{"id":970,"date":"2023-07-06T15:01:46","date_gmt":"2023-07-06T13:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=970"},"modified":"2026-05-23T22:53:58","modified_gmt":"2026-05-23T20:53:58","slug":"lunch-liturgy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2023\/07\/06\/lunch-liturgy\/","title":{"rendered":"Lunch Liturgy"},"content":{"rendered":"<p><strong>In diesem Blog geht es um einen Gottesdienst, der an Feiern von befreiungstheologisch gepr\u00e4gten Basisgemeinden Lateinamerikas der 1980er Jahren erinnert: partizipativ, schlicht, mit freien Beitr\u00e4gen und verbunden mit einem gemeinsamen Essen \u2013 nicht im Anschluss an die Feier, sondern als integraler Bestandteil derselben.<\/strong><\/p>\n<p>David Pl\u00fcss<!--more--><\/p>\n<p>Sonntagmittag im holl\u00e4ndischen Groningen Ende M\u00e4rz 2023. Der grosse Raum im Quartierzentrum f\u00fcllt sich allm\u00e4hlich mit Menschen jeden Alters, wobei Kinder und Jugendliche in der \u00dcberzahl sind. Auch das mittlere Alter ist gut vertreten. Bis auf eine \u00e4ltere Dame fehlen die Betagten. Dies ist nur darum bemerkenswert, weil hier gleich Gottesdienst gefeiert wird, alle dies wissen und just deshalb gekommen sind. Das Quartierzentrum geh\u00f6rt nicht der Stadt, sondern der Kirche. Wir befinden uns in einem kirchlichen Mehrzweckraum in einer vor zwanzig Jahren gebauten und kulturell durchmischten Siedlung am Rand von Groningen. Dass wir uns in einem auch liturgisch genutzten Raum befinden, erkenne ich erst auf den zweiten Blick \u2013 aufgrund farbiger Scheiben in einem der Fenster. Zun\u00e4chst fallen mir in mehrere Quadrate angeordnete Tische mit St\u00fchlen auf. Vorne ist eine Leinwand aufgespannt, davor ein Tisch. Seitlich im Raum steht Essen auf Tischen bereit: Suppe, Brot, weich und geschnitten, dunkel oder hell, dazu Rosinenbrot, Marzipanstollen, K\u00e4se, Salami, R\u00fchrei, Aufstrich, Tee und Kaffee. Man begr\u00fcsst sich herzlich, nimmt sich eine Tasse Tee oder Kaffee und setzt sich dann an einen der Tische. Ich werde von meinem Kollegen, der mich hergebracht hat und zu dieser Gemeinde geh\u00f6rt, gebeten, doch nicht an den Tisch der Jugendlichen zu sitzen, denn es g\u00e4be eine etablierte Sitzordnung. Wie andernorts auch. Der Pfarrer der Gemeinde, der w\u00e4hrend der Woche gemeinsam mit Freiwilligen Aktivit\u00e4ten f\u00fcr Kinder und Jugendliche anbietet \u2013 Sport und Spiele, Unterst\u00fctzung bei Schulaufgaben, Kreatives \u2013, begr\u00fcsst. Er begr\u00fcsst knapp und er\u00f6ffnet das gemeinsame Essen mit einem kurzen, freien Gebet. Dann bedienen sich alle mit Suppe, Brot, K\u00e4se, Wurst und Tee, man setzt sich wieder an die Tische, isst und unterh\u00e4lt sich, bis jemand mitteilt, es sei nun Zeit zum Abr\u00e4umen. Mehr als die H\u00e4lfte der Anwesenden steht auf und macht sich an die Arbeit: \u00dcbriges Essen und Geschirr wird in die K\u00fcche getragen, Tische werden gereinigt. Danach setzen sich wieder alle an ihren Platz. Seit der Begr\u00fcssung ist etwa eine halbe Stunde vergangen.<\/p>\n<p>Benno van den Toren, Professor an der Theologischen Fakult\u00e4t, an der ich zu Gast war, leitete durch den zweiten Teil der Feier. Erst spielte er per Beamer und YouTube die Aufnahme eines fr\u00f6hlichen Danklieds ein, vorgetragen von einem Kinderchor. Es ersetze den Gemeindegesang, wird mir im Anschluss erkl\u00e4rt. Denn Singen sei in dieser Gemeinde nicht m\u00f6glich. Viele der Beteiligten seien zu kirchenfern oder k\u00f6nnten nicht lesen. Darum werden Lieder eingespielt: religi\u00f6se Ges\u00e4nge, zum Teil auch s\u00e4kulare Popsongs, passend zum Thema. Manchmal s\u00e4ngen die Anwesenden mit, diesmal nicht. Dann projiziert Benno van den Toren ein Bild, eine durch einen K\u00fcnstler gefertigte Illustration des Themas