{"id":992,"date":"2023-10-25T13:13:28","date_gmt":"2023-10-25T11:13:28","guid":{"rendered":"http:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/?p=992"},"modified":"2024-11-01T09:28:38","modified_gmt":"2024-11-01T08:28:38","slug":"heimat-in-der-zeit-ein-historischer-gottesdienst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/index.php\/2023\/10\/25\/heimat-in-der-zeit-ein-historischer-gottesdienst\/","title":{"rendered":"Heimat in der Zeit"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 24pt;\"><strong> Ein historischer Gottesdienst<\/strong><\/span><\/p>\r\n<p><strong>Am 01.10.2023 feierte die Franz\u00f6sische Gemeinde Bern 400 Jahre franz\u00f6sischsprachige Gottesdienste in ihrer Kirche. Zu diesem Anlass wurde ein besonderer \u00abCulte historique\u00bb gestaltet, in dem der Pfarrer eine Original-Predigt aus dem Jahr 1688 hielt \u2013 in Puff\u00e4rmel-Talar und mit Per\u00fccke wie im 17. Jahrhundert. Ich habe den Gottesdienst besucht und wollte wissen: Wie gelingt dieses Unterfangen zwischen theatraler Auff\u00fchrung und liturgischem Vollzug, der mit den Zeiten spielt?<\/strong><\/p>\r\n<p>Miriam L\u00f6hr<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:more -->\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n<p>Am Eingang der Kirche h\u00f6re ich vertraute Kl\u00e4nge \u2013 Lieder des Genfer Psalters, vierstimmig gesungen von der stehenden Gemeinde, begleitet von einem Quartett historischer Blasinstrumente. Die \u00fcber dem Chorraum thronende Orgel schweigt im gesamten Gottesdienst, oder vielmehr: Sie scheint das Geschehen zu ihren F\u00fcssen zu beobachten. Ich setze mich hinten in die Bank und staune \u00fcber das umfangreiche Programmheft mit diversen Genfer Psalter-Vertonungen, zu dem zus\u00e4tzlich eine franz\u00f6sische Transkription der originalen Predigt vom 25. M\u00e4rz 1688 vorliegt \u2013 ganze 24 Seiten. Nach dem ersten Gesangsblock, sorgf\u00e4ltig dirigiert und begleitet von den Musikern, setzt sich die zahlreich anwesende Gemeinde.<\/p>\r\n<p>Eine Gestalt betritt den Raum, oder vielmehr die B\u00fchne \u2013 in einem seltsamen Talar, und vor allem: mit einer Per\u00fccke in der Mode des 17. Jahrhunderts. Ein leises Lachen geht durch die Reihen. Auch die Gestalt, der Pfarrer der Gemeinde, scheint schmunzeln zu m\u00fcssen. Langsam schreitet er nach vorn. Nach dem Eingangsvotum steigt er auf die Kanzel und beginnt zu sprechen \u2013 und wird es weit \u00fcber die heute gewohnten zwanzig Minuten hinaus tun. Die Predigt, sprachlich nur minimal modernisiert, traktiert 1 Kor 9,25<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> und kreist immer wieder um die Botschaft: \u00ab \u2026 si \u00e0 pr\u00e9sent vous portez une Couronne d`\u00e9pines, vous porterez un jour la Couronne de Gloire. \u00bb<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Diese Vertr\u00f6stung aufs Jenseits scheint heute h\u00f6chst untr\u00f6stlich. Das informierende Textheft und Gespr\u00e4che in der Kaffeepause, die die Predigt kurz unterbricht, erhellen jedoch den Hintergrund: im September 1687 ertranken 111 gefl\u00fcchtete Hugenottinnen und Hugenotten in der Aare. Die Predigt ein halbes Jahr sp\u00e4ter nimmt hierauf Bezug und spricht den in Bern aufgenommenen franz\u00f6sischen Protestant*innen in dieser Situation der Verzweiflung, Unsicherheit und Bedrohung Trost zu und ermutigt sie zum Durchhalten. Nach der Pause folgt das letzte Drittel der Predigt. Keine mahnende Sanduhr, sondern das stillschweigende Einverst\u00e4ndnis aller Anwesenden, die gottesdienstliche Performance in ihrer gesamten L\u00e4nge von gut drei Stunden gemeinsam zu tragen, legitimiert das Geschehen. Nach der Predigt folgen F\u00fcrbitten, das Unservater in einer Version, wie es damals gesprochen wurde, der Segen und wiederum stehend vierstimmige Ges\u00e4nge des Genfer Psalters. Nach fast dreieinhalb Stunden ist der Gottesdienst zu Ende.<\/p>\r\n<p>Aus liturgischer Sicht sind mir vor allem zwei Dinge aufgefallen. Zum einen erschien die stehend vierstimmig singende Gemeinde gut reformiert als souver\u00e4ne Tr\u00e4gerin der Liturgie \u2013 trotz oder wegen der theatralen Gestaltung. Die Botschaft der Predigt erschloss sich in ihrem historischen Kontext, so dass die im Vergleich zu heute grossen Unterschiede der Theologie, die sich in Jenseitsvertr\u00f6stung und konfessorischer Abgrenzung zeigten, nachvollziehbar wurden. Zum anderen erschienen mir Bildwelt und Gestimmtheit des Gottesdienstes \u00fcberraschend vertraut: die Lieder, die sprachlich eng an der Bibel ausgerichtete Predigt, die (wenigen) weiteren Elemente wie F\u00fcrbitten, Unservater und Segen zeichneten ein Gesamtbild, das trotz der heute anders gelagerten homiletischen Grosswetterlage mehr Verbindungen als historische Trennungen aufwies. Bei aller theologischen und modischen Differenz vermittelte der Gottesdienst ein liturgisch grundiertes Gef\u00fchl von \u00abHeimat in der Zeit\u00bb, das auf dem kritisch reflektierenden Wissen um die eigenen Liturgietraditionen beruht.<\/p>\r\n<p>So blieb es nach meinem Eindruck nicht bei der Auff\u00fchrung eines historischen Geschehens. Vielmehr schlug der gottesdienstliche Vollzug einen Bogen in die Zeit.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<h6><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1016\" src=\"https:\/\/liturgikblog.unibe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Foto-Miriam-Loehr_bearbeitet_10.png\" alt=\"\" width=\"53\" height=\"68\" \/>Miriam L\u00f6hr ist Postdoc am Institut f\u00fcr Praktische Theologie an der Theologischen Fakult\u00e4t Bern.<\/h6>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Wettk\u00e4mpfer aber verzichten auf alles, jene, um einen verg\u00e4nglichen Kranz zu erlangen, wir dagegen einen unverg\u00e4nglichen. (Z\u00fcrcher Bibel\u00fcbersetzung).<\/p>\r\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Wenn ihr heute eine Dornenkrone tragt, werdet ihr eines Tages die Krone der Ehre tragen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein historischer Gottesdienst Am 01.10.2023 feierte die Franz\u00f6sische Gemeinde Bern 400 Jahre franz\u00f6sischsprachige Gottesdienste in ihrer Kirche. Zu diesem Anlass wurde ein besonderer \u00abCulte historique\u00bb gestaltet, in dem der Pfarrer eine Original-Predigt aus dem Jahr 1688 hielt \u2013 in Puff\u00e4rmel-Talar und mit Per\u00fccke wie im 17. Jahrhundert. 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