{"id":476,"date":"2022-06-01T16:22:19","date_gmt":"2022-06-01T14:22:19","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=476"},"modified":"2024-03-04T08:01:41","modified_gmt":"2024-03-04T07:01:41","slug":"von-individuellen-augen-und-kollektiven-ohren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2022\/06\/01\/von-individuellen-augen-und-kollektiven-ohren\/","title":{"rendered":"Von individuellen Augen und kollektiven Ohren"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><strong><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\">Schaut das Auge &#171;individuell&#187;, w\u00e4hrend das Ohr &#171;kollektiv&#187; h\u00f6rt? Wenn ja, was bedeutet das f\u00fcr den Gottesdienst?<\/mark><\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Miriam L\u00f6hr<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">\u00abIm Gegensatz zum individuellen Auge ist das Ohr kollektiv, das hei\u00dft, die Kinozuschauer werden \u00fcber die Musik gemeinsam emotional beeinflusst.\u00bb<a href=\"applewebdata:\/\/429CCDD4-2EE2-46E8-A03F-E34A5EAF1E2D#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Dieser Satz aus einem filmanalytischen Handbuch liess mich aufhorchen. Das Auge l\u00e4sst sich durch die Kamera lenken. Sie bestimmt nicht nur N\u00e4he und Distanz, sondern auch Winkel, Perspektive und Richtung. Sie zeigt uns das Auto von oben, in dem jemand durch eine weite Landschaft f\u00e4hrt. Oder sie l\u00e4sst uns neben dem Fahrer, der Fahrerin Platz nehmen und ihr w\u00e4hrend der Fahrt direkt ins Gesicht schauen. Die Kamera hat Macht. Sie zeigt, was wir sehen und was wir nicht sehen k\u00f6nnen. Aber sie kann nicht verhindern, dass dem einen der Mond im Hintergrund auff\u00e4llt, der anderen jedoch der M\u00fcllsack seitlich im Bild. Die Kamera lenkt, sie erz\u00e4hlt und deutet. Aber sie verhindert nicht das Abschweifen des Blicks, das Umherschauen, das Augenschliessen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Die Filmmusik \u2013 oder allgemeiner: der Ton \u2013 wirkt kollektiv. Nat\u00fcrlich, der Ton l\u00e4sst sich leiser stellen oder abschalten. Aber ist er da, entfaltet er seinen Klangteppich und erf\u00fcllt die Ohren der H\u00f6renden, verbreitet Atmosph\u00e4ren und schafft unbewusst Stimmungen. Das gemeinsame Erleben ist demnach die Musik, nicht das Bild. Die Musik kann dabei freilich unterschiedlich wirken \u2013 was der einen kraftvoll, ist dem anderen dr\u00f6hnend, gef\u00fchlvoll oder kitschig. Nicht nur Vorlieben, auch musikalische Kenntnisse pr\u00e4gen die H\u00f6rgewohnheiten. Aber w\u00e4hrend ein Orgel- oder Chorkonzert in einer Kirche \u00fcberall mehr oder weniger gut zu h\u00f6ren ist, verh\u00e4lt es sich mit dem Blick anders: Die erste Reihe offenbart ein ganz anderes \u00abBild\u00bb als eine Sitzbank seitlich hinter einer S\u00e4ule.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Gilt die filmanalytische Erkenntnis von der Kollektivit\u00e4t des Ohrs und der Individualit\u00e4t des Auges auch f\u00fcr den Gottesdienst? Und l\u00e4sst sie sich f\u00fcr analoge oder digitale Formate fruchtbar machen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Im analogen Gottesdienst im Kirchraum kann der Blick frei umherschweifen, sich in eine Farbe des Fensters vertiefen, das Gew\u00f6lbe in der H\u00f6he oder die Holzmaserung der Kirchenbank in der N\u00e4he betrachten. Wie im Film kann das Ohr dem Klang der Orgel oder der Stimme nicht entgehen, lediglich \u00abwegh\u00f6ren\u00bb und den verbalen Sinn ausblenden. Dann wirkt der Klang aber immer noch unbewusst \u2013 einer bewegten Bach-Fuge, einer monotonen Stimme oder eines beschwingten Gemeindeliedes. Das H\u00f6ren im Gottesdienst ist ein weitgehend gemeinsames Erleben; das Sehen ist plural. Der Klang, die Musik macht aus den Einzelnen ein Kollektiv \u2013 im ekklesiologischen Sinn: eine Gemeinde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Das Abschweifen des Blicks ist auch im digitalen Raum m\u00f6glich. Zwar lenkt auch hier die Kamera, indem sie der Organistin auf die H\u00e4nde schaut, ein Fenster-Detail einblendet oder die sonst unsichtbare Sakristei. Der Blick folgt der Kamera, aber er kann hier ebenso abschweifen und der Spinnweben am Fenster gewahr werden oder der Kabel im Hintergrund. Der Blick kann auch g\u00e4nzlich aussteigen, den Bildschirm verlassen und ausserhalb dieses Frames aus dem Fenster schauen \u2013 und dabei weiter am gemeinsamen Klangraum partizipieren. Die Konstitution der Kollektivit\u00e4t im H\u00f6ren h\u00e4ngt im digitalen Raum wesentlich an der Technik: Sie ist die Voraussetzung f\u00fcr ein klanglich ber\u00fchrendes Mit-Erleben. Die Musik in digitalen Gottesdienstformaten ist f\u00fcr die gemeinschaftliche Beteiligung der Rezipierenden also Herausforderung und Chance zugleich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><a href=\"applewebdata:\/\/429CCDD4-2EE2-46E8-A03F-E34A5EAF1E2D#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Faulstich, Werner (2013<sup>3<\/sup>): Grundkurs Filmanalyse, Stuttgart, 144.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns: 15% auto;\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"681\" class=\"wp-image-357 size-full\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-1024x681.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-1024x681.png 1024w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-300x200.png 300w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-768x511.png 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-1536x1022.png 1536w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-406x270.png 406w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07.png 1746w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Miriam L\u00f6hr ist Postdoc am Institut f\u00fcr Praktische Theologie an der Theologischen Fakult\u00e4t Bern.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">\u00a0<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schaut das Auge &#171;individuell&#187;, w\u00e4hrend das Ohr &#171;kollektiv&#187; h\u00f6rt? 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