{"id":483,"date":"2022-06-07T20:49:58","date_gmt":"2022-06-07T18:49:58","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=483"},"modified":"2024-03-04T08:01:25","modified_gmt":"2024-03-04T07:01:25","slug":"kollektives-sehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2022\/06\/07\/kollektives-sehen\/","title":{"rendered":"Kollektives Sehen"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\"><strong>Wie erfahren Gottesdienstbesucherinnen und -besucher Gemeinschaft? Vor allem im H\u00f6ren? Ich vertrete die These, dass sich die Erfahrung von Gemeinschaft auch \u00fcber das Sehen einstellt. Es gibt ein kollektives Sehen<\/strong>.<\/mark><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Johannes St\u00fcckelberger<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>In ihrem Blog-Beitrag vom 1. Juni 2022 diskutiert Miriam L\u00f6hr die Rolle des Sehens und des H\u00f6rens im Gottesdienst und kommt zum Schluss, es sei \u201eder Klang, die Musik, die aus den Einzelnen ein Kollektiv [mache] \u2013 im ekklesiologischen Sinn: eine Gemeinde.\u201c Die Autorin hat mich gebeten, darauf einen Respons zu schreiben.<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun, ich sage gleich, dass mir die These vom individuellen Auge und kollektiven Ohr nicht einleuchtet. L\u00f6hr beruft sich auf einen Satz aus einem Filmhandbuch, wonach es die Musik sei, die die Kinozuschauer gemeinsam emotional beeinflusse. Auch dies halte ich nicht f\u00fcr richtig. Warum sollen wir nicht davon ausgehen, dass beides, das Sehen und das H\u00f6ren, die Besucher sowohl als Individuen als auch im Kollektiv ansprechen? Als Kunsthistoriker will ich Argumente f\u00fcr das kollektive Sehen beibringen.<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">L\u00f6hr begr\u00fcndet die Individualit\u00e4t des Sehens damit, dass beim Film jede Zuschauerin, jeder Zuschauer die M\u00f6glichkeit hat ihre oder seine Aufmerksamkeit auf das zu richten, was sie bzw. ihn gerade interessiert. Die eine sieht den \u201eMond im Hintergrund\u201c, der andere den \u201eM\u00fcllsack seitlich im Bild\u201c. Auch im Gottesdienst, digital oder analog, sei es so, dass das Auge frei umher- oder abschweifen k\u00f6nne, w\u00e4hrend es dem Ohr weniger m\u00f6glich sei, den Klang der Orgel oder der Stimme auszublenden.<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rede vom individuellen Auge beruht, so vermute ich, auf einem Verst\u00e4ndnis von Sehen als sukzessiver Wahrnehmung von Einzelheiten: der Mond, der M\u00fcllsack, etc. Sehen funktioniert aber nicht so. Das Sehen ist immer zugleich ein sukzessiver als auch ein simultaner Akt. Sukzessiv heisst: Das Auge sammelt im Bild oder im Raum Informationen, folgt einer Handlung in ihrem Verlauf, achtet auf dieses oder jenes Detail. Simultan heisst: Das Bild oder der Raum werden als Ganzes wahrgenommen. Im Bild ist das Ganze durch den Rahmen definiert, im Raum durch dessen Begrenzung oder Offenheit. Jedes Detail, dem wir innerhalb des Bildes oder Raumes folgen, nehmen wir immer zugleich in seiner Beziehung zum Rahmen beziehungsweise zum gesamten Raum wahr. Was ein Bild oder ein Raum an Eindr\u00fccken hinterlassen, bestimmt sich aus der Beziehung, in der die Einzelinformationen sowohl zueinander als auch zum Ganzen stehen. F\u00fcr den Eindruck des Ganzen sind dabei auch ungegenst\u00e4ndliche Elemente wie die Farben, das Licht, die Materialisierung verantwortlich. Das heisst, Farben, Licht und Material stehen nicht nur im Dienst einer Charakterisierung des Einzelnen, sie vermitteln dar\u00fcber hinaus einen Gesamteindruck, eine Atmosph\u00e4re, eine Stimmung. F\u00fcr Farben, Licht, Materialien gibt es durchaus eine kollektive Verst\u00e4ndigung. Eine Mehrheit nimmt beispielsweise Gelb als helle, nach Aussen strahlende, hocht\u00f6nende Farbe wahr, Dunkelblau jedoch als dunkle, nach Innen orientierte, tieft\u00f6nende Farbe.<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um Bilder und R\u00e4ume auf die beschriebene Weise wahrzunehmen, braucht es keine Vorkenntnis oder \u00dcbung, dieses Sehen stellt sich automatisch ein. Wir sehen immer zugleich sukzessiv als auch simultan. Insbesondere das simultane Sehen vermittelt ein kollektives Seherlebnis, das der Wirkung von Musik oder einer Stimme vergleichbar ist. Und da spielt es nun keine Rolle, ob Kirchen, wie viele katholische, reich ausgestattet sind mit Figuren und Bildern, oder ob sie, wie die reformierten, schlichter gestaltet sind. Beide Kirchentypen haben eine optische Ausstrahlung, erm\u00f6glichen ein kollektives Sehen. Beide haben eine \u00c4sthetik, wenn auch eine unterschiedliche.