{"id":584,"date":"2022-08-19T07:50:54","date_gmt":"2022-08-19T05:50:54","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=584"},"modified":"2024-11-01T09:54:40","modified_gmt":"2024-11-01T08:54:40","slug":"leichte-sprache-ist-nicht-ganz-einfach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2022\/08\/19\/leichte-sprache-ist-nicht-ganz-einfach\/","title":{"rendered":"Leichte Sprache ist (nicht) ganz einfach"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><strong>Was ist \u00abLeichte Sprache\u00bb? Und was unterscheidet sie von der \u00abeinfachen Sprache\u00bb? Es sind vereinfachte Formen des Deutschen. Als wichtige Instrumente f\u00fcr Barrierefreiheit sind diese Vereinfachungen relevant f\u00fcr die Inklusion. Menschen, die sprachlich weniger kompetent sind, verstehen besser, was ihnen gesagt oder geschrieben wird. Es ist eine \u201eEntkomplizierung\u201c, die bestimmten Regeln folgt<\/strong>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Ralph Kunz<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Der Text besteht zum Beispiel nur aus kurzen S\u00e4tzen und einfachen W\u00f6rtern. Leichte Sprache ist hinsichtlich der Regeln strenger als schwere Sprache. Im Blick sind verschiedene Zielgruppen. Neben den Menschen mit einer geistigen Beeintr\u00e4chtigung sind auch solche im Fokus, die durch eine Krankheit in ihrer Wahrnehmung beschr\u00e4nkt sind. F\u00fcr andere bedeutet das Reden in fremder Zunge eine Herausforderung. Auch ihnen kommt ein Deutsch entgegen, das mit einer einfachen Syntax, weniger Genitiven und Konjunktiven daherkommt. Aber ist das der Sinn der Sache? M\u00fcsste es nicht das Ziel sein, diese Gruppe zu f\u00f6rdern?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Mir kommt Musa in den Sinn. Er kam als Fl\u00fcchtling nach Basel und landete in einem Hilfsprogramm der Matth\u00e4uskirche. Ich versuchte ihm Deutsch beizubringen. Der Erfolg meiner Bem\u00fchungen war sehr bescheiden. Eines Tages erkl\u00e4rte mir Musa, er wolle nicht mehr in den Unterricht kommen. Seine Erkl\u00e4rung leuchtete mir sofort ein: \u00abViel Denken Kopf kaputt.\u00bb Weil ihm so viel auf der Seele lag, fiel ihm das Lernen schwer.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Die Gr\u00fcnde, warum jemand weniger versteht, nicht lernen kann oder will, sind sehr vielf\u00e4ltig. Passt <em>ein<\/em> Konzept f\u00fcr so viele Situationen? Beim leichten Sprechen ist tats\u00e4chlich Vorsicht geboten. Man kann es sich damit zu einfach machen. Wie schnell fallen wir in eine infantilisierende Sprechweise! Wenn mein Gegen\u00fcber M\u00fche hat, mich gut zu verstehen, ist das kein Grund, sie oder ihn nicht f\u00fcr voll zu nehmen. Wie man R\u00fccksicht nehmen und auf Augenh\u00f6he kommunizieren kann, will gut \u00fcberlegt sein. Dazu geh\u00f6rt, auf die unterschiedlichen Ursachen f\u00fcr eine geringere Sprachkompetenz zu achten: Erwachsene Menschen mit einer geistigen Beeintr\u00e4chtigung sind keine Kinder mehr, Menschen mit Demenz haben andere Verstehensbarrieren als Schwerh\u00f6rige. Ein blinder Freund klagte einmal: \u00abSobald die Leute merken, dass ich nicht sehe, sprechen sie mit mir, als ob ich nicht ganz richtig im Kopf bin. Sie reden lauter, in einfachen S\u00e4tzen. Oder sie reden mit dem Hund \u00fcber mich.