{"id":702,"date":"2022-10-13T17:08:58","date_gmt":"2022-10-13T15:08:58","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=702"},"modified":"2024-03-04T07:59:02","modified_gmt":"2024-03-04T06:59:02","slug":"ein-liturgischer-einspruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2022\/10\/13\/ein-liturgischer-einspruch\/","title":{"rendered":"Ein liturgischer Einspruch"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\"><strong><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\">\u00abMinistranten drehen Woelki bei Messe in Rom den R\u00fccken zu.\u00bb<\/mark><\/strong><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\"><a id=\"_ftnref1\" class=\"ek-link\" href=\"#_ftn1\">[1] <\/a><\/mark><strong><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\">Auch als mit Gottesdiensten befasste Wissenschaftlerin musste ich diese Zeile kurz sacken lassen, ehe sich mir ein inneres Bild von dieser Szenerie auftat. Der Titel eines kurzen Artikels auf Spiegel Online, ver\u00f6ffentlicht am 05. Oktober 2022, verweist auf eine Aktion, die lohnt, in liturgischer Perspektive beleuchtet zu werden.<\/mark><\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\">Miriam L\u00f6hr<\/mark><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\"><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\">Um was ging es bei der Aktion? Der aufgrund seines Umgangs mit den Missbrauchsstrukturen in der r\u00f6misch-katholischen Kirche stark umstrittene r\u00f6misch-katholische Erzbischof R. M. Woelki hielt in einer Basilika in Rom vor knapp 2000 Messdiener*innen eine Predigt. Ein Teil der jungen Menschen reagierte in liturgisch (und theologisch) nicht vorgesehener Weise: Die Jugendlichen, alle im liturgischen Gewand, stehen w\u00e4hrend der Predigt auf, statt zu sitzen \u2013 und stellen sich umgedreht mit dem R\u00fccken zu Woelki. In einem Videoausschnitt ist zu sehen, dass sie dastehen und schweigen, w\u00e4hrend andere Ministrant*innen sitzen bleiben, zu Woelki bzw. in Richtung des Chorraums gewandt. Die stehenden Ministrant*innen hingegen schauen in Richtung T\u00fcr. Woelki, so ist daraufhin in dem Video zu h\u00f6ren, wendet sich an die Protestierenden: Jesus habe nie einem Menschen den R\u00fccken zugewandt. Zu dieser Bemerkung g\u00e4be es angesichts des Anlasses des Protests vieles zu sagen, weil das Leid vieler Menschen, die innerhalb der r\u00f6misch-katholischen Kirche Missbrauch erlitten haben, weiterhin strukturell ignoriert wird, ich verzichte aber an dieser Stelle darauf. Vielmehr stelle ich die Frage, ob die Aktion ihrem Anliegen liturgisch \u00abangemessen\u00bb war.<\/mark><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\"><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\"><em>Unterbruch oder Wahrung der Form?<\/em><\/mark><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\"><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\">Auff\u00e4llig erscheint mir zun\u00e4chst, dass die Jugendlichen nicht mit der Form des Gottesdienstes an sich brechen, indem sie beispielsweise mit Trillerpfeifen und Transparenten den Raum st\u00fcrmen. Sie agieren innerhalb der Form und ihrer Rolle, k\u00f6rperlich, schweigend, ohne das Wort zu ergreifen. Ihre Handlung ist nur (von den Anwesenden vor Ort und im Video) zu sehen, nicht aber zu h\u00f6ren. Die stehenden Jugendlichen tragen ihr Ministrantengewand. Damit unterstreichen sie meines Erachtens ihre Zugeh\u00f6rigkeit zur r\u00f6misch-katholischen Kirche, sie nehmen erkennbar am Gottesdienst teil. In ihrem Affront \u00abspielen\u00bb sie mit grossem Ernst mit der Form. Der rituelle Vollzug des Gottesdienstes scheint mir nicht durchbrochen, sondern vielmehr kommentiert. Als ritueller \u00abUnterbruch\u00bb erscheint in dem Videoausschnitt eher das Applaudieren einiger der sitzenden Ministrant*innen, die damit Woelkis Worten, die er an die Protestierenden richtet, ihren Beifall bekunden. Das Applaudieren erscheint hier als Protest zum Protest. Auff\u00e4llig sind auch die Irritation und die Unsicherheit, die manchen der Jugendlichen ins Gesicht geschrieben stehen. Offenbar erfordert die Situation, sich zu ihr zu verhalten.<\/mark><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\">Protest im Gottesdienst<\/mark><\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\"><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\">Im Anschluss zu der Begebenheit befragt, problematisiert Woelki insbesondere die Protesthandlung <em>im <\/em>Gottesdienst.