{"id":371,"date":"2022-03-30T09:00:00","date_gmt":"2022-03-30T07:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=371"},"modified":"2024-11-01T10:01:21","modified_gmt":"2024-11-01T09:01:21","slug":"nur-wo-gott-erwartet-wird-ist-gottesdienst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2022\/03\/30\/nur-wo-gott-erwartet-wird-ist-gottesdienst\/","title":{"rendered":"Nur wo Gott erwartet wird, ist Gottesdienst!"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><span style=\"font-size: 24pt;\"><strong>Gott im Gottesdienst, Nr. 2<\/strong><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><strong>Nicht der Kirchenraum macht den Gottesdienst aus, auch nicht die Orgelmusik oder die traditionelle liturgische Sprache. Sondern dass Gott erwartet wird. Wo dies nicht stattfindet, ist kein Gottesdienst.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Matthias Zeindler<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Miriam L\u00f6hr ist ein geduldiger oder ein h\u00f6flicher Mensch, oder beides. Ich bin nicht sicher, ob ich wie sie die beiden von ihr geschilderten Veranstaltungen bis zum Ende durchgestanden h\u00e4tte. Und das, obwohl ich Klaviermusik in fast allen Spielarten mag. Und obwohl Kirchenr\u00e4ume mir meist ein Gef\u00fchl der Beheimatung vermitteln. Aber ich w\u00e4re ja zu beiden Anl\u00e4ssen mit der Erwartung gekommen, an einem Gottesdienst teilzunehmen. Und in beiden F\u00e4llen w\u00e4re diese Erwartung entt\u00e4uscht worden. Deshalb kann es gut sein, dass ich beide Male den Ort des Geschehens vorzeitig verlassen h\u00e4tte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Nat\u00fcrlich er\u00f6ffnet man damit die altbew\u00e4hrte Frage, was einen Gottesdienst zum Gottesdienst macht. Die Diskussionen \u00fcber Verk\u00fcndigungssprache, Musikstile oder liturgische Elemente brauchen wir nicht ein weiteres Mal durchzuexerzieren, Miriam hat dazu das N\u00f6tige gesagt. Die Gottesrede muss immer neu kritisch \u00fcberdacht und \u00fcberholte, z.B. patriarchale Sprachmuster eliminiert werden \u2013 geschenkt! Dass liturgische Sprache kreativ und poetisch sensibel, gleichzeitig aber fassbar sein sollte \u2013 geschenkt! Dass die Orgel nicht das kanonische kirchliche Instrument ist \u2013 geschenkt! All das entscheidet nicht dar\u00fcber, ob eine Veranstaltung als Gottesdienst bezeichnet werden kann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-white-color has-text-color wp-block-paragraph\">\u2013<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><strong>Die alte Streitfrage: Was ist ein Gottesdienst?<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Miriam beobachtet bei den von ihr besuchten Gottesdiensten, dass das Wort \u00abGott\u00bb fehlt. Und das Wort \u00abGott\u00bb vertritt die, die damit bezeichnet wird, Gott. Der Gebrauch des Wortes \u00abGott\u00bb signalisiert im Gottesdienst, dass man mit der Pr\u00e4senz derjenigen, die damit bezeichnet wird, rechnet. Zur reformierten Tradition geh\u00f6rt dabei, dass die Pr\u00e4senz Gottes nicht einfach vorausgesetzt wird. Und dass sie erst recht nicht herstellbar ist. Gott ist frei, um ihre Gegenwart k\u00f6nnen wir lediglich bitten, wir k\u00f6nnen sie erhoffen und auf sie warten. Aber auch wenn es im Modus der Erwartung und des Hoffens ist, im Gottesdienst wird mit Gott gerechnet. Und damit sind wir beim massgeblichen Kriterium f\u00fcr einen Gottesdienst: Ein Anlass wird dann und nur dann zum Gottesdienst, wenn in ihm die Pr\u00e4senz Gottes erwartet wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Damit wird nicht behauptet, dass Gott anderswo nicht pr\u00e4sent ist. Es wird wie gesagt auch nicht behauptet, dass Gott in einem Gottesdienst immer anwesend ist. Wenn Jahwe durch den Propheten Amos den Israeliten entgegenschleudert, \u00abich hasse, ich verabscheue eure Feiern\u00bb (5,21), warum sollte dies nicht auch in unseren Kirchen vorkommen? Aber der Gottesdienst ist der Ort und die Zeit, wo Menschen sich darauf einstellen, von Gott zu h\u00f6ren, ihr Leben im Horizont des lebendigen Gottes zu thematisieren und sich im Lied und im Gebet an sie zu wenden. Miriam deutet es eher diskret an, dass das Gebet von der Voraussetzung eines Gegen\u00fcbers lebt \u2013 ich m\u00f6chte dies verst\u00e4rken und verallgemeinern: Wo ein g\u00f6ttliches Gegen\u00fcber nicht die Voraussetzung einer liturgischen Feier ist, bricht diese in sich zusammen. Sie mag dann alles M\u00f6gliche sein, und dies wom\u00f6glich auch in bester Qualit\u00e4t. Ein Gottesdienst zu sein, kann aber ein solcher