{"id":955,"date":"2023-05-17T07:45:45","date_gmt":"2023-05-17T05:45:45","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=955"},"modified":"2024-11-01T09:21:14","modified_gmt":"2024-11-01T08:21:14","slug":"neue-mode-auf-dem-reformierten-laufsteg-das-kollarhemd-ist-in","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2023\/05\/17\/neue-mode-auf-dem-reformierten-laufsteg-das-kollarhemd-ist-in\/","title":{"rendered":"Das Kollarhemd ist in"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"font-size: 24pt;\">Neue Mode auf dem reformierten Laufsteg<\/span><\/strong><\/p>\r\n<p><strong>Seit Corona und der Vollversammlung des \u00d6kumenischen Rates in Karlsruhe verbreitet es sich zunehmend in reformierten Kreisen: das Kollarhemd. Grund f\u00fcr ein paar Gedanken zu diesem aussergew\u00f6hnlichen Kleidungsst\u00fcck.<\/strong><\/p>\r\n<p>Andr\u00e9 Stephany \u00a0<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:more -->\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n<p>S\u00fcdafrikanisches Geiskraut, die Haargurke, der rundbl\u00e4ttrige Baumw\u00fcrger und die falsche Mimose haben etwas gemeinsam, sie finden sich auf einer Liste umweltsch\u00e4dlicher invasiver Arten in der Schweiz.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Sie sind gebietsfremd und verbreiten sich invasiv. Das Kollarhemd, das im Englischen die sprechende informelle Bezeichnung <em>dog collar <\/em>tr\u00e4gt, z\u00e4hlt im reformierten Kontext bestimmt auch zu den gebietsfremden Gew\u00e4chsen, bzw. Modeerscheinungen, doch die Fragen sind: 1., ist es eine sch\u00e4dliche invasive Spezies, und, 2., ist eine Rodung angesagt. Dazu ein paar \u00dcberlegungen.<\/p>\r\n<p>In meinem Studium, das noch nicht allzu weit zur\u00fcckliegt, ging es selten um klerikale Mode, doch wenn das Thema einmal aufkam, dann war das Maximum der Gef\u00fchle und der Gipfel der hitzigen Debatte, ob man zum Gottesdienst einen Talar tragen w\u00fcrde oder nicht. Erst gegen Ende des Studiums kam bei den nicht Barttragenden die Frage dazu, ob ein B\u00e4ffchen wirklich noch Sinn mache und vor allem f\u00fcr Kolleginnen nicht eine Alternative gefunden werden m\u00fcsse.<\/p>\r\n<p>Eine quantitativ nicht nachgewiesene Beobachtung ist, dass in den letzten f\u00fcnf Jahren mehr und mehr Kollarhemden im reformierten Gehege gesichtet wurden. Eine auff\u00e4llige Zunahme ist verbunden mit der Coronapandemie und mehr online-Formaten. F\u00fcr diese w\u00e4hlten einige online Betende oder Predigende das Collarhemd als liturgisches Gewand, oder vielleicht als legerere Variante des Talars. Auch auf Social Media-Profilen l\u00e4sst sich das Kollarhemd \u00f6fters beobachten. Im Nachgang zur Pandemie fand es sich bei Pfarrpersonen in Interviews in Lokalzeitungen, bei \u00f6kumenischen Feiern, unter dem Talar versteckt und sich beim Kirchenkaffee offenbarend, bei Besuchen im Ausland bei \u00f6kumenischen Partnerkirchen oder in wenigen F\u00e4llen gibt es Meldungen, die das Kollarhemd im Alltag als neue Amtstracht beobachtet haben wollen. Eine Ansammlung in freier Wildbahn auftretender reformierter Kollarhemden fand sich an der Vollversammlung des \u00d6kumenischen Rates der Kirchen in Karlsruhe und im Nachgang dazu. Dort wurden Kollarhemden in den \u00fcblichen r.-katholischen, alt-\/christ-katholischen und anglikanischen Herden gesichtet, auch \u2013 wie schon lange \u00fcblich \u2013 bei Lutheraner*innen aus anderen L\u00e4ndern, aber dieses Mal auch geh\u00e4uft bei lutherischen, unierten und reformierten Vertreter*innen aus Deutschland und der Schweiz. Deutsche EKD-Bisch\u00f6f*innen trugen sogar violette Kollarhemden, was den neuesten Import einer Kollar-sorte darstellt, wobei sich auch herumgesprochen hat, dass die schwedische lutherische Kirche besonders moderne Variationen f\u00fcr den Laufsteg, besonders f\u00fcr Kolleginnen, bereith\u00e4lt.<\/p>\r\n<p>Es ist also da, das Kollarhemd. In Partnerkirchen ist es das schon l\u00e4nger, auch in reformierten. Die ansonsten in Modefragen eigentlich auch eher zur\u00fcckhaltende <em>Church of Scotland<\/em> hat den gleichen Prozess von vereinzeltem Auftreten des Kollarhemds bis zu seiner weiten Verbreitung und sogar Normwerdung im Schnelldurchlauf erlebt. Dort geht es so weit, dass der <em>Moderator<\/em> der <em>Church of Scotland<\/em>, Iain Greenshields, \u2013 das entspr\u00e4che unserer Pr\u00e4sidentin Rita Famos \u2013 nicht nur bei der Kr\u00f6nungszeremonie, sondern bei vielen \u00f6ffentlichen Auftritten mit oder ohne liturgischen Anl\u00e4ssen Soutane mit Pektorale und darunter Kollarhemd tr\u00e4gt.