{"id":527,"date":"2022-06-15T12:05:35","date_gmt":"2022-06-15T10:05:35","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=527"},"modified":"2024-11-01T09:57:52","modified_gmt":"2024-11-01T08:57:52","slug":"das-reformierte-ausgleichsventil-zu-liturgisch-eigentlich-schoenem-der-promenadologische-einzug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2022\/06\/15\/das-reformierte-ausgleichsventil-zu-liturgisch-eigentlich-schoenem-der-promenadologische-einzug\/","title":{"rendered":"Der \u201epromenadologische Einzug\u201c"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: 24pt;\"><strong>Das reformierte Ausgleichsventil zu liturgisch (eigentlich) Sch\u00f6nem<\/strong><\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><strong>Liturgische Gesten und Bewegungen geh\u00f6ren ja nicht zum Lieblings- und Kernrepertoire reformierter Pfarrpersonen. Es lohnt sich aber \u00fcber die theologischen Aussagen hinter so mancher vermeintlich nebens\u00e4chlichen Entscheidung nachzudenken. So bei der Frage, wo die Pfarrperson\/Liturg:in bei Beginn des Eingangsspiel ist und wie sie da hinkommt, wo sie gerne sein m\u00f6chte. Ein paar Gedanken zum Einzug, halben Prozessionen und &#8211; hoffentlich &#8211; ein Mutmacher f\u00fcr ganze Sachen.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Andr\u00e9 Stephany<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist es nicht Konfirmation oder Goldene Hochzeit mit einer ganzen Horde von Jubilarinnen und Jubilaren, dann gebe es bei Einsatz der Orgel nur einen Ort, wo die Pfarrperson zu sein habe in der ersten Reihe, als Teil der Gemeinde. So habe ich das zumindest mal gelernt. Auch wenn die Pfarrperson an der Kirchent\u00fcr begr\u00fcsst, so geht sie dann aber doch rechtzeitig zu ihrem Platz, h\u00e4lt kurz inne und sitzt dort mit dem Rest der Gemeinde, bis die Orgel die Liturgie feierlich er\u00f6ffnet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch in meiner Zeit in Basel ist mir das damals h\u00e4ufig begegnet. Auffallend waren f\u00fcr mich die wenigen Gemeinden, bei denen die Pfarrperson nicht mit der Gemeinde sass, sondern einen \u201ePriestersitz\u201c im Kirchenchor hatte \u2013 rein aus praktischen Gr\u00fcnden nat\u00fcrlich; wer von uns mag schon den langen Gang von erster Bank zum Ambo mit allen Blicken im Nacken?! Manchmal schien es mir, diese St\u00fchle mussten die wackeligsten und \u00e4ltesten in der ganzen Kirche sein, um auf Nummer sicher zu gehen, die eventuell geweckte Parallele zur Sitzposition eines Priesters abgesondert von der Gemeinde im heiligen Bereich des Kirchenchores, auszubalancieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber die Jahre war dann aber \u00f6fters mal zu beobachten, dass die Pfarrperson zu Beginn des Orgelspiels nicht schon an ihrem Platz \u2013 sei es in der ersten Reihe oder im Kirchenchor \u2013 war, sondern mit der Orgelmusik erst zu ihrem Platz ging. Das geschah nicht, wie man es auch hochkirchlichen Gottesdiensten kennt, feierlich und and\u00e4chtig durch den Mittelgang, sondern (Achtung reformiertes Ausgleichsventil!) entlang des engen Seitengangs links an den Bankreihen vorbei, oder quer durchs Kirchenschiff von Sakristei zur Kanzel, oder in \u00e4hnlicher Weise auff\u00e4llig unauff\u00e4llig. Es machte f\u00fcr mich immer den Eindruck, man wollte etwas wagen, ein bisschen \u201ealte\u201c Liturgie reinbringen, aber den ganzen Sprung wagte man nicht. Nat\u00fcrlich kann man auch argumentieren, die Bewegung der Pfarrperson oder leitenden Liturg:in ist eine rein praktische Notwendigkeit und die Art und Weise, wie dies geschieht, ist von keinerlei Relevanz f\u00fcr die Verk\u00fcndigung des Wortes. Dem w\u00fcrde ich jedoch entgegenhalten, dass alles, was im Gottesdienstraum passiert auf irgendeine Weise der Verk\u00fcndigung zutr\u00e4glich ist, ihr im Weg steht, ablenkt und auch theologisch eine Botschaft sendet.<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mittlerweile beobachte ich h\u00e4ufiger Kolleg:innen, die mit Einsetzen der Orgelmusik prominent durch den Mittelgang zu ihrem Platz gehen und auch ich selbst hab es mehrfach so gemacht. H\u00e4ufig aus dem praktischen Grund, dass ich bis zur letzten Minute noch Menschen an der T\u00fcr begr\u00fcsste. Die Analogie zur Prozession ist \u2013 auch bei rein praktischen Gr\u00fcnden \u2013 trotzdem unzweifelhaft gegeben. Aus reformierter Perspektive halte ich zwar die Variante: Pfarrperson sitzt beim Einsetzen der Orgel bereits in der ersten Reihe mit der Gemeinde und tritt aus ihren Reihen dann nach vorne und sp\u00e4testens zum Ausgangsst\u00fcck wieder dorthin zur\u00fcck, f\u00fcr schl\u00fcssiger, allerdings sehe ich keine schwerwiegenden Einw\u00e4nde gegen einen Einzug der Pfarrperson zur Orgelmusik.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn wir das als Liturg:innen jedoch tun, m\u00fcssen wir uns bewusst machen, was wir da tun und \u2013 auch wenn es vielleicht jetzt so manches Schmunzeln ausl\u00f6st \u2013 wie wir es tun.<a id=\"_ftnref2\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der feierliche Einzug durch den Mittelgang war urspr\u00fcnglich Teil einer Prozession. Die liturgisch Mitwirkenden, die Geweihten, die M\u00f6nche oder Nonnen \u2013 je nach dem ob Kathedrale, Dorfkirche oder Kloster eben \u2013 zogen mit gesprochenen oder gesungenen Gebeten vom Kreuzgang in die Kirche und dort zogen sie ihre Runden, wie das heute in orthodoxen Kirchen, oder an besonderen Festtagen in r.-katholischen, alt-\/christkatholischen und anglikanischen Gottesdiensten noch passiert. Der Einzug durch den Mittelgang war eine verk\u00fcrzte Version dieser grossen Prozessionen, blieb aber durch alle Zeiten ein Gebet. Die liturgisch Beteiligten sollten diesen Gang nutzen, sich im Gebet auf ihre Aufgabe vorzubereiten und sich klar zu machen, dass sie dieser Aufgabe nur durch Gottes Gnade gewachsen waren. Dies geschah durch laut oder in der Stille gesprochene oder gesungene Gebete beim Einzug (Introitus)<a id=\"_ftnref3\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> oder \u2013 im Anglikanischen besonders \u00fcblich \u2013 durch das Singen eines besonders geeigneten Gemeindeliedes w\u00e4hrend des Einzugs, bzw. durch Sprechen eines S\u00fcndenbekenntnisses.<a id=\"_ftnref4\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was dazu nicht passt \u2013 auch wenn man Bewegungen im liturgischen Raum nicht \u00fcberbewerten m\u00f6chte \u2013 ist ein Hineinschlendern. Ab und an passiert es, die Arme schwingen, der Schritt federt, ob durch den Mittelgang oder der Aare entlang, gleiche Haltung und Bewegung<a id=\"_ftnref5\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> \u2013 am besten Ringbuch noch unter dem Arm.<a id=\"_ftnref6\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> Das w\u00e4re f\u00fcr mich pers\u00f6nlich ein solcher Fall, bei dem falsche theologische Botschaften gesendet und ein unpassender Eindruck \u00fcber das gleich geschehende Ereignis Gottesdienst ausgedr\u00fcckt werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es w\u00e4re ein grosser Sprung, diesen Einzug wieder von gesungenen Gebeten oder einem S\u00fcndenbekenntnis begleiten zu lassen \u2013 f\u00fcr reformierte Gottesdienste sogar ein vielleicht gar nicht w\u00fcnschenswerter Sprung. Doch ich halte es f\u00fcr wichtig, diesen Gang zu reflektieren. Warum ziehe ich hier zur Orgelmusik ein und sitze nicht schon am Platz als Teil der Gemeinde? Und wenn ich mich f\u00fcr den Einzug entscheide \u2013 was ich pers\u00f6nlich ja sch\u00f6n finde \u2013 dann w\u00e4re es wichtig, es bewusst zu tun und nicht wie beim Spazieren gehen (\u201epromenadologischer Einzug\u201c w\u00e4re doch ein sch\u00f6nes Fachwort, das noch zu erfinden w\u00e4re), sondern fokussiert, vielleicht mit den H\u00e4nden ineinander, betend oder sich vorbereitend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wobei, um mich gleich selbst in Frage zu stellen: Ein Einzug der Extraklasse und doch die Gott w\u00fcrdigste Prozession, die ich je gesehen habe, war ein Gottesdienst der <em>Episcopal Church<\/em> in den USA, bei dem der pr\u00e4sidierende Bischof Michael Curry in einer Gemeinde zu Besuch war und der Chor und alle Geistlichen swingend und tanzend in ihren liturgischen Gew\u00e4ndern zu <em>\u201eA little light of mine\u201c<\/em> einzogen; diese w\u00fcrdige Freude, dieser Lobpreis aus tiefstem Herzen, dieses Gebet in Gesang und Tanz\u2026 (Sicherheitshinweis f\u00fcr europ\u00e4ische Pfarrpersonen: Bitte nicht zu Hause nachmachen).