{"id":917,"date":"2023-05-03T15:23:57","date_gmt":"2023-05-03T13:23:57","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=917"},"modified":"2024-11-01T09:10:25","modified_gmt":"2024-11-01T08:10:25","slug":"multiperspektivische-kirchenraeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2023\/05\/03\/multiperspektivische-kirchenraeume\/","title":{"rendered":"Multiperspektivische Kirchenr\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Beitrag schl\u00e4gt vor, den Begriff der \u201eFlexiblen Kirchenr\u00e4ume\u201c zu erg\u00e4nzen durch den der \u201eMultiperspektivischen Kirchenr\u00e4ume\u201c. Multiperspektivische Kirchenr\u00e4ume im Dienste multiperspektivischer Gottesdienste, eines multiperspektivischen kirchlichen Lebens, einer multiperspektivischen Nutzung<em>.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Johannes St\u00fcckelberger<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der vierte Schweizer Kirchenbautag 2021 machte unter dem Titel \u201eFlexible Kirchenr\u00e4ume\u201c auf die aktuelle Tendenz aufmerksam, anl\u00e4sslich von Sanierungen und Renovationen die Kirchenr\u00e4ume auf die Weise neuzugestalten, dass sie flexibler genutzt werden k\u00f6nnen. Die Kirchenr\u00e4ume m\u00fcssen neue Anforderungen erf\u00fcllen. In ihnen finden nicht mehr nur die klassischen Predigt- und Kasualgottesdienste statt, es gibt eine Vielfalt weiterer Feierformen wie Familiengottesdienste, Feiern im kleinen Kreis, interreligi\u00f6se Begegnungen, Jodlermessen, Bildmeditationen und vieles mehr. Dazu kommen, was es zwar immer schon gab, heute aber vermehrt, Nutzungen f\u00fcr nichtkirchliche Veranstaltungen wie Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Vortr\u00e4ge. Und die Zeit ist da, wo Kirchgemeinden ihre R\u00e4ume mit anderen Partnern zusammennutzen, wo sie Teile tempor\u00e4r oder auch langfristig vermieten oder gar im Baurecht abgeben.<\/p>\n<p>Die Erweiterung der Nutzungen verlangt eine Flexibilisierung der R\u00e4ume und ihrer Ausstattung. Davon betroffen sind besonders die Sitzgelegenheiten, sprich, die traditionellen Kirchenb\u00e4nke, die heute h\u00e4ufig ganz oder teilweise durch verschiebbare Kurzb\u00e4nke oder St\u00fchle ersetzt werden. Oft geht dies einher mit einer neuen Anordnung der Sitzgelegenheiten sowie einer Umplatzierung der liturgischen Orte. Im Zuge der Neugestaltungen werden meistens auch die Beleuchtung, das Beleuchtungskonzept und die Tonanlage erneuert, oft auch die Heizung. Eine zentrale Steuerung erm\u00f6glicht eine vereinfachte Bedienung von Heizung, Glocken, Licht, Audioanlage und Schliesssystem. Dazu kommt der Bedarf nach Stauraum, nach einer Teek\u00fcche sowie sanit\u00e4ren Anlagen, und oft noch nach mehr. Auf der Webseite des Schweizer Kirchenbautags finden sich zwanzig Beispiele von aktuellen Neugestaltungen von evangelisch-reformierten, r\u00f6misch-katholischen und christkatholischen Kirchen dokumentiert. Weitere zw\u00f6lf Beispiele von Neugestaltungen von reformierten Kirchen im Gebiet des Kantons Bern k\u00f6nnen auf der Webseite der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn eingesehen werden (Links am Schluss des Beitrags). Die Massnahmen der Neugestaltung sind bei jeder Kirche mit einem Text beschrieben und mit zahlreichen Bildern dokumentiert.<\/p>\n<p>In seinem anl\u00e4sslich des Schweizer Kirchenbautags 2021 gehaltenen Vortrag zum Thema \u201eFlexibilit\u00e4t als Aufgabe der Kirchenleitung\u201c hat David Pl\u00fcss auf die Flexibilit\u00e4t als zentralem Kriterium aktueller Kirchenentwicklungsmodelle (Stichwort \u201eLiquid Church\u201c) hingewiesen. \u201eIn einer Liquid Church- oder Ereignis-Ekklesiologie\u201c, so Pl\u00fcss, \u201ewerden einige Grenzen durchl\u00e4ssig, \u00dcberg\u00e4nge fliessend, R\u00e4nder unsauber. So die Grenze zwischen sakral und profan, zwischen Kirche und Welt, zwischen innen und aussen, zwischen g\u00fcltiger Liturgie im Singular und den vielf\u00e4ltigen Liturgien oder rituellen Formen auf der Schwelle oder mitten im Alltag.\u201c Die Kirchenr\u00e4ume sind von dieser Dynamisierung und Verfl\u00fcssigung unmittelbar betroffen. Pl\u00fcss nennt vier Aspekte und Dynamiken der Flexibilisierung der Kirchenr\u00e4ume: die plurale Nutzung, die Ver\u00e4nderbarkeit, offene Grenzen sowie Kooperationen.