<a id=\"_ftnref1\" class=\"ek-link\" href=\"#_ftn1\">[2]<\/a> Meines Erachtens finden sich jedoch gute Gr\u00fcnde gerade daf\u00fcr. Nicht zuletzt in der Tradition der Politischen Nachtgebete als einem (\u00f6kumenischen) Beispiel der j\u00fcngeren Kirchengeschichte ist genau das propagiert, reflektiert und getestet worden: Wie lassen sich explizit politische Gottesdienste feiern? Wie l\u00e4sst sich eine \u2013 ohnehin nicht m\u00f6gliche \u2013 Trennung von politischer Positionierung bzw. Parteilichkeit von liturgischem Feiern \u00fcberzeugend und rituell angemessen \u00fcberwinden? Auch der vermeintlich unpolitische Auftritt Woelkis impliziert eine politische Positionierung, gerade wenn er mit Blick auf die Aktion der Jugendlichen bedauert, \u00abdass man den Gottesdienst daf\u00fcr nutzt.\u00bb<a id=\"_ftnref2\" class=\"ek-link\" href=\"#_ftn2\">[3]<\/a> Diese Strategie entlarvt der liturgisch verantwortete Protest der Jugendlichen letztlich.<\/mark><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\">Aushandlung von Machtverteilung<\/mark><\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\"><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\">Die Aktion l\u00e4sst sich als ein \u00abProtest in liturgischer Form\u00bb verstehen. Zweifellos ist eine Gottesdienstfeier eine besondere Zeit, mit der umzugehen Bedacht und Umsicht erfordert. Die gew\u00e4hlte Form des Protests zeigt, dass sich die Akteur*innen dessen bewusst sind \u2013 sie wahren die Achtung gegen\u00fcber dem Ritual und richten sich statt dessen direkt gegen den von ihnen kritisierten Amtstr\u00e4ger: Ja zur Kirche, aber nicht zu diesem Vertreter. Dies zeigt sich auch am Ort des Protestes im Gottesdienst: Die Aktion vollzieht sich w\u00e4hrend der Predigt, in der der Amtstr\u00e4ger weniger stark in der Rolle des leitenden Liturgs bzw. Priesters fungiert als im Rest der Messe. Es geht also auch um eine \u00f6ffentliche Aushandlung von (Deutungs-)Macht in kirchenpolitischen Fragen. Umso erstaunlicher, dass den Kritiker*innen mit einem Seelsorgeangebot begegnet werden soll.<a id=\"_ftnref1\" class=\"ek-link\" href=\"#_ftn1\">[4]<\/a><\/mark><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-justify wp-block-paragraph\"><mark class=\"has-inline-color has-black-color\" style=\"background-color: rgba(0, 0, 0, 0);\">Mir ist nicht bekannt, was die Jugendlichen im Vorfeld diskutiert haben und wie sie ihn im Einzelnen begr\u00fcnden. Jedoch erscheint mir ihre Zuwendung zu dem, was von manchen immer wieder \u00abvor die T\u00fcre\u00bb verwiesen wird, damit der Gottesdienst rein von St\u00f6rung bleibe, durchaus jesuanisch.<\/mark><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns: 15% auto;\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"681\" class=\"wp-image-357 size-full\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-1024x681.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-1024x681.png 1024w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-300x200.png 300w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-768x511.png 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-1536x1022.png 1536w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07-406x270.png 406w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-23-um-15.35.07.png 1746w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Miriam L\u00f6hr ist Postdoc am Institut f\u00fcr Praktische Theologie an der Theologischen Fakult\u00e4t Bern.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_ftn1\" class=\"ek-link\" href=\"#_ftnref1\">[1] <\/a><a class=\"ek-link\" href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/messe-in-rom-ministranten-protestieren-gegen-koelner-erzbischof-woelki-a-659ac9b0-d9a0-4ac5-860f-e8c18f7b1a1c\">https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/messe-in-rom-ministranten-protestieren-gegen-koelner-erzbischof-woelki-a-659ac9b0-d9a0-4ac5-860f-e8c18f7b1a1c<\/a> (06.10.2022)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_ftn1\" class=\"ek-link\" href=\"#_ftnref1\">[2]<\/a> <a class=\"ek-link\" href=\"https:\/\/www.domradio.de\/artikel\/kardinal-woelki-trifft-rom-auf-kritische-ministranten\">https:\/\/www.domradio.de\/artikel\/kardinal-woelki-trifft-rom-auf-kritische-ministranten<\/a> (11.10.2022).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_ftn2\" class=\"ek-link\" href=\"#_ftnref2\">[3]<\/a> So Woelki im Interview mit Domradio.de im Anschluss der Messe, vgl. ebd.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_ftn1\" class=\"ek-link\" href=\"#_ftnref1\">[4]<\/a> Vgl. ebd.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abMinistranten drehen Woelki bei Messe in Rom den R\u00fccken zu.\u00bb[1] Auch als mit Gottesdiensten befasste Wissenschaftlerin musste ich diese Zeile kurz sacken lassen, ehe sich mir ein inneres Bild von dieser Szenerie auftat. 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