\u00bb<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Sehr vereinfacht gesagt: Falsch verstandene und falsch verwendete Sprach-vereinfachung ist einfach nur peinlich. Das liegt nicht am \u00abKonzept\u00bb der leichten Sprache \u2013 es liegt am Umgang mit ihm. Aber versteht sich das nicht von selbst? Mein Bem\u00fchen um Verst\u00e4ndlichkeit m\u00fcsste eigentlich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sein. Ich will verstanden werden. Und mein Gegen\u00fcber soll verstehen, dass ich mich nicht <em>herablasse<\/em>, sondern ihr oder ihm <em>entgegenkommen<\/em> will.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Voil\u00e0! Warum reden wir dann permanent und penetrant von Sprachniveaus? Ich finde das Gegen\u00fcber-Modell hilfreicher als das Stufenmodell. Eine Sprache, in der von \u00aboben\u00bb und \u00abunten\u00bb gesprochen wird, beziehungsweise eine Sprache, die mit einem \u00abhohen\u00bb und \u00abtiefen Niveau\u00bb bewertet wird, betont bei den Anwendenden die <em>angestrengt<\/em>e Anpassung nach unten. Eine entgegenkommende Sprache ist leichtf\u00fcssiger unterwegs. Sie freut sich auf die Begegnung und Beweglichkeit, die ein entschlacktes Sprachspiel erm\u00f6glicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Sieht man im Einfacheren nur das tiefere Niveau, verpasst man ausserdem seinen Charme. Wer einfacher spricht, muss sich nicht aufblasen, wer das Verschachtelte meidet, will sich nicht verstecken, wer auf die Pfauenfedern der Fremdw\u00f6rter verzichtet, sch\u00e4tzt die regionalen Produkte der eigenen Sprache umso mehr. Easy, oder? \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Es ist das ureigenste Interesse der Sprecherin, dass ihre Rede verstanden wird. Nichts einfacher als das. Sag einfach, was Sache ist. K\u00f6nnte es sein, dass uns, die wir in der Kirche wirken, dies besonders schwerf\u00e4llt? 2015 \u2013 ein Blog, der zu reden gibt, Erik Fl\u00fcgge, Kommunikationsfachmann, spricht den Theologen ins Gewissen und fragt: Verreckt die Kirche an ihrer Sprache?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Fl\u00fcgge spricht Klartext. Man versteht ihn. Es ist zwar derb ausgedr\u00fcckt, aber wahr. Er opponiert gegen den \u00abKirchsprech\u00bb.\u00a0 Gemeint ist der klerikale Mundgeruch. Wenn es nach Kirche, Belehrung und Moral riecht. Wenn frommes Geschwurbel, Sprache Kanaans, klerikal verhauchtes Sprechen, weltfremdes, kompliziertes und unverst\u00e4ndliches Predigtpathos, schwere und gewichtige Worte, grosse philosophische Brocken gew\u00e4lzt werden \u2026 dann sind wir bei den klassischen Sprech-<em>S\u00fcnden <\/em>\u00a0der Berufsredner:innen im gottesdienstlichen Milieu. Wer kennt sie nicht? Und wer stimmt Fl\u00fcgge nicht spontan zu, wenn er als L\u00f6sung vorschl\u00e4gt:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">&#171;Es w\u00e4re doch am Ende recht einfach. Macht\u2019s wie der Chef. Jesus hat sich doch auch M\u00fche gegeben, irgendwie verst\u00e4ndlich zu sein. Er hat den Leuten etwas mit Bildern und Begriffen erkl\u00e4rt, mit denen sie etwas anfangen konnten. Seine Zuh\u00f6rer wussten, wer die Samariter sind und wie ein Senfbaum aussieht. [\u2026] Darf ich einen Deal vorschlagen: Sprecht doch einfach \u00fcber Gott, wie ihr beim Bier sprecht. Dann ist das vielleicht noch nicht modern, aber immerhin mal wieder menschlich, nah und nicht zuletzt verst\u00e4ndlich. Na denn, PROST!&#187;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Fl\u00fcgge hat Recht, wenn er Kirchenmenschen mahnt, den \u00abKirchsprech\u00bb zu \u00fcberwinden. Aber er macht es sich zu einfach mit seiner Bieridee: Leicht ist nicht seicht, Rede kein Schwatz. Dagegen sind die Regeln der leichten und die Empfehlungen der einfachen Sprache wie eine Di\u00e4t \u2013 eine Rosskur f\u00fcr sprachlich \u00dcbergewichtige. Das hat seinen Sinn. Dennoch \u2013 ganz befriedigend ist auch die Reduktionsl\u00f6sung nicht! Wir k\u00f6nnen unsere Satzmonster zerschlagen und alle Fremdw\u00f6rter ausrotten, wir k\u00f6nnen 8-W\u00f6rter-S\u00e4tze aneinanderreihen und Verschachtelungen aufl\u00f6sen \u2013 aber dem Geschmack des Einfachen sind wir noch nicht auf der Spur.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Wir \u00fcbersehen das kreative Moment. Die Verknappung der Mittel ist auch ein Stilmittel! Das Einfache muss nicht simpel sein, die Reduktion kann den Geschmack verst\u00e4rken, das Karge den Sinn sch\u00e4rfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Wir haben im Ritus ein naheliegendes Beispiel f\u00fcr eine solche geschmacksverst\u00e4rkende Reduktion. Im Abendmahl begegnen wir dem Elementaren \u2013 reden nicht \u00fcber etwas, theoretisieren nicht, sondern vollziehen Sprechakte, die uns in ein Geschehen hineinf\u00fchren, das zu uns spricht. Im wissenschaftlichen Sprachspiel nennt man diese Kommunikation \u00absymbolisch\u00bb.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Der Begriff hat seine T\u00fccken. Hier geht es nur um das Plus des Einfachen, das man dabei erfahren kann. Dieses Plus ist uns Reformierten ins liturgische Stammbuch geschrieben. Als Huldrych Zwingli sich daran machte, die Messe zu reformieren, schuf er ein Meisterst\u00fcck der Einfachheit. Sein Formular sollte f\u00fcr alle verst\u00e4ndlich sein: Darum deutsch und nicht lateinisch, darum in Gruppen mitgesprochen und nicht nur von Profis rezitiert, darum knapp und nahe an der biblischen Szene. Kein spekulatives Geschnatter, kein geheimnisgeladenes Gemurmel. Das Ziel der Reform war, dass alle mitfeiern k\u00f6nnen. \u00a0Dank einem mageren Formular, in dem nichts zerredet und fest darauf vertraut wird, dass die Gesten und die wenigen Dinge \u2013 der Tisch, das Brot und der Wein in einfachem Geschirr \u2013 f\u00fcr sich sprechen.<br \/>Ob sich leichte Sprache und Liturgie etwas zu sagen haben? Musa w\u00fcrde vielleicht einwerfen: <em>Viel denken Kopf kaputt<\/em>. Und ich denke: Manchmal bringt es etwas, wenn wir dar\u00fcber reden, wie wir miteinander reden und daraus lernen, einander als Menschen zu verstehen. Dann heisst es: <em>Viel danken Herz leicht<\/em>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-white-color has-text-color wp-block-paragraph\">&#8211;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Ralph Kunz ist Professor f\u00fcr Praktische Theologie an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Z\u00fcrich<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><em>Die Tagung zum Thema: &#171;Verstehen wir uns? Eine Tagung f\u00fcr alle, die sich f\u00fcr leichte Sprache interessieren&#187; am 29.8.2022 in Z\u00fcrich. Mehr dazu <a class=\"ek-link\" href=\"https:\/\/www.kimebe.ch\/aktionstage_inklusion\/veranstaltungen\/29082022_verstehen_wir_uns\/\">hier<\/a>.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist \u00abLeichte Sprache\u00bb? 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