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\r\n<p>Die Vorteile eines Kollarhemds sind schon oft ins Feld gef\u00fchrt worden:<\/p>\r\n<ul>\r\n<li>Es erh\u00f6ht die Sichtbarkeit von Kirche im Alltag und ist somit auch \u00f6ffentliches Zeugnis<\/li>\r\n<li>Es erh\u00f6ht die Ansprechbarkeit von Pfarrpersonen, die sich damit auf der Strasse als offene Ohren ausweisen (ein Plus f\u00fcr Seelsorgebeziehungen)<\/li>\r\n<li>Es weist eine klare Rolle zu, was besonders bei Trauungen und Beerdigungen, wenn die Pfarrperson viele nicht kennt, hilfreich sein kann, da sie nicht mit Cousin Tim oder Grossnichte Emma verwechselt wird, sondern klar als Pfarrperson erkennbar ist<\/li>\r\n<li>Einige nehmen das Kollarhemd als elegant aber doch gleichzeitig dezent war und dank Slimfit und k\u00f6rperbetonten Versionen finden es besonders j\u00fcngere Theolog*innen auch noch cooler als Hemd und Krawatte oder schwarzer Blaser mit weisser Bluse.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<p>Es scheint, vor allem J\u00fcngere h\u00e4tten ein unverkrampfteres Verh\u00e4ltnis dazu, aber nicht nur.<\/p>\r\n<p>Die Fragen sind nun, was k\u00f6nnte neben diesen genannten Gr\u00fcnden reformierte Pfarrpersonen motivieren, Kollarhemden zu tragen, und wie sieht das mit der Theologie aus?<\/p>\r\n<p>Der bei manchen vorhandene Wunsch, sich \u00f6ffentlich durch Kleidung als Pfarrperson auszuweisen ist ein spannendes Ph\u00e4nomen, das hier nicht in Tiefe behandelt werden kann, aber auch nicht ganz ohne Spekulationen \u00fcbergangen werden soll.<\/p>\r\n<p>Gibt es vielleicht wieder vermehrt einen Wunsch nach dem Anders sein, ganz im Sinne von Manfred Josuttis (\u201eDer Pfarrer ist anders\u201c)?<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\r\n<p>Hat die zunehmende \u201eProfessionalisierung\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> des Pfarrberufes, die <em>VerJobbung<\/em> mit Stundenz\u00e4hlen und Feierabend eine neue Sehnsucht nach einem geistlichen Dasein geweckt?<\/p>\r\n<p>Es bleibt im Bereich der Spekulationen.<\/p>\r\n<p>Nicht so spekulativ steht es um die Theologie. Das Kollarhemd ist ein Weihesymbol, d.h. ein Symbol der ontologischen Andersartigkeit derer, die es tragen. Das unterscheidet es vom Talar, der funktional als liturgisches Gewand zum Einsatz kommt und \u2013 konsequenterweise \u2013 in den meisten deutschen Landeskirchen deshalb auch von Pr\u00e4dikant:innen und Laienpredigenden getragen werden kann, wenn sie Gottesdienste leiten. Will man ihn als Standestracht deuten, so w\u00e4re er in seiner Form ein Gelehrtengewand, aber keine Soutane, also kein geistliches Gewand. Das Kollarhemd hingegen schon.<\/p>\r\n<p>Nun ist die Theologie im schweizerischen Kontext recht klar: die Pfarrperson bleibt allezeit, pre- und post-Ordination Teil der Gemeinde, welche sie beauftragt. Nach dem Segen am Ende eines Gottesdienstes tritt die Pfarrperson zum Ausgangsspiel wieder in die Bankreihen mit der Gemeinde, g\u00e4be es Lai:innen, w\u00e4ren die Pfarrpersonen Teil davon.<\/p>\r\n<p>Theologisch konsequent m\u00fcsste im reformierten Umfeld auf das Kollarhemd verzichtet werden.<\/p>\r\n<p>Betrachtet man die aktuelle Praxis f\u00e4llt aber auf, dass an vielen Stellen amtstheologisch nicht mehr konsequent gehandelt wird. Wenige Beispiele: Pfarrpersonen behalten ihren Pfarrer:innen-Titel auch nach der Pensionierung. In Gottesdiensten beobachtet man in vielen Regionen der Schweiz nach wie vor One-Man\/Woman\/Person-Shows, statt von vielen getragene Feiern. Im Gespr\u00e4ch mit Pfarrpersonen h\u00f6rt man h\u00e4ufig, dass sie auch dann, wenn sie nicht im Dienst sind, in ihren Gemeinden eine ausgesonderte Rolle haben, die sie nie ablegen k\u00f6nnen. Pfarrpersonen, die der Kirche mal den R\u00fccken kehren wollten, berichten ab und zu, wie sie emotional doch immer mit der Kirche verbunden bleiben, als w\u00e4re bei der Ordination ein unsichtbares Band gekn\u00fcpft worden.