der folgenden Ausf\u00fchrungen: eine Symbolisierung des Heiligen Geistes. F\u00fcr die Kinder liegen Kopien der Illustration und Farbstifte auf den Tischen zum Ausmalen bereit, was, soweit ich sehe, von fast allen auch eifrig getan wird. Benno fragt die Anwesenden, was ihnen denn zur Illustration einfalle und wie sie die verschiedenen Elemente deuten w\u00fcrden. Viele beteiligen sich spontan, Kinder und Jugendliche noch mehr als die Erwachsenen, die den Kindern den Vortritt lassen. Es folgt ein weiterer religi\u00f6ser YouTube-Popsong, ruhiger als der erste, ein Anbetungslied. Der Kollege spricht danach etwa zwanzig Minuten. Grundlage seiner Ausf\u00fchrungen ist der Pfingstbericht aus der Apostelgeschichte, Kapitel 2, in voller L\u00e4nge und die projizierte Illustration. Er spricht frei und engagiert, spielt Vergleiche und Beispiele aus seinem Leben ein und provoziert Lachen und spontane Kommentare. Danach sammelt er Gebetsanliegen aus der Runde. Diese werden spontan und ohne Z\u00f6gern genannt, von Jugendlichen und Erwachsenen. Die meisten der genannten Anliegen sind der Gemeinde bekannt, wie ich im Anschluss erfahre, denn sie ist \u00fcber einen WhatsApp-Chat verbunden, in dem die Mitglieder einander wichtige Ereignisse, Sorgen und N\u00f6te mitteilen und um Gebet bitten. Benno nimmt die vorgebrachten Anliegen in ein frei formuliertes Gebet auf und beschliesst die Feier mit einem weiteren YouTube-Song. Nach anderthalb Stunden ist der Lunch-Gottesdienst zu Ende.<\/p>\n<p>Auffallend war f\u00fcr mich die Altersdurchmischung der Gemeinde und die rege Beteiligung. Es ist eine Art Basisgemeinde, die hier zusammen feiert. Man kennt sich, teilt das Leben, unterst\u00fctzt sich. Eine formelle Mitgliedschaft gibt es nicht. Ob die Anwesenden Mitglieder der <em>Protestantse Kerk in Nederland <\/em>sind, ist den Verantwortlichen nicht bekannt. Mitgliedschaft soll, wenn es nach ihrem Willen geht, auch nicht formalisiert werden. Die w\u00f6chentliche Lunch-Gottesdienste gibt es seit Corona. Der Wunsch nach w\u00f6chentlichen Feiern wurde von den Teilnehmenden ge\u00e4ussert. Die Form wird immer wieder angepasst und nachgebessert. Die Reformierte Kirche von Groningen stellt ein Budget f\u00fcr das Essen bereit. Freiwilligenteams kaufen ein und bereiten den Lunch vor.<\/p>\n<p>Mein Fazit: Eine eindr\u00fccklich niederschwellige, integrierende, pragmatische, partizipative und in hohem Masse gemeinschaftliche Weise, Gottesdienst zu feiern! Mit einer tief geh\u00e4ngten Liturgie, die in Bewegung ist, immerzu ver\u00e4ndert wird. Liquid liturgy gewissermassen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-179 \" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/image003-2-768x1024.png\" alt=\"\" width=\"157\" height=\"210\" srcset=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/image003-2-768x1024.png 768w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/image003-2-225x300.png 225w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/image003-2-202x270.png 202w, https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/image003-2.png 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 157px) 100vw, 157px\" \/><\/p>\n<p>Prof. Dr. David Pl\u00fcss, lehrt Homiletik, Liturgik und Kirchentheorie an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bern und Co-Leiter des Kompetenzzentrums Liturgik.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Blog geht es um einen Gottesdienst, der an Feiern von befreiungstheologisch gepr\u00e4gten Basisgemeinden Lateinamerikas der 1980er Jahren erinnert: partizipativ, schlicht, mit freien Beitr\u00e4gen und verbunden mit einem gemeinsamen Essen \u2013 nicht im Anschluss an die Feier, sondern als integraler Bestandteil derselben. 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