<\/p>\n<p>Seit dem letzten Kirchenbautag sind anderthalb Jahre vergangen, und ich frage mich inzwischen, ob der von uns damals vorgeschlagene Begriff der \u201eflexiblen Kirchenr\u00e4ume\u201c nicht durch einen anderen ersetzt oder zumindest erg\u00e4nzt werden m\u00fcsste: n\u00e4mlich durch den der \u201emultiperspektivischen Kirchenr\u00e4ume\u201c. Warum dieser Vorschlag? Flexibilit\u00e4t benennt das Potenzial eines Raumes, f\u00fcr unterschiedliche Nutzungen anpassungsf\u00e4hig zu sein, beweglich, offen. Wer nun aber in diesem Raum einem bestimmten Anlass beiwohnt, nimmt den Raum nicht prim\u00e4r als flexiblen Raum wahr, sondern in dem f\u00fcr den Anlass gew\u00e4hlten Zustand, als statischen Raum. Im seltensten Fall wird man w\u00e4hrend eines Anlasses beispielsweise die Sitzordnung ver\u00e4ndern, das heisst, den Raum in dieser Weise als flexiblen Raum nutzen. Die Flexibilit\u00e4t ist nicht das Ziel, sondern das Mittel zum Ziel. Das Ziel ist, f\u00fcr den jeweiligen Anlass die optimalen Raumbedingungen zu schaffen bez\u00fcglich Bestuhlung, Beleuchtung, Akustik etc.<\/p>\n<p>F\u00fcr dieses Ziel m\u00f6chte ich den Begriff der \u201eMultiperspektivit\u00e4t\u201c vorschlagen. Der Vorteil dieses Begriffs besteht darin, dass er nicht nur das Potenzial eines Raumes f\u00fcr unterschiedliche Nutzungen benennt, sondern dass er dieses Potential mit der M\u00f6glichkeit in Verbindung bringt, den Raum unterschiedlich zu orientieren, unterschiedliche Perspektiven zu nutzen. Perspektivit\u00e4t ist ein r\u00e4umlicher Begriff, der die f\u00fcr die jeweilige Nutzung gew\u00e4hlte Einrichtung und Ausrichtung des Raumes benennt. Die Flexibilit\u00e4t eines Raumes ist ja nicht Selbstzweck, sie dient vielmehr unterschiedlichen Nutzungen, sie erm\u00f6glicht Anl\u00e4sse mit unterschiedlichen Perspektiven.<\/p>\n<p>Der Perspektiv-Begriff ist mehr als ein r\u00e4umlicher Begriff zur Bezeichnung einer Blickrichtung. Mit ihm verbindet sich auch die Vorstellung einer inhaltlichen Ausrichtung, der Orientierung an einem Ziel, der Fokussierung. Wer an einem Sonntagmorgengottesdienst teilnimmt, hat anderes im Blick als wer am Samstagabend einem Konzert beiwohnt. Eine Podiumsdiskussion im Kirchenraumraum ist auf anderes fokussiert als das Taiz\u00e9-Gebet. Zu \u00fcberlegen w\u00e4re, ob der Begriff der \u201eMultiperspektivit\u00e4t\u201c, \u00fcbertragen auf die Kirche, auch eine Alternative zu dem der \u201eLiquid Church\u201c sein k\u00f6nnte. Liquid Church benennt eine Kirche, die sich auf die Verfl\u00fcssigung und Dynamisierung der Gegenwart einl\u00e4sst, die sich selbst dynamisieren l\u00e4sst. Doch ist die Dynamisierung wirklich das, was heute passiert? M\u00fcssen wir nicht eher von Diversifizierung oder Diversifikation sprechen im Sinne eines Nebeneinanders verschiedener Auffassungen von Kirche, einer Auff\u00e4cherung der Praktiken kirchlichen Lebens? Das Ph\u00e4nomen ist nicht neu, doch findet heute zweifelsohne eine Multiplikation der Perspektiven auf Glauben und Kirche statt.<\/p>\n<p>Das dem Beitrag voranstehende Bild zeigt den Innenraum der reformierten Kirche in Wabern bei Bern, deren Innenraum 2004 neugestaltet wurde. Die Aufnahme zeigt den Raum diagonal mit Blick in Richtung Eingang. Die alten B\u00e4nke, die urspr\u00fcnglich alle zum Chor hin ausgerichtet waren, sind ersetzt durch Kurzb\u00e4nke, die \u2013 in der Grundausstattung \u2013 in einem Winkel aufgestellt sind, so dass sich in der Mitte ein leerer Raum bildet, der auf den verbleibenden zwei Seiten durch die neue Orgel und das Lesepult sowie die Osterkerze eingefasst wird. Der auf dem Bild sichtbare Abendmahlstisch steht nur bei der Feier des Abendmahls in dieser Mitte. Das Bild zeigt eine ungewohnte Perspektive, die jedoch derjenigen entspricht, die sich den Besucherinnen und Besuchern bietet, die in den B\u00e4nken links im Vordergrund Platz genommen haben. Die B\u00e4nke lassen sich leicht verschieben und k\u00f6nnen bei Bedarf (etwa f\u00fcr grosse Abdankungen oder Konzerte) in Richtung Chor ausgerichtet und durch St\u00fchle erg\u00e4nzt werden. Oder man kann sie an die W\u00e4nde schieben, um Freiraum zu bekommen. Unz\u00e4hlige weitere Anordnungen sind m\u00f6glich. Viele Kirchen bieten