Digitalisierung als Chance für die Predigt

Digitalisierung als Chance für die Predigt

Predigen online – Ein Schreibgespräch, Nr. 2

David Plüss schrieb in seinem Beitrag von der Nacktheit der Online-Predigt. Bringt der Digitalisierungsboom die Predigt folglich in Gefahr? Oder entfaltet Predigt gerade so ihre verkündigende Kraft?

Von Kirsten Jäger

Das von David Plüss erwähnte «Schlingern», die «Auflösung der Konturen» von Predigt klingt nach Kontrollverlust. Ist dieser Kontrollverlust eher Gefahr oder Chance? Oder anders gesagt: Verlangt die gegenwärtige Entwicklung eher nach Regulierung oder nach ’Gottvertrauen’? Die Vermutung, dass die Predigt durch die Digitalisierung «neue Kraft und Dynamik» erhalten kann, würde ich jedenfalls unterstreichen. Könnte es sogar sein, dass die Predigt erst durch die Digitalisierung, das «Online Gehen», wirklich frei wird und sich so erst richtig als Verkündