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O Heiliger Geist!

Wie besingen wir die heilige Geistkraft Gottes? Über versteckte Konflikte in Kirchenliedern

Angela Berlis

Ein paar Tage vor Auffahrt (Himmelfahrt) nahm ich im Mai 2026 an einem Treffen der Theologischen Fakultät mit der Kirchenleitung der reformierten Kirchen Bern – Jura – Solothurn teil. Ich war die einzige christkatholische Theologin, die anderen Anwesenden waren evangelisch, die meisten von ihnen reformiert. Am Anfang der Sitzung wurde gemeinsam ein Lied aus dem mir wenig vertrauten reformierten Gesangbuch gesungen, «O Heiliger Geist, o heiliger Gott». Es ist ein Pfingstlied, der Text stammt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Der Text wird Johannes Niedling zugeschrieben, der 1626 mit 24 Jahren Lehrer am Gymnasium in Altenburg wurde. Die schwungvolle barocke Melodie ist älter, mit ihrer Beweglichkeit fand das Lied weite Verbreitung.

Die erste Strophe lautet:

O Heiliger Geist, o heiliger Gott,

du Tröster wert in aller Not,

du bist gesandt vom Himmelsthron,

von Gott, dem Vater und dem Sohn,

o Heiliger Geist, o heiliger Gott.

Beim Singen stutzte ich. Mein Nachbar, ein junger Kollege, und ich schauten uns an: tatsächlich, nickte er, ein Heilig-Geist-Lied mit dem «Filioque»! Das Filioque ist ein Zusatz zum Ökumenischen Glaubensbekenntnis, das im vierten Jahrhundert bei den beiden ersten Ökumenischen Konzilien von Nizäa (325) und Konstantinopel (381) formuliert wurde. Darin heisst es: «Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater hervorgeht…». In der Westkirche findet sich ab dem ausgehenden 6. Jahrhundert hier und da das Filioque im Glaubensbekenntnis; Anfang des 9. Jahrhunderts wurde es durch eine westkirchliche Synode in Aachen als wesentliches Glaubensgut angesehen: Der Geist geht nun nicht mehr nur, wie ursprünglich, aus dem Vater aus, sondern aus dem Vater «und dem Sohn» (= lateinisch: «filioque»). Die Intention hinter dem Zusatz war die Betonung der Gleichrangigkeit zwischen Sohn und Vater – doch dies führte zur «Domestizierung des Geistes in der westkirchlichen Welt» (Hans-Georg Link). Der kleine Zusatz hat grosse theologische Bedeutung – und hat das Grosse Schisma zwischen Ost- und Westkirche (1054) ins Rollen gebracht. Der Stein des Anstosses rollt bis heute weiter. Deshalb wurde im Vorfeld der 1700-Jahr-Feier von Nizäa verschiedentlich dazu angeregt, zum ursprünglichen Text des Glaubensbekenntnisses zurückzukehren.[1] In diesem Zusammenhang kam es auch zu Vereinbarungen, in ökumenischen Kontexten das Glaubensbekenntnis in seiner ursprünglichen Fassung, also ohne das Filioque, miteinander zu bekennen.

Aber das scheint gar nicht so einfach zu sein.

Als am 1. Juni 2025 im Berner Münster beim nationalen ökumenischen Gedenkgottesdienst anlässlich des 1700-Jahr-Jubiläums des Ersten Ökumenischen Konzils von Nizäa das Glaubensbekenntnis gleich mehrmals gesungen wurde, um es so nach unterschiedlichen Traditionen zu Gehör zu bringen, enthielt die gregorianische Fassung, vorgetragen von einem römisch-katholischen Chor, das Filioque. Viele werden es nicht bemerkt haben – ebensowenig wie den meisten das Filioque im Heilig-Geist-Lied auffällt. Im reformierten Gesangbuch ist der Text des  Glaubensbekenntnisses von Nizäa-Konstantinopel ebenfalls abgedruckt, und zwar mit dem filioque (unter Nr. 264). In einer Anmerkung wird darauf hingewiesen, dass die Westkirche diesen Zusatz im Mittelalter angenommen habe, während die orthodoxen Kirchen am ursprünglichen Wortlaut festhalten würden und die christkatholische Kirche dies ebenfalls tue.

Da das Ökumenische Glaubensbekenntnis in den reformierten Kirchen nicht sehr oft im Gottesdienst gesprochen wird, wird es wohl kaum jemandem auffallen, was genau im Text steht.

Ausserdem bietet das reformierte Gesangbuch eine Alternative an: Anstelle der ersten und zweiten Strophe in Nr. 506 kann nämlich Nr. 507 mit einer ganz anderen ersten Strophe gesungen werden. Sehr schön wird hier der Hl. Geist in seinem Wirken angesprochen:

O Heiliger Geist, o heiliger Gott,

du Leben, das die Welt durchwallt,

du Feuer, das die Welt durchstrahlt,

du Wort, das alle Welt durchhallt:

O Heiliger Geist, o heiliger Gott.

Dieser Text, obwohl in seiner Wortwahl etwas altertümlich anmutend (er stammt aus dem Jahr 1844 von Abraham Emanuel Fröhlich), dürfte heutige Menschen vielleicht sogar mehr ansprechen als der ursprüngliche Wortlaut. So braucht man sich auch keine Gedanken zu machen über die innertrinitarischen Beziehungen zwischen Vater – Sohn – Geist, sondern besingt einfach den Geist allein! Das hat viel für sich, nicht zuletzt deshalb, weil es uns in die Dynamik der göttlichen Geistkraft eintauchen lässt.

Und im christkatholischen Gesangbuch?

Natürlich habe ich nach meiner Rückkehr von dem Treffen zwischen den reformierten Kirchen und der Theologischen Fakultät (es gibt ähnliche Treffen mit der christkatholischen Kirche) direkt im schweizerischen christkatholischen und im deutschen altkatholischen Gesangbuch nachgeschaut. In der deutschen altkatholischen Kirche wird das Lied nicht gesungen. Aber in der Schweiz schon, ich fand es im christkatholischen Gesangbuch unter der Nr. 688.

Und das gibt mir zu denken. Welche Gründe mögen eine Rolle gespielt haben? Weil Menschen es kannten, es mochten und mögen? Weil es leicht singbar ist? Weil es anleitet zu einem tätigen Glauben? Ich weiss es nicht. Aber es erinnert mich an andere Diskussionen. Seit einigen Jahrzehnten gibt es immer wieder Diskussionen darüber, dass Gesangbuchtexte nicht inklusiv genug seien in Bezug auf Frauen und weibliche Gottesvorstellungen. In vielen Liedern (gerade wenn sie älter sind und keine Autorenrechte mehr bestehen) wurden in den letzten Jahrzehnten neue Formulierungen gefunden, die geschwisterlicher anmuten.

Mutatis mutandis geht es um ähnliche Fragen: Wie gehen wir mit Texten um, die (theologisch) nicht mehr stimmen oder nicht mehr stimmig sind? Vielleicht ist das Pfingstfest eine gute Gelegenheit, sich inspirieren zu lassen: Lassen wir den Geist wehen, wo sie will!

 

 

Quellen: Gesangbuch der Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz, hg. vom Verein zur Herausgabe des Gesangbuchs, Basel u. Zürich 1998, Nr. 506

Gebet- und Gesangbuch der Christkatholischen Kirche der Schweiz, hg. von Bischof und Synodalrat der Christkatholischen Kirche der Schweiz, Basel [2004], Nr. 688

[1] So etwa im Jahr 2024 unabhängig voneinander der ökumenische Altenberger Kreis und die Gemeinsame Internationale lutherisch-orthodoxe Kommission zw. dem Lutherischen Weltbund und der Orthodoxen Kirche.

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Kommentare

Ein Kommentar zu «O Heiliger Geist!»

  1. Avatar von Regine Hildebrandt
    Regine Hildebrandt

    Gebets-und Gesangbuch 1951: No.161
    Geist vom Vater, Geist vom Sohn..
    Ūbernommen vom Gebets-und Gesangbuch von 1917 .

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