inzwischen diese Flexibilit\u00e4t zur Multiperspektivit\u00e4t. Empfohlen ist dabei eine Grundausstattung, die immer wieder hergestellt wird, damit die Kirche bei Nichtgebrauch als Gottesdienstraum erkennbar bleibt. In Wabern ist die Grundausstattung die auf dem Bild sichtbare. Zu beobachten ist, dass manche Gemeinden die M\u00f6glichkeit der Multiperspektivit\u00e4t wenig nutzen, was zum einen damit zusammenh\u00e4ngt, dass die Variabilit\u00e4t der Anl\u00e4sse dann doch nicht so gross ist, zum andern damit, dass man gerne am Gewohnten und Herk\u00f6mmlichen festh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Eine gute Sehschule f\u00fcr die Multiperspektivit\u00e4t der Kirchenr\u00e4ume sind Kirchenbilder, das heisst, gemalte oder fotografierte Darstellungen von Kirchen. Als Kunstwerke sind diese Darstellungen immer auch Interpretationen der Kirchen, und zwar nicht nur der gebauten Architektur, sondern auch dessen, wof\u00fcr diese R\u00e4ume stehen, Interpretationen des den K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern eigenen Gottesbildes bzw. ihres Verst\u00e4ndnisses von Kirche. Mit der Kirche als Bildthema haben sich unz\u00e4hlige K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler besch\u00e4ftigt, vom Mittelalter \u00fcber das holl\u00e4ndische 17. Jahrhundert, die Romantik, den Realismus, den Impressionismus, die Abstraktion bis hin zur zeitgen\u00f6ssischen Fotografie. Jede K\u00fcnstlerin, jeder K\u00fcnstler arbeitet andere Aspekte von Kirche heraus, hat einen anderen Blick auf das Thema, wobei dies nicht nur die gew\u00e4hlte r\u00e4umliche Perspektive betrifft, sondern auch das Licht, die Farben, die Atmosph\u00e4re, was in den Kirchen stattfindet und vieles mehr. Es begeistert mich immer wieder, was Kirchen alles zu bieten haben, wenn man sie mit den Augen von K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern betrachtet. Aber nat\u00fcrlich auch, wenn man sich real in ihnen aufh\u00e4lt, allein oder anl\u00e4sslich der einen oder andern Veranstaltung. Die Multiperspektivit\u00e4t der Kirchenr\u00e4ume ist enorm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bild: Reformierte Kirche in Wabern bei Bern, 1946 \u2013 1948, Neugestaltung durch Patrick Thurston, Bern, 2004 (Foto: Nora Meier)<\/p>\n<p>Link zur <a href=\"https:\/\/www.schweizerkirchenbautag.unibe.ch\/flexible_kirchenraeume\/index_ger.html\">\u201eDokumentation Flexible Kirchenr\u00e4ume\u201c<\/a> auf der Webseite des Schweizer Kirchenbautags.<\/p>\n<p>Link zur Publikation <a href=\"https:\/\/www.refbejuso.ch\/inhalte\/kirchenbau\/publikationen\">\u201eAktuelle Neugestaltungen von Kirchenr\u00e4umen.<\/a> Dokumentation von zw\u00f6lf Beispielen im Gebiet der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn\u201c.<\/p>\n<p>Dem Thema \u201eKirchenbilder\u201c ist eine Tagung am Freitag, 24. November 2023, 9-17 Uhr, an der Universit\u00e4t Bern gewidmet. Organisiert wird die Tagung von der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bern. Das Programm wird ca. Anfang August auf der Webseite der Theologischen Fakult\u00e4t aufgeschaltet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-256\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-300x215.png\" alt=\"\" width=\"236\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-300x215.png 300w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-1024x734.png 1024w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-768x551.png 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-1536x1102.png 1536w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55-376x270.png 376w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bildschirmfoto-2022-03-02-um-10.03.55.png 1740w\" sizes=\"auto, (max-width: 236px) 100vw, 236px\" \/><\/p>\n<p>Johannes St\u00fcckelberger ist Dozent f\u00fcr Religions- und Kirchen\u00e4sthetik an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bern und Titularprofessor f\u00fcr Neuere Kunstgeschichte an der Universit\u00e4t Basel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Beitrag schl\u00e4gt vor, den Begriff der \u201eFlexiblen Kirchenr\u00e4ume\u201c zu erg\u00e4nzen durch den der \u201eMultiperspektivischen Kirchenr\u00e4ume\u201c. 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