Anlass nicht mehr f\u00fcr sich in Anspruch nehmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-white-color has-text-color wp-block-paragraph\">\u2013<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><strong>Eintreten in Gottes Gegenwart<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Eine Gemeinschaft in Erwartung der Gegenwart Gottes: dies ist das unterscheidende Merkmal des Gottesdienstes. In diesem Sinne ist jeder Gottesdienst eine eigene Welt. Das l\u00e4sst sich an der Liturgie der meisten Gottesdienste quer durch die Konfessionen ablesen. Am Beginn des Gottesdienstes steht in der Regel ein Teil, in dem die Feiernden ankommen, wo ihnen mit einem liturgischen Gruss Gottes Gnade und Frieden zugesprochen wird und man einen Gesang anstimmt. Die Funktion dieses Er\u00f6ffnungsteils ist die des Schwellenrituals, in welchem in liturgischer Form der Eintritt aus der profanen Alltagswelt in den Kontext der gottesdienstlichen Realit\u00e4t begangen wird. Es ist sachgem\u00e4ss, dass in manchen Konfessionen hier auch ein Schuldbekenntnis und die Bitte um Gottes Erbarmen steht, in der r\u00f6misch-katholischen Messe im \u00abKyrie\u00bb. Damit wird markiert, dass die Teilnehmenden beim \u00dcbertritt f\u00fcr die Gegenwart Gottes zubereitet werden m\u00fcssen. F\u00fcr die andere Welt des Gottesdienstes m\u00fcssen sie selbst ein St\u00fcck weit Andere werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Analog dazu bedarf auch der Weg zur\u00fcck in die profane Realit\u00e4t der liturgischen Begleitung: Vorbereitet durch die Bitten f\u00fcr die Welt ausserhalb des Gottesdienstes, wird die Gottesdienstgemeinde mit der Aufforderung in ihren Alltag geschickt, das in der Feier Geh\u00f6rte und Erfahrene hinauszutragen. Mit dem Segen erhalten die Teilnehmenden am Gottesdienst zugesprochen, dass Gottes F\u00fcrsorge sie \u00fcber die Schwelle in die Profanit\u00e4t begleitet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Die Reformierten sind unter den Konfessionen diejenigen, die die Unterscheidung von profan und sakral wohl am st\u00e4rksten eingezogen haben. Trotzdem kennt auch ihr Gottesdienst die Schwellenrituale am Anfang und am Schluss. Auch der reformierte Gottesdienst bezeugt eine Differenz von innen und aussen. Die Differenz besteht \u2013 nochmals \u2013 darin, dass innen Gottes Gegenwart erwartet wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-white-color has-text-color wp-block-paragraph\">\u2013<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><strong>Vorauseilender Gehorsam<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Offenkundig gibt es Menschen, die auch Zusammenk\u00fcnfte sch\u00e4tzen, in denen trotz des Etiketts \u00abGottesdienst\u00bb Gott nicht zur Sprache kommt. Trotzdem vermute ich, dass man sich in der Kirche irrt, wenn man meint, damit ein breites Bed\u00fcrfnis zu erf\u00fcllen. Es weist vieles darauf hin, dass auch Menschen, die nicht in Gottesdienste gehen, dass sogar s\u00e4kulare Menschen von den Kirchen erwarten, dass in ihren Feiern Gott zur Sprache kommt. Dass mit Gott gerechnet, auf ihn gewartet wird. So dass die Gottesdienste ohne Gott eher ein Ausdruck von vorauseilendem Gehorsam gegen\u00fcber einer vermuteten S\u00e4kularit\u00e4t w\u00e4ren. Oder, in einem bekannten Begriff von Wolfgang Huber, Selbsts\u00e4kularisierung der Kirche.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">\u2013<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns: 15% auto;\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"789\" height=\"999\" class=\"wp-image-372 size-full\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Zeindler1.jpeg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Zeindler1.jpeg 789w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Zeindler1-237x300.jpeg 237w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Zeindler1-768x972.jpeg 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Zeindler1-213x270.jpeg 213w\" sizes=\"auto, (max-width: 789px) 100vw, 789px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Matthias Zeindler ist Titularprofessor f\u00fcr Dogmatik an der Theologischen Fakult\u00e4t Bern und Leiter des Bereichs Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-white-color has-text-color wp-block-paragraph\">\u2013<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gott im Gottesdienst, Nr. 2 Nicht der Kirchenraum macht den Gottesdienst aus, auch nicht die Orgelmusik oder die traditionelle liturgische Sprache. 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