{"id":542,"date":"2022-06-23T07:49:38","date_gmt":"2022-06-23T05:49:38","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=542"},"modified":"2024-03-04T08:00:45","modified_gmt":"2024-03-04T07:00:45","slug":"kollektives-sehen-und-hoeren-im-gottesdienst-nr-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2022\/06\/23\/kollektives-sehen-und-hoeren-im-gottesdienst-nr-3\/","title":{"rendered":"Kollektives Sehen und H\u00f6ren im Gottesdienst Nr. 3"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\">Johannes St\u00fcckelberger macht sich in seiner Response auf meinen Beitrag zum kollektiven H\u00f6ren f\u00fcr ein kollektives Sehen stark. Ich stimme dem zu \u2013 dass es ein kollektives H\u00f6ren gibt, schliesst ein kollektives Sehen nicht aus. Dennoch halte ich die Zug\u00e4nglichkeit von Musik f\u00fcr weniger voraussetzungsreich.<\/mark><\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Miriam L\u00f6hr<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Johannes St\u00fcckelberger verweist zun\u00e4chst auf die Eingebundenheit visueller Details im Raum. Ich stimme dem zu \u2013 der Blick extrahiert nicht den einzelnen Gegenstand. Wohl aber blendet er anderes, in dem Moment Unwichtiges aus. Das Geh\u00f6r kann ebenso einen einzelnen Ton heraush\u00f6ren, wird aber doch beim Ganzen bleiben, nicht zuletzt, weil Musik einen zeitlichen Verlauf braucht, um erlebbar zu werden. Auch die visuelle Betrachtung braucht Zeit, ist aber nicht der Metrik des Musikst\u00fccks unterbunden. Johannes St\u00fcckelberger betont die Wirkungen \u00abungegenst\u00e4ndliche(r) Elemente wie die Farben, das Licht, die Materialisierung\u00bb. Sie verschaffen \u00abeinen Gesamteindruck, eine Atmosph\u00e4re, eine Stimmung. F\u00fcr Farben, Licht, Materialien gibt es durchaus eine kollektive Verst\u00e4ndigung.\u00bb Auch dem stimme ich zu \u2013 und reihe die Musik hier ein. Als ungegenst\u00e4ndliche Wirkmacht sorgt sie f\u00fcr Stimmungen und Atmosph\u00e4ren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ferner schreibt Johannes St\u00fcckelberger zur Vertrautheit des Raums: \u00ab\u2026 die Grundform des Innern, mit Schiff und Chor, ist uns vertraut, so vertraut, wie der Banknachbarin links und dem Banknachbarn rechts. All dies spricht uns als Kollektiv an, schafft ein Gemeinschaftsgef\u00fchl, und zwar nicht nur vor Ort, sondern weltweit und \u00fcber alle Zeiten hinweg. In der Kirche, in der ich jetzt sitze, haben Menschen schon Generationen vor mir gesessen. Und dass die Kirchen auf der ganzen Welt ein Aussehen haben, das sie als Kirchen erkennen l\u00e4sst (ein \u00fcber fast 2000 Jahre gleichgebliebenes corporate design) tr\u00e4gt ebenfalls zur Gemeinschaftsbildung bei.\u00bb<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wenn <\/em>diese Vertrautheit vorliegt, schafft der Raum Gemeinschaft und Zugeh\u00f6rigkeit. Wenn nicht, kann er das Gegenteil bewirken: Fremdheit, Verunsicherung, Abschreckung. Der Kirchraum ist f\u00fcr mit ihm Unvertraute vielleicht intuitiv ansprechend, vielleicht aber auch hochschwellig und voraussetzungsreich. Johannes St\u00fcckelberger schreibt, man erkenne Kirchen \u00abanhand der wichtigsten Ausstattungsst\u00fccke wie Altar oder Abendmahlstisch, Ambo oder Kanzel, Taufstein und Weiterem.\u00bb Hier m\u00f6chte ich ein Fragezeichen setzen \u2013 was ein Ambo ist, kann sicher nicht als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden; und wer nicht weiss, was die Taufe ist, wird auch mit dem zugeh\u00f6rigen Stein nichts anfangen k\u00f6nnen. Das Sehen ist dann nicht kollektiv wissend, sondern h\u00e4ngt stark von den eigenen Vorkenntnissen ab. Was bei Kirchenvertrauten Heimat und Zugeh\u00f6rigkeit ausl\u00f6st, kann Andere abschrecken und irritieren. Ich gebe zu, dass dieses ambivalente Potential beispielsweise auch auf Orgelmusik zutrifft \u2013 erkenne ich die Bach-Fuge, h\u00f6re ich sie anders als jemand, der\/die weder mit Instrument noch Epoche vertraut ist. An diesem Punkt kann auch Musik voraussetzungsreich sein. Eine bestimmte Atmosph\u00e4re wird sie jedoch in jedem Fall verbreiten, auch ohne das Wissen, was ein cantus firmus ist. Ob diese Atmosph\u00e4re als vertraut, angenehm oder bedrohlich wahrgenommen wird, ist damit noch nicht beantwortet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich stimme dem Befund des kollektiven Sehens im Gottesdienst grunds\u00e4tzlich zu. Farben (die kulturell jedoch sehr unterschiedlich kodiert sein k\u00f6nnen) und Licht wirken, der visuell wahrnehmbare Raum als Ganzes hat eine spezifische Atmosph\u00e4re. Die Vertrautheit mit dem Raum und das visuelle Dekodieren seiner Elemente sind jedoch voraussetzungsreich und aus diesem Grund nicht per se kollektiv. Ich wage zu behaupten: Wer mit beidem unvertraut ist, wird weniger vom Anblick einer Kanzel ergriffen sein als vom H\u00f6ren einer Bach-Kantate \u2013 nicht automatisch positiv, aber unmittelbarer emotional affiziert. Dass es ein kollektives H\u00f6ren gibt, schliesst ein kollektives Sehen nicht aus. Was die einzelne Person st\u00e4rker anspricht und ins Kollektiv einbindet, ist nicht zuletzt typusabh\u00e4ngig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns: 15% auto;\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"681\" class=\"wp-image-357 size-full\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-1024x681.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-1024x681.png 1024w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-300x200.png 300w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-768x511.png 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-1536x1022.png 1536w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-406x270.png 406w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07.png 1746w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Miriam L\u00f6hr ist Postdoc am Institut f\u00fcr Praktische Theologie an der Theologischen Fakult\u00e4t Bern.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes St\u00fcckelberger macht sich in seiner Response auf meinen Beitrag zum kollektiven H\u00f6ren f\u00fcr ein kollektives Sehen stark. 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