<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m\u00f6chte lediglich zwei Elemente nennen, die im Gottesdienst kollektive Seherlebnisse vermitteln und somit zu einer optischen Erfahrung von Gemeinschaft beitragen. Als erstes das Kirchengeb\u00e4ude. Dessen Wahrnehmung beschr\u00e4nkt sich f\u00fcr die Kirchenbesucherinnen und -besucher nicht auf den Bildausschnitt, den sie, in der Kirchenbank sitzend, sehen. Das Sehen beginnt bereits beim Gang zur Kirche, beim Weg, den wir zusammen mit den anderen Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern gehen. Wir schauen zum Turm hoch, der seit Generationen das Dorfbild pr\u00e4gt. Wir sehen das dicke, alte Gem\u00e4uer. Und die Grundform des Innern, mit Schiff und Chor, ist uns vertraut, so vertraut, wie der Banknachbarin links und dem Banknachbarn rechts. All dies spricht uns als Kollektiv an, schafft ein Gemeinschaftsgef\u00fchl, und zwar nicht nur vor Ort, sondern weltweit und \u00fcber alle Zeiten hinweg. In der Kirche, in der ich jetzt sitze, haben Menschen schon Generationen vor mir gesessen. Und dass die Kirchen auf der ganzen Welt ein Aussehen haben, das sie als Kirchen erkennen l\u00e4sst (ein \u00fcber fast 2000 Jahre gleichgebliebenes corporate design) tr\u00e4gt ebenfalls zur Gemeinschaftsbildung bei. Nat\u00fcrlich gibt es auch im Wohnungsbau oder bei anderen Bautypen Traditionen und Kontinuit\u00e4ten, aber die Wiedererkennbarkeit ist bei den Kirchen besonders gross. Nicht nur an ihrem \u00c4ussern, auch im Innern erkennt man Kirchen, gleich welcher Zeit, als Kirchen, anhand der wichtigsten Ausstattungsst\u00fccke wie Altar oder Abendmahlstisch, Ambo oder Kanzel, Taufstein und Weiterem.<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ein zweites Element, das optisch die Erfahrung von Gemeinschaft vermittelt oder vermitteln kann, nenne ich den liturgischen Gestus des Segnens. Liturginnen und Liturgen, die beim Schlusssegen ihre Arme ausbreiten, unterst\u00fctzen die Segensworte mit einem Gestus, der seit dem Fr\u00fchchristentum verwendet wird, und den man durchaus als universellen Gestus bezeichnen kann. Wer mit diesem Gestus gesegnet wird, erf\u00e4hrt sich \u2013 sei es im analogen oder digitalen Gottesdienst \u2013 als Teil einer weltweiten Gemeinschaft. An dieser Stelle sei an den Kulturhistoriker Aby Warburg erinnert, der an einer Theorie des sozialen Ged\u00e4chtnisses auf der Grundlage von Bildern und Gesten arbeitete. Eine zentrale Rolle spielt bei ihm der Begriff der Pathosformel, worunter er bestimmte wiederkehrende Bildformeln versteht, die mit jeder Wiederkehr zugleich das urspr\u00fcnglich in diese Formel eingepr\u00e4gte Affektpotential aktivieren. Kunstwerke und Gesten deutet er als Produkte von Ausdrucksenergien, die als Engramme im kollektiven Ged\u00e4chtnis gespeichert sind. Werden diese Formeln \u2013 zum Beispiel der Segensgestus \u2013 abgerufen oder aufgerufen, k\u00f6nnen sie, als im kollektiven Ged\u00e4chtnis verankert, immer wieder neu die Erfahrung von Kollektivit\u00e4t vermitteln. Es gibt ein kollektives Sehen, auch im Gottesdienst.<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p><em>Zur Einf\u00fchrung in ein Sehen, das sich nicht auf das Sehen von einzelnen Motiven (in der Kunstgeschichte als Methode der Ikonographie bezeichnet), beschr\u00e4nkt, empfehle ich: Johannes St\u00fcckelberger, \u201eWie Bilder predigen\u201c, in: Jan Hermelink und David Pl\u00fcss (Hg.), Predigende Bilder. Was die Homiletik von Kunstwerken lernen kann, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2017, S. 43-70.<\/em><\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns: 15% auto;\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"734\" class=\"wp-image-256 size-full\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-1024x734.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-1024x734.png 1024w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-300x215.png 300w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-768x551.png 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-1536x1102.png 1536w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-376x270.png 376w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55.png 1740w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Johannes St\u00fcckelberger ist Dozent f\u00fcr Religions- und Kirchen\u00e4sthetik an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bern und Titularprofessor f\u00fcr Neuere Kunstgeschichte an der Universit\u00e4t Basel<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie erfahren Gottesdienstbesucherinnen und -besucher Gemeinschaft? 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