<\/p>\r\n<p>Subjektive Eindr\u00fccke von mir und mir zugetragen.<\/p>\r\n<p>Dieser Blog endet nicht mit einer Antwort, sondern mit drei m\u00f6glichen Wegen des \u201eWie-Weiters\u201c, denn ohne \u00fcber die Diskrepanz zwischen der Theologie der Kirche, der Theologie des Hemdes und der Theologie von reformierten Herden im Kollarhemd zu sprechen, ist es ein unbefriedigender Zustand. Also roden oder das invasive Gew\u00e4chs heimisch werden lassen?<\/p>\r\n<p>Wie weiter:<\/p>\r\n<p>M\u00f6glichkeit 1: Das Kollarhemd sollte als gebietsfremd und invasiv-sch\u00e4dlich abgeschafft werden und nicht akzeptiert werden. Allerdings ist hier zu hinterfragen, ob diese Variante nicht an einem scheinbar bestehenden Bed\u00fcrfnis vorbeigeht.<\/p>\r\n<p>M\u00f6glichkeit 2: Es braucht eine theologische Diskussion um das Amtsverst\u00e4ndnis. Die Frage ist, ob sich die Theologie noch mit dem Erleben der Pfarrpersonen deckt, ob f\u00fcr sie in der Ordination wirklich \u201enichts passiert\u201c ausser ein Segen, ob das Herausrufen von Pfarrpersonen zu diesem besonderen Dienst nicht eines ist, das doch existenzieller ber\u00fchrt, als das n\u00fcchterne reformierte Theologie beschreibt (ohne gleich von ontologischer Wesens\u00e4nderung sprechen zu m\u00fcssen).<\/p>\r\n<p>M\u00f6glichkeit 3: Es braucht eine reformierte Diskussion, wie man als Kirche im Gesamten das Kollarhemd neu definiert, sodass es zur bestehenden Amtstheologie passt, also seinen Ausdruck des Weiheamtes verliert und funktional als \u2026 ja, als was eigentlich\u2026? Als Amtstracht vielleicht? Jedenfalls mehr funktional statt als Ausdruck eines anderen Standes gesehen wird.<\/p>\r\n<p>Eins, zwei oder drei. Ob Du wirklich richtig stehst, siehst Du wenn das Licht angeht.<\/p>\r\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/www.infoflora.ch\/de\/neophyten\/listen-und-infobl%C3%A4tter.html\">https:\/\/www.infoflora.ch\/de\/neophyten\/listen-und-infobl%C3%A4tter.html<\/a>; [13.05.2023].<\/p>\r\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Bilder dazu finden sich auf der Homepage der Church of Scotland, <a href=\"https:\/\/www.churchofscotland.org.uk\/home\">https:\/\/www.churchofscotland.org.uk\/home<\/a>; [14.05.2023], oder auf dem Facebookprofil des Moderators: <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/ModeratoroftheChurchofScotland\">https:\/\/www.facebook.com\/ModeratoroftheChurchofScotland<\/a>; [14.05.2023].<\/p>\r\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Josuttis, Manfred: Der Pfarrer ist anders. Aspekte einer zeitgen\u00f6ssischen Pastoraltheologie, 3. Aufl., M\u00fcnchen 1987.<\/p>\r\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. Karle, Isolde: Der Pfarrberuf als Profession. Eine Berufstheorie im Kontext der modernen Gesellschaft, [Praktische Theologie und Kultur 3], 2. Auflage, G\u00fctersloh 2001.<\/p>\r\n<figure id=\"attachment_167\" aria-describedby=\"caption-attachment-167\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-167 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT-150x150.jpeg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT-150x150.jpeg 150w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT-300x300.jpeg 300w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT-1024x1024.jpeg 1024w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT-768x768.jpeg 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT-270x270.jpeg 270w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/STEPHANY-EDIT.jpeg 1345w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-167\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Stephany arbeitet als Doktorand und Assistent am Lehrstuhl f\u00fcr Praktische Theologie in Bern. In seiner Dissertation besch\u00e4ftigt er sich mit der ehrenamtlichen Verk\u00fcndiung in der Schweiz.<\/figcaption><\/figure>\r\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue Mode auf dem reformierten Laufsteg Seit Corona und der Vollversammlung des \u00d6kumenischen Rates in Karlsruhe verbreitet es sich zunehmend in reformierten Kreisen: das Kollarhemd. Grund f\u00fcr ein paar Gedanken zu diesem aussergew\u00f6hnlichen Kleidungsst\u00fcck. 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