Es zeigt nicht die Schrecken des Krieges, sondern konfrontiert die Betrachterin, den Betrachter gleich zu Beginn mit der Frage: Und Du? Wie wirst Du Dich zu dem, was Du zu sehen bekommst, verhalten?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Das Bild spricht auf verschiedenen Ebenen zu uns. Zun\u00e4chst tut es dies durch die Haltung des dargestellten Menschen, wobei diese Haltung verschieden interpretiert werden kann. Der Mann k\u00f6nnte in die Knie gezwungen worden sein, um im n\u00e4chsten Moment f\u00fcsiliert zu werden, so, wie es Goya im Bild \u00abDie Erschiessung der Aufst\u00e4ndischen am 3. Mai 1808\u00bb eindr\u00fccklich dargestellt hat. Bittet er um Begnadigung, dr\u00fcckt er mit den ge\u00f6ffneten Armen seine Unschuld aus? Wohl eher ist der Mann von sich aus hingekniet, niedergedr\u00fcckt von der Schwere des Dunkels um ihn herum. Im Nirgendwo, ganz auf sich allein gestellt, verlassen. Betet er? Bringen seine ge\u00f6ffneten Arme Fragen zum Ausdruck wie: Was geht hier vor? Was passiert mit mir? Wie kann das sein? Wie kannst Du das zulassen? Oder ist es ein Gestus der Demut, ein Gestus des sich in das Schicksal Ergebens? Der Oberk\u00f6rper des Mannes ist entbl\u00f6sst, das Gewand scheint teilweise zerschlissen. Ist dies ein Zeichen der Reue, bekennt der Mann seine Schuld, bittet er um Vergebung? Und was hat es mit dem Blick nach oben auf sich? An wen oder was wendet er sich? Von wem erhofft er sich Antworten auf sein Leiden und seine Fragen? Warum bleibt sein Mund geschlossen, warum schreit er nicht, fleht er nicht?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Auf einer zweiten Ebene wirkt das Bild durch den starken Kontrast von Hell und Dunkel. Der hell beleuchtete oder fast aus sich heraus leuchtende Mensch ist umgeben von Dunkelheit, keiner totalen Dunkelheit oder Schw\u00e4rze, aber doch so, dass wir, mit Ausnahme der paar Felsformationen links im Bild, nichts Genaues erkennen k\u00f6nnen. Die energisch gezeichneten, in verschiedene Richtungen laufenden Schraffuren des Hintergrunds verleihen dem Bild etwas Unruhiges, Chaotisches, und lassen den Menschen im Vordergrund aufgew\u00fchlt, unsicher und umgetrieben erscheinen. Das Dunkel belebt unsere Fantasie. Schaut uns da nicht ein Auge an? Lauert dort nicht ein Hund? Ich frage mich: Was geht in meinem Kopf vor? Sehe ich Gespenster? Oder ist das B\u00f6se wirklich gegenw\u00e4rtig?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Eine dritte Bedeutungsebene er\u00f6ffnet sich durch die Assoziation zu Darstellungen von Jesus im Garten Gethsemane. Goya hat um die gleiche Zeit ein solches Bild gemalt, in dem, wie es zur traditionellen Gethsemane-Ikonographie dazugeh\u00f6rt, ein Engel Jesus den Kelch reicht. In der Radierung fehlt ein Gegen\u00fcber oder bleibt dieses zumindest unsichtbar. Undurchdringliches Dunkel umgibt den Betenden. Verlassener kann man nicht sein. Mit der Gethsemane-Assoziation bringt Goya das, was er in der Serie zeigt, mit der Passion Jesu in Verbindung. Eine enorme Herausforderung f\u00fcr die Interpretation der schrecklichen Szenen, f\u00fcr den Umgang mit dem Leiden der Menschen im Krieg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Goyas Bild stellt, angesichts des Krieges in der Ukraine, unz\u00e4hlige Fragen: Was macht dieser Krieg mit den Menschen vor Ort? An wen k\u00f6nnen sie sich wenden? Woher bekommen sie Hilfe? Was wird noch alles geschehen? Was geht in den umnachteten K\u00f6pfen der Aggressoren vor? Ist es erst der Anfang? Wie kann es wieder Licht werden? Was hat Jesus in der Nacht im Garten Gethsemane durchlitten? Warum haben es die J\u00fcnger nicht geschafft, mit ihm zu wachen? Mit welchen Ungewissheiten und Vorahnungen m\u00fcssen die Menschen in der Ukraine leben?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Mir pers\u00f6nlich stellt das Bild von Goya eine sehr konkrete Frage: die Frage nach meiner Haltung im Angesicht des Krieges. Wie verhalte ich mich in dieser Situation? Welche Haltung nehme ich ein? Goyas Bild bietet mir eine Auswahl, wie mir scheint, eine christliche Auswahl: die Haltung des Betenden, des Fragenden, dessen, der verstehen will, der Antworten sucht, des um Vergebung Bittenden, des Dem\u00fctigen, des Hoffenden. K\u00f6nnen diese Haltungen gen\u00fcgen? Vermutlich nicht. Aber es braucht sie auch.<\/p>\r\n\r\n\r\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile has-black-color has-text-color\" style=\"grid-template-columns: 15% auto;\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"734\" class=\"wp-image-256 size-full\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-1024x734.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-1024x734.png 1024w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-300x215.png 300w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-768x551.png 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-1536x1102.png 1536w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-376x270.png 376w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55.png 1740w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Johannes St\u00fcckelberger ist Dozent f\u00fcr Religions- und Kirchen\u00e4sthetik an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bern und Titularprofessor f\u00fcr Neuere Kunstgeschichte an der Universit\u00e4t Basel<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Bild, Nr. 1 Francisco de Goya er\u00f6ffnet seine Radierfolge der \u00abSchrecken des Krieges\u00bb mit einem Bild, das Fragen stellt, die auch in der gegenw\u00e4rtigen Situation aktuell und ganz sch\u00f6n schwierig sind. 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