<a id=\"_ftnref7\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist sch\u00f6n, wie wir im Bereich reformierter Gottesdienste die Freiheit haben, liturgisch Neues und Altes zu wagen und auszuprobieren, auch wenn anderes vielleicht theologisch naheliegender w\u00e4re. Ich m\u00f6chte mir und allen Kolleg:innen dabei Mut machen, nicht gleich das reformierte Sicherheitsventil zu \u00f6ffnen und dem liturgisch Sch\u00f6nen die Luft rauszulassen, bevor es \u00fcberhaupt wirken kann.<\/p>\r\n\r\n\r\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Siehe dazu auch die Diskussion bei Thomas Kabel: \u00dcbungsbuch Liturgische Pr\u00e4senz. G\u00fctersloh 2011, 213<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_ftn2\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Ich erinnere mich an den lauten Protest als wir im Rahmen einer Vikariatsveranstaltung das \u201eLiturgische Schreiten\u201c \u00fcben sollten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_ftn3\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Psalm 43 (Vulgata 42) war ein besonders \u00fcblicher Psalm mit seinem Vers 4: <em>Introibo ad altare Dei [\u2026]<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_ftn4\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Das sogenannte <em>Confiteor. <\/em>Die christkatholische Kirche der Schweiz hat in ihrer Liturgie der Eucharistiefeier diese Tradition noch lebendig in Form eines responsiven Gebets mit S\u00fcndenbekenntnis zwischen Priester:in und Gemeinde. Dort spricht der\/die Priester:in nach der trinitarischen Er\u00f6ffnung \u201eIch will hintreten zum Altare Gottes\u201c, und die Gemeinde antwortet \u201eZu Gott, meiner frohlockenden Freude.\u201c Dies wird gefolgt vom Adjutorium und weiteren Versen im Wechsel, bevor zun\u00e4chst Priester:in und dann Gemeinde S\u00fcndenbekenntnisse sprechen (Confiteor). Vgl. Christkatholische Gebet- und Gesangbuch, hrsg. v. Bischof uns Synodalrat der Christkatholischen Kirche der Schweiz, Bd. 1, 2. Aufl., Basel 2006.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_ftn5\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Ein anderer Extremfall w\u00e4re das v\u00f6llig in sich versenkte mit h\u00e4ngendem Kopf und vielleicht den Ordner mit den Armen an den Oberk\u00f6rper gepresst and\u00e4chtige Abschreiten des Mittelgangs. Vgl. auch Kabel 2011, 15.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_ftn6\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Das ist ein Reizthema f\u00fcr Thomas Kabel, der es als \u201eRequisit, das in der protestantischen Kirche eine sehr gro\u00dfe Rolle spielt\u201c bezeichnet (Kabel 2011, 17).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_ftn7\" href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Leider ist das Video dazu mittlerweile nicht mehr auf Youtube zu finden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns: 15% auto;\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" class=\"wp-image-167 size-full\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT-1024x1024.jpeg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT-1024x1024.jpeg 1024w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT-300x300.jpeg 300w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT-150x150.jpeg 150w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT-768x768.jpeg 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT-270x270.jpeg 270w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT.jpeg 1345w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Andr\u00e9 Stephany arbeitet als Doktorand und Assistent am Lehrstuhl f\u00fcr Praktische Theologie in Bern. In seiner Dissertation besch\u00e4ftigt er sich mit der ehrenamtlichen Verk\u00fcndiung in der Schweiz.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das reformierte Ausgleichsventil zu liturgisch (eigentlich) Sch\u00f6nem Liturgische Gesten und Bewegungen geh\u00f6ren ja nicht zum Lieblings- und Kernrepertoire reformierter Pfarrpersonen. Es lohnt sich aber \u00fcber die theologischen Aussagen hinter so mancher vermeintlich nebens\u00e4chlichen Entscheidung nachzudenken. 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