{"id":627,"date":"2022-09-14T22:23:22","date_gmt":"2022-09-14T20:23:22","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=627"},"modified":"2024-11-01T09:53:33","modified_gmt":"2024-11-01T08:53:33","slug":"singen-und-sagen-oder-warum-nicht-einfach-nur-sagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2022\/09\/14\/singen-und-sagen-oder-warum-nicht-einfach-nur-sagen\/","title":{"rendered":"&#171;Singen und Sagen&#187;"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: 24pt;\"><strong>Oder warum nicht einfach nur &#171;Sagen&#187;?<\/strong><\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-justify has-black-color has-text-color\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><strong>Warum singen wir eigentlich im Gottesdienst? Warum sprechen wir nicht nur? In den letzten beiden Blog-Beitr\u00e4gen haben Ralph Kunz und David Pl\u00fcss gezeigt, dass Worte niemals allein dastehen, dass es die Stimmen oder die Gesten der Sprechenden und H\u00f6renden braucht, damit Menschen einander verstehen k\u00f6nnen. Aber warum das Singen? Lenkt es nicht vom Eigentlichen ab, n\u00e4mlich von den Aussagen und Inhalten des Glaubens? Den Verdacht gab es immer wieder, und er taucht auch heute noch auf. Die Frage, ob und in welcher Weise Musik und Gesang im Gottesdienst Raum haben sollten, hat immer wieder Kirchen und Konfessionen getrennt. Dieser Beitrag l\u00e4dt dazu ein, mit Erkenntnissen aus den Neurowissenschaften neue Br\u00fccken zu bauen.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Dorothea Haspelmath-Finatti<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><em>Mond und Sterne<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Als mit dem Lockdown gemeinsame Gottesdienste in den vertrauten Kirchen unm\u00f6glich wurden und die eigene Wohnung zum fast einzigen Aufenthaltsort wurde, empfahl die Evangelische Kirche in Deutschland, t\u00e4glich zur selben Zeit dasselbe Lied singen: \u201eDer Mond ist aufgegangen\u201c. Warum denn eigentlich singen? Ist nicht die evangelische Kirche die Kirche des Wortes, die die Botschaft des Glaubens predigt und sich nicht mit \u00e4u\u00dferen Fr\u00f6mmigkeits\u00fcbungen abgibt? Warum schlug sie dann nicht ein gemeinsames Beten vor? Ist das Wort nicht genug? Wenn es um rasche, spontane Entscheidungen geht, scheint das Singen in seiner Leiblichkeit uns n\u00e4her zu liegen als das Sprechen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><em>Stimme und Saite<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Die Reformatoren haben stets betont, wie wichtig das Verstehen f\u00fcr den Glauben ist. Sie sorgten f\u00fcr Bibeln in der Volkssprache, f\u00fcr eine Sprache im Gottesdienst, die, wie die Gleichnisse Jesu, die Lebenswelt der Menschen aufnimmt und den Menschen auf Augenh\u00f6he begegnet. Dagegen steht alles Musikalische im Gottesdienst bis heute immer wieder unter dem Verdacht, nur so etwas wie eine mehr oder weniger passende Dekoration zu sein oder sogar das Verstehen der Glaubensinhalte zu verdunkeln. Luther hat die Musik geliebt; er hat selbst Lieder geschrieben. Aber die Betonung lag auch bei ihm auf dem Wort und dem Verstehen. Sp\u00e4ter entfaltete sich die Kirchenmusik der lutherischen Kirche und fand mit Johann Sebastian Bach einen bis heute g\u00fcltigen H\u00f6hepunkt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Auch Zwingli diente dem Wort mit Leidenschaft, als er die Musik in die Privath\u00e4user verwies. Aber Calvin erlebte die singende Gemeinde in Stra\u00dfburg. Er war davon so ber\u00fchrt, dass er die Psalmen in Verse fassen, vertonen und im Gottesdienst singen lie\u00df, zur rechten Erbauung der Gemeinde. Das Singen kehrte zur\u00fcck.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><em>Singen und Sagen<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Calvin hatte genau dies erlebt: wenn die Menschen im Gottesdienst gemeinsam singen und nicht nur sprechen, wird die Gemeinde erbaut. Wie sehr K\u00f6rper und Geist miteinander verflochten sind, haben neurobiologische Studien in den letzten Jahren ans Licht gebracht. Das menschliche Gehirn kann nur im Zusammenhang mit dem gesamten K\u00f6rper und mit der Umwelt funktionieren. Unser Verstehen braucht diesen Zusammenhang. Das Herz braucht den Mund und die H\u00e4nde. Neugeborene Kinder kennen die Stimmen der Eltern. Kleinkinder lernen zuerst die Prosodie, die Melodie der Sprache. Sprechen Erwachsene mit kleinen Kindern, ist ihre Sprache melodischer als im Umgang mit anderen Erwachsenen. Melodien sind das Ger\u00fcst f\u00fcr die Sprache. Das Singen geht dem Sprechen voraus.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\"><em>Alles, was Odem hat<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Erkenntnisse aus der Neurobiologie und der Evolutionsforschung zeigen immer klarer: Unser Gehirn kann nur im Zusammenspiel mit dem gesamten K\u00f6rper und mit der Umwelt funktionieren. Unsere Leiblichkeit ist der einzige Zugang, den wir zu unserem Gehirn und Verstand haben. Dazu leben wir unter den Bedingungen der menschlichen Evolution, die nicht f\u00fcr sich allein, sondern im permanenten Austausch mit der Evolution der anderen Arten sowie mit der gesamten Sch\u00f6pfung verl\u00e4uft. Beide, unser K\u00f6rper und die menschliche Evolution, k\u00f6nnen jeweils nur als offene Systeme im Austausch mit der Umwelt funktionieren. Beim gemeinsamen Singen l\u00e4sst sich etwas von diesen Zusammenh\u00e4ngen erfahren. Unser Gehirn ist beim Singen zum K\u00f6rper hin ge\u00f6ffnet. Im Einatmen und Ausatmen sind unsere K\u00f6rper mit der Umwelt verbunden, und dies wiederum innerhalb der evolution\u00e4ren Entwicklung der Menschheit und der gesamten Sch\u00f6pfung. In pl\u00f6tzlichen Krisen sind wir zun\u00e4chst auf die evolution\u00e4r \u00e4lteren spontanen Reaktionen des K\u00f6rpers angewiesen, die dem intellektuellen Durchdenken vorausliegen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">In Notsituationen, wie beim Lockdown in der Pandemie, reagieren auch Kirchenleitende zun\u00e4chst unter den Bedingungen der Evolution. In diesem Fall empfahlen sie das Singen, also gemeinsames leibliches Tun. Das gesprochene Wort muss warten. Und wirklich: Singen hat im Lockdown geholfen. Zwar ist auch das Sprechen ein k\u00f6rperlicher Vorgang, aber wenn wir singen, ist der Atem tiefer als beim Sprechen. Das Herz findet einen ruhigeren Rhythmus. Beim Singen sind Menschen selbst bei r\u00e4umlicher Trennung mit ihren M\u00fcndern und Herzen zu anderen hin weit ge\u00f6ffnet. Durch solches Singen kann auch die Verst\u00e4ndigung zwischen den Kirchen wachsen. Es hilft der \u00d6kumene. \u00a0Im Singen preisen wir Gott schon jetzt gemeinsam mit allem, \u201ewas Odem hat\u201c<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>, und dar\u00fcber hinaus sogar \u2013 mit der \u00f6kumenischen Fassung des bekannten Liedes &#8211; \u201evereint mit den himmlischen Ch\u00f6ren\u201c<a id=\"_ftnref2\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-white-color has-text-color wp-block-paragraph\">&#8211;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile is-vertically-aligned-top\" style=\"grid-template-columns: 22% auto;\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"276\" height=\"211\" class=\"wp-image-670 size-full\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Haspelmath-Finatti_weiss.png\" alt=\"\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Dorothea Haspelmath-Finatti ist Lehrbeauftragte am Institut f\u00fcr Praktische Theologie an der R\u00f6misch-Katholischen Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Wien. Im Herbstsemester 2022 hat sie einen Lehrauftrag am Institut f\u00fcr Christkatholische Theologie an der Universit\u00e4t Bern inne.\u00a0<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">Ausf\u00fchrlicheres zu diesem Thema findet sich in dem gerade erschienenen Artikel:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\">David Pl\u00fcss &amp; Dorothea Haspelmath-Finatti, Singing \/ Embodiment \/ Resonance, in: Birgit Weyel, Wilhelm Gr\u00e4b, Emmanuel Lartey and Cas Wepener (Hgg.), International Handbook of Practical Theology, Berlin\/Boston, 2022, 533-546.<\/p>\r\n\r\n\r\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Vgl. Evangelisches Gesangbuch Nr. 317; Lobe den Herren (\u00e4ltere Fassung von Joachim Neander, 1680).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.341), 17px);\"><a id=\"_ftn2\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Vgl. EG 316; Reformiertes Gesangbuch Nr. 242.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder warum nicht einfach nur &#171;Sagen&#187;? Warum singen wir eigentlich im Gottesdienst? Warum sprechen wir nicht nur? In den letzten beiden Blog-Beitr\u00e4gen haben Ralph Kunz und David Pl\u00fcss gezeigt, dass Worte niemals allein dastehen, dass es die Stimmen oder die Gesten der Sprechenden und H\u00f6renden braucht, damit Menschen einander verstehen k\u00f6nnen. Aber warum das Singen? 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