{"id":610,"date":"2022-08-31T11:52:34","date_gmt":"2022-08-31T09:52:34","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=610"},"modified":"2024-03-04T07:59:47","modified_gmt":"2024-03-04T06:59:47","slug":"entgegenkommendes-liturgisches-sprechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2022\/08\/31\/entgegenkommendes-liturgisches-sprechen\/","title":{"rendered":"\u00abEntgegenkommendes\u00bb liturgisches Sprechen"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\">Sprache im Gottesdienst ist nicht Text, sondern Bewegung und Handlung. Was alles damit zusammenh\u00e4ngt, wird in diesem Blog-Beitrag ausgelotet, ausgehend und mit Bezug auf Ralph Kunz&#8216; Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine \u00abentgegenkommende Sprache\u00bb.<\/mark><\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">David Pl\u00fcss<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\">Ralph Kunz pl\u00e4diert in seinem Blog-Beitrag \u00fcber \u00abLeichte Sprache\u00bb f\u00fcr ein <em>Gegen\u00fcber-Modell<\/em> statt eines <em>Stufenmodells<\/em> der leichten Sprache. Die Rede von Sprachniveaus, die zu senken seien, um f\u00fcr Menschen mit einer Beeintr\u00e4chtigung verst\u00e4ndlich zu sein, h\u00e4lt er f\u00fcr gef\u00e4hrlich. Sie tendiere zu einer herablassenden und infantilisierenden Sprache. Verst\u00e4ndliche Sprache m\u00fcsse <em>entgegenkommende Sprache<\/em> auf Augenh\u00f6he sein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\">Mir leuchten Einwand und Vorschlag ein: Verst\u00e4ndlich ist Sprache dann, wenn sie den Zuh\u00f6renden entgegenkommt, wenn sie auf sie zukommt, wenn sie sich ereignet. Ich greife den Gedanken auf, beziehe ihn auf den Gottesdienst und f\u00fchre ihn noch etwas weiter. Dabei fokussiere ich auf die gesprochene und nicht auf die geschriebene Sprache. Um die entgegenkommende Bewegung der Sprache h\u00f6rbar und erkennbar zu machen, k\u00f6nnte, wenn immer m\u00f6glich und sachlich angemessen, vom <em>Sprechen<\/em> statt von der <em>Sprache<\/em> gesprochen werden. Sprache kommt im Sprechen in Bewegung, wird freigelassen, greift Raum und nimmt sich Zeit, wird von den einen in Bruchst\u00fccken aufgeschnappt und von anderen aufmerksam geh\u00f6rt. Ich werde darum im Folgenden vom <em>entgegenkommenden Sprechen<\/em> sprechen und Ralph Kunz&#8216; Vorschlag performativ erkunden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\">Grunds\u00e4tzlich gilt: Verst\u00e4ndliches Sprechen ist keine Geistesgabe, sondern Handwerk. Verst\u00e4ndlich sprechen \u2013 in der Predigt, beim Beten, beim Moderieren oder Unterrichten \u2013 kann gelernt werden. Rhetorik heisst die Disziplin, die sich damit befasst Und sie hat bereits ein stolzes Alter: rund 2500 Jahre. Es ist eine Theorie <em>und<\/em> eine Technik, eine Praxis, eben: ein Handwerk. Oder genauer: Ein Mundwerk. Das ist mehr als ein Kalauer. Sprechen ist handeln. Wer dies verstanden hat, dem leuchten die zentralen Regeln der \u00abLeichten Sprache\u00bb unmittelbar ein: Kurze S\u00e4tze! Verben statt Nomen! Konkret statt abstrakt! Dar\u00fcber hinaus: Dynamik und Pointen! Verst\u00e4ndliches, entgegenkommendes Sprechen hat viel mit der Eigenart der verwendeten Sprache zu tun. Was ich sage, wird greifbarer, anregender und aufregender, wenn meine Sprache konkret ist, wenn etwas geschieht, wenn das, was ich sage, in den K\u00f6pfen der Zuh\u00f6renden gleichzeitig aufscheint, im Bauch gef\u00fchlt wird, im Herzen resoniert: \u00abBrannte nicht unser Herz, als er mit uns redete?\u00bb (Lk 24,32). Kurzum: Verst\u00e4ndlich Sprechen im Gottesdienst hat viel mit meiner Sprache zu tun, sei sie als Text in einem Manuskript fixiert oder nicht. Aber: Es hat nicht nur mit der verwendeten Sprache zu tun, sondern auch und in besonderer Weise mit meinem Sprechen: mit der Weise, wie ich betone, mein Sprechen rhythmisiere, Pausen setze und artikuliere; aber auch mit meiner Stimme, mit meiner Mimik und Gestik, mit meinem Stehen und mich Bewegen, mit meinem Kontakt zu den H\u00f6renden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\">Verst\u00e4ndliches, entgegenkommendes Sprechen ist ein <em>Handeln in der Zeit<\/em>. Es erfolgt mit Drive oder langsam, dynamisch oder feierlich. Wer spricht, strukturiert die Zeit. Sprechen und kurze oder l\u00e4ngere Pausen zwischen Worten, Satzteilen und S\u00e4tzen wechseln sich ab. Damit Sinn entsteht, damit in den K\u00f6pfen der Zuh\u00f6renden Argumente geh\u00f6rt werden und Bilder Kontur und Farbe erhalten, damit Emotionen \u00fcberspringen und Resonanz erzeugen k\u00f6nnen, braucht es Zeit. Ausreichend Zeit. Meist mehr, als sich die Sprechende nimmt, wenn sie ein Gebet spricht oder einen gehaltvollen Bibeltext vortr\u00e4gt. Sie kommt den Zuh\u00f6renden dann entgegen, wenn sie sie nicht nur als Zuh\u00f6rende, sondern als Teilnehmende begreift, die mitbeten, \u00fcber einzelne Motive und Bilder des gelesenen Bibeltextes meditieren, der Predigt nachsinnen und die vorgetragenen Argumente weiterspinnen. Dies gelingt der Sprechenden dann am besten, wenn sie die Zeit des Sprechens so gestaltet und rhythmisiert, dass sie das, was sie spricht, selbst \u2013 neu! \u2013 denkt, sieht, f\u00fchlt, erlebt. Wenn ihr dies gelingt, dann ist die Dynamik und Rhythmisierung des Sprechens keine Technik auf der Textebene, sondern des Sprechens und der Gegenw\u00e4rtigkeit in der Situation.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\">Die Sprechsituationen sind sehr unterschiedlich. Entgegenkommendes Sprechen ist ein situatives Handeln und damit ein <em>Handeln im Raum<\/em>. Sprechen ist ein r\u00e4umliches Geschehen. Wer spricht, greift Raum. Wer entgegenkommend spricht, hat die Adressierten oder Mitbetenden im Blick, auch wenn er sie nicht anblickt. Er spricht diskret und zugleich engagiert. Er ist stimmlich pr\u00e4sent, ohne die Zuh\u00f6renden zu bedr\u00e4ngen. Und er achtet auf den Raum, auf dessen Dimensionen, akustische Eigenart und Resonanz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\">Entgegenkommendes Sprechen ist dar\u00fcber hinaus <em>stimmhaft<\/em>. Die Stimme einer Sprecherin ist wie ihr Fingerabdruck. Sie bringt ihre Pers\u00f6nlichkeit zum Ausdruck. Zudem ihre aktuelle Stimmung und Einstellung zu dem, was sie sagt. Die Stimme verr\u00e4t vieles, ohne dass dies der Sprecherin und den Zuh\u00f6renden bewusst wird. Stress \u00fcbertr\u00e4gt sich stimmlich unmittelbar. Unsicherheit ebenso. Aber auch Vertrauen und Hoffnung erhalten stimmliche Resonanzr\u00e4ume. Diesen Sachverhalt m\u00fcssen Sprechende zun\u00e4chst zur Kenntnis nehmen, ohne ihn sprecherisch direkt beeinflussen zu k\u00f6nnen. Indes gilt auch hier: Wer selbst betet, wenn er:sie vor und f\u00fcr eine Gemeinde ein Gebet spricht, bringt dies auch stimmlich so zum Ausdruck, dass die Zuh\u00f6renden Raum zum Mitbeten erhalten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\">Hinzu kommen <em>K\u00f6rperhaltung, Gestik und Mimik<\/em> des Sprechenden. Entgegenkommendes Sprechen wird in der Predigt durch einen zugewandten Blick, eine lebendige Mimik und unterst\u00fctzende Gestik verk\u00f6rpert. Aber auch wer betete oder einen Bibeltext liest, tut dies einladender und anregender, wenn er oder sie mit dem ganzen K\u00f6rper betet oder liest.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\">Das theologische <em>ceterum censeo<\/em> zum Schluss: Auch wer entgegenkommend spricht, alle performativen Register zieht und alle genannten Elemente ber\u00fccksichtigt, verf\u00fcgt nicht dar\u00fcber, ob und in welcher Weise der Funke springt, die Angesprochenen getr\u00f6stet werden, Hoffnung sch\u00f6pfen und Freiheit gewinnen, ob der Himmel \u00fcber ihnen aufreisst und das Licht der Verheissung \u00fcber ihrem Leben aufscheint. Wer engagiert und entgegenkommend spricht, verf\u00fcgt nicht dar\u00fcber, aber spannt einen <em>M\u00f6glichkeitsraum<\/em> auf, in dem sich ereignen kann, was er:sie anspricht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns: 15% auto;\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" class=\"wp-image-179 size-full\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/image003-2-768x1024.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/image003-2-768x1024.png 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/image003-2-225x300.png 225w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/image003-2-202x270.png 202w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/image003-2.png 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Prof. Dr. David Pl\u00fcss, lehrt Homiletik, Liturgik und Kirchentheorie an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bern und Co-Leiter des Kompetenzzentrums Liturgik.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">\u00a0<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprache im Gottesdienst ist nicht Text, sondern Bewegung und Handlung. 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