{"id":389,"date":"2022-04-08T08:38:50","date_gmt":"2022-04-08T06:38:50","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=389"},"modified":"2024-03-04T08:03:56","modified_gmt":"2024-03-04T07:03:56","slug":"389","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2022\/04\/08\/389\/","title":{"rendered":"Neu geh\u00f6rt"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><strong>Alte Kirchenlieder m\u00f6gen uns manchmal wenig zu sagen haben. Aber dann, in besonderen Momenten, fangen sie an zu sprechen. Katrin Kusmierz nimmt einen Faden auf, den Stephan J\u00fctte und Sibylle Forrer in einem RefLab-Gespr\u00e4ch zu Krieg und Hoffnung ausgelegt haben.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Katrin Kusmierz<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Zu Beginn des Krieges in der Ukraine diskutierten Stephan J\u00fctte und Sibylle Forrer in einem <a href=\"https:\/\/www.reflab.ch\/krieg-und-hoffnung\/\">RefLab-Podcast-Gespr\u00e4ch<\/a> dar\u00fcber, was der Krieg in ihnen ausl\u00f6st und was ihnen hilft, mit dieser Situation umzugehen. Dabei kommen sie auch auf Gottesdienste zu sprechen. Diese b\u00f6ten einen Raum, um Angstgef\u00fchlen, Kriegsrhetorik und Machtanspr\u00fcchen gemeinsam etwas entgegen zu setzen. Stephan J\u00fctte erz\u00e4hlt ausserdem, dass f\u00fcr ihn in dieser Situation die alten Kirchenlieder anders klingen: \u201eMit den alten Liedern k\u00f6nnen wir in eine Zeit zur\u00fcck, der Krieg und Gewalt und bedrohtes Leben nicht so fern sind, sondern die mit ihnen rechnet. Irgendwie stellt einen das in eine Gemeinschaft mit den vielen anderen, die vor uns waren.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Diese Bemerkung liess mich aufhorchen. Sie gibt m\u00f6glicherweise eine Antwort darauf, wieso wir immer noch alte Lieder in Gesangb\u00fcchern speichern. Und wieso wir sie singen, auch wenn uns die Welten, in denen sie entstanden sind, fremd geworden sind und ihre Ausdrucksweise uns merkw\u00fcrdig erscheint.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">\u201eJesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Ach wie lang, ach lange ist dem Herzen bange und verlangt nach dir.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Gottes Lamm, mein Br\u00e4utigam,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">ausser dir soll mir auf Erden<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">nichts sonst lieber werden.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">(Reformiertes Gesangbuch, Nr. 659)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">\u201eJesu, meine Freude\u201c: Ein Klassiker des 17. Jahrhunderts. \u201eGottes Lamm, mein Br\u00e4utigam?\u201c Nicht unbedingt meine Worte, wenn ich mein Verh\u00e4ltnis zu Jesus beschreiben w\u00fcrde. Aber f\u00fcr einen Menschen, oder vielleicht auch zwei, drei oder mehr, waren sie einmal voll von Bedeutung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">\u201eTrotz dem alten Drachen, Trotz dem Todesrachen, Trotz der Furcht dazu!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Tobe, Welt, und springe; ich steht hier und singe in gar sichrer Ruh.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Gottes Macht h\u00e4lt mich in Acht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Erd und Abgrund muss verstummen,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">ob sie noch so brummen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Da steht jemand und singt in vollkommener Ruhe. Um sie herum toben Sturm und Gewitter \u2013 so wird es in der zweiten Strophe erz\u00e4hlt. Und mitten drin schleudert die Person dem Tosen ihren dreifaltigen Trotz entgegen: \u201eTrotz dem alten Drachen, Trotz dem Todesrachen, Trotz der Furcht dazu.\u201c Und: \u201eOb gleich S\u00fcnd und H\u00f6lle schrecken, Jesus will mich decken.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Obwohl die Worte aus einer fernen Zeit ins Heute her\u00fcberklingen, sind sie gar nicht mehr so weit hergeholt. Der \u201ealte Drachen\u201c ist geweckt, er faucht und speit Feuer \u2013 ein Teil der Kriegsmaschinerie. Und der Todesrachen tut sich auf, dort, in der Ukraine.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Der ver\u00e4nderte Kontext er\u00f6ffnet andere Resonanzr\u00e4ume. Unter anderem f\u00fcr die Lieder, die aus einer Zeit entstammen, die von kriegerischen Auseinandersetzungen und dem damit verbundenen Leid, gekennzeichnet ist. Wie das Lied \u201eJesus, meine Freude\u201c, in dem der dreissigj\u00e4hrige Krieg, der im 17. Jahrhundert Europa verw\u00fcstet hat, nachklingt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Poetische Bilder, die lange geschwiegen haben, werden wieder beredt. Die alten Lieder m\u00f6gen f\u00fcr eine Weile stumm geblieben sein, nichts-sagend, um dann, in einem bestimmten Moment wieder auf Resonanz zu stossen. Vielleicht deshalb, weil in ihnen ein Bedeutungs\u00fcberschuss eingelagert ist, der je nach Situation, je nach Gem\u00fctslage wieder neue Deutungsm\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet. Eigentlich gut, dass wir diese Lieder aufbewahrt haben, dass man sie f\u00fcr merk-w\u00fcrdig gehalten hat. Und gut, dass wir Lieder in unserem Repertoire haben, die eine Vielfalt an Erfahrungswelten abbilden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Das heisst allerdings nicht, dass die Rezeption dieser alten Lieder nun pl\u00f6tzlich ganz ungebrochen m\u00f6glich w\u00e4re. Und dass sich mit dem ersten Resonanzeffekt auch sogleich die v\u00f6llige Identifikation mit den damaligen Singenden einstellte. Ergreift mich dieselbe Ruhe, dasselbe Vertrauen, von dem das Ich im Lied singt? Nicht unmittelbar, nicht sofort. Nicht ohne dass ein \u201eAber\u201c mitschwingt, das weiss, dass sich im Angesicht von Drachen und Todesrachen anstelle des Gottvertrauens auch das Gef\u00fchl der Gottverlassenheit einstellen k\u00f6nnte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Alte Lieder singt man nicht alleine. Sie sind ein Geschenk vorheriger Generationen an uns. Im Gesang klingen die Stimmen jener mit, die sie vor langer Zeit gedichtet und gesungen haben. Und vielleicht bleibt beim Singen etwas von ihrem Vertrauen, ihrer Zuversicht und ihrem Trotz an den Sp\u00e4tergeborenen haften. Damit auch sie den Drachen etwas entgegen zu setzen haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns: 18% auto;\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"789\" class=\"wp-image-411 size-full\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Bildschirmfoto-2022-04-13-um-16.12.12-1024x789.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Bildschirmfoto-2022-04-13-um-16.12.12-1024x789.png 1024w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Bildschirmfoto-2022-04-13-um-16.12.12-300x231.png 300w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Bildschirmfoto-2022-04-13-um-16.12.12-768x592.png 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Bildschirmfoto-2022-04-13-um-16.12.12-350x270.png 350w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Bildschirmfoto-2022-04-13-um-16.12.12.png 1508w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Katrin Kusmierz, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Kompetenzzentrums Liturgik<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alte Kirchenlieder m\u00f6gen uns manchmal wenig zu sagen haben. 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