{"id":353,"date":"2022-03-23T09:00:00","date_gmt":"2022-03-23T08:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=353"},"modified":"2024-11-01T10:01:44","modified_gmt":"2024-11-01T09:01:44","slug":"gott-im-gottesdienst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2022\/03\/23\/gott-im-gottesdienst\/","title":{"rendered":"Gott im Gottesdienst?"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><span style=\"font-size: 24pt;\"><strong>Gott im Gottesdienst, Nr. 1<\/strong><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><strong>Gott im Gottesdienst \u2013 Ja, aber nicht so benannt? Wenn im Gottesdienst nicht mehr die Rede von Gott ist, sondern sie durch abstrakte Begriffe wie Liebe oder Hoffnung ersetzt wird, geht es um weit mehr als eine sprachliche Variation. \u00a0<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Miriam L\u00f6hr<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Neulich war ich in einem Gottesdienst. So dachte ich zumindest. Ich sass mit dreissig, vierzig anderen Menschen am Sonntagmorgen um zehn in einer kleinen Kirche. Es gab Klaviermusik \u2013 eine Art Potpourri von Pop bis Klassik \u2013, begleitet von Wortbeitr\u00e4gen durch einen Moderator, den ich f\u00fcr den Pfarrer gehalten hatte. Nach einer Weile schaute ich zur Vergewisserung auf das Programmblatt: Hatte ich mich in der Veranstaltung geirrt und war statt in einem Gottesdienst in einem kommentierten Klavierkonzert gelandet? Doch, f\u00fcr das Datum und die Uhrzeit war ein Gottesdienst vermerkt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Die von mir als \u00abkommentiertes Klavierkonzert\u00bb erlebte Veranstaltung war ein Gottesdienst, jedenfalls nach dem Selbstverst\u00e4ndnis der veranstaltenden Kirchgemeinde und des Pfarrers, und offensichtlich auch der meisten Anwesenden. Ich konnte nur wenige Kriterien f\u00fcr das feststellen, was f\u00fcr mich einen \u00abGottesdienst\u00bb als sonntagmorgendliche Zusammenkunft ausmacht, abgesehen von Ort, Tag und Uhrzeit. Ich pers\u00f6nlich vermisste liturgische Grundz\u00fcge \u2013 Eingangs- und Ausgangsspiel, eine Predigt (in welcher gestalterischen Form auch immer), Gebet, F\u00fcrbitte und Segen, der aus der feierlichen Unterbrechung des Alltags wieder in diesen entl\u00e4sst. \u00dcber die Vielfalt von Liturgien streiten sich Theolog*innen nicht erst seit heute, und ich bin \u00fcberzeugt, dass die grosse Vielfalt zwischen reformierter Freiheit und lutherischer Messe einen genuin protestantischen Schatz darstellt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Mir fehlte jedoch noch etwas auf der sprachlichen Ebene: \u00abGott\u00bb kam nicht vor. Die Rede von Gott im Gottesdienst ist seit der j\u00fcngeren Debatte in der Berner Kirche nicht mehr unangefochten, aber wohl mehr oder weniger konsensf\u00e4hig. Einige Monate sp\u00e4ter erlebte ich wiederum in einem anderen Gottesdienst (der sehr viel \u00abliturgischer\u00bb gestaltet war als der erste), dass Gott nicht zur Sprache kam, weder in Anrede, Gebet oder Lesung. Als w\u00e4re sie nicht da. Pr\u00e4sent war hingegen die \u00abLiebe\u00bb. Ersetzt die Liebe Gott? Oder genauer: Ersetzt eine allgemeine Rede von der Liebe die Anrede des transzendenten Gegen\u00fcbers im Gottesdienst?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Es gibt viele gute theologische Gr\u00fcnde, Gott nicht in einer personalen Vorstellung nach unseren W\u00fcnschen festzuschreiben zu versuchen. Wie problematisch und einseitig das ausfallen kann, haben nicht zuletzt feministische und in der Folge gendersensible Theologien in heilsamer Weise herausgearbeitet. Allgemeine Abstrakta l\u00f6sen diese bleibende Herausforderung jedoch nicht. Was macht den Gottesdienst aus, wenn Gott nicht zur Sprache kommt, sondern allgemein Liebe oder Hoffnung? Was kennzeichnet das Christliche? Was unterscheidet den Gottesdienst von einer spirituellen Besinnung? Unterscheidet ihn \u00fcberhaupt etwas? Ich vermute, eine Scheu, \u00abGott\u00bb anzurufen, liegt zum einen in der Vermeidung einer vereinnahmenden personalen Gottesvorstellung, f\u00fcr die wie erw\u00e4hnt einiges spricht. Zum anderen vermute ich eine Scheu vor der Zumutung des Nicht-Fassbaren, des Transzendenten, des vielleicht ganz Anderen. Aber wenn in den Kirchen nicht mehr die Rede von Gott ist, steigert das nicht unbedingt ihre Plausibilit\u00e4t. Der Verdacht k\u00f6nnte aufkommen: Traut sich die Kirche selbst nicht mehr, Gott anzuklagen, ihn zu bitten, ihr zu danken, in eine Beziehung einzutreten? Kann das liturgische Gebet im Gottesdienst oder der pers\u00f6nliche Dank vorm Abendessen an \u00abdie Liebe\u00bb gerichtet werden? Sicher, das steht allen frei. Aber tut man das? Gibt es daf\u00fcr eine innerliche Notwendigkeit? Ich denke: Der Dank, die Klage, die F\u00fcrbitte brauchen ein Gegen\u00fcber, das konkreter ist als die Liebe oder die Hoffnung an sich. Oder t\u00f6nt \u00abGott\u00bb zu churchy? Wie eine Zumutung f\u00fcr moderne, aufgekl\u00e4rte Menschen? Zu hierarchisch gar?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Ich m\u00f6chte das Gegenteil starkmachen: \u00abGott\u00bb als Gegen\u00fcber im Gebet und in der liturgischen Anrede holt ihn aus allgemeinen, fernen Abstrakta in die N\u00e4he, macht ihn ansprechbar, erm\u00f6glicht eine Beziehungsaufnahme zu ihr \u2013 vorausgesetzt nat\u00fcrlich, man geht von der Existenz Gottes aus. Freilich ist unsere menschliche Gottesrede immer eine wie-Rede, Gott <em>ist <\/em>nicht Vater, Mutter, Burg oder Schild. Die Vermeidung der Rede von Gott umschifft jedoch nicht die Gefahr der theologisch unzul\u00e4ssigen Festschreibung Gottes, sondern verpasst das kirchliche Proprium, von Gott zu reden. Ich meine, dass Kirche nicht attraktiver oder \u00fcberzeugender wird, wenn sie sich auf dieses Wagnis nicht (mehr) einl\u00e4sst, sondern verunklart. Sie w\u00fcrde nicht zuletzt aufgeben, was von ihr zu recht erwartet werden kann: Die Rede <em>von <\/em>Gott \u2013 so unm\u00f6glich sie uns Menschen ist, und die Rede<em> zu <\/em>Gott \u2013 nicht nur, aber auch in einer personal gedachten Weise.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-white-color has-text-color wp-block-paragraph\">\u2013<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns: 20% auto;\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"681\" class=\"wp-image-357 size-full\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-1024x681.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-1024x681.png 1024w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-300x200.png 300w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-768x511.png 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-1536x1022.png 1536w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-406x270.png 406w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07.png 1746w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Miriam L\u00f6hr ist Postdoc am Institut f\u00fcr Praktische Theologie an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bern.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-white-color has-text-color wp-block-paragraph\">\u2013<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gott im Gottesdienst, Nr. 1 Gott im Gottesdienst \u2013 Ja, aber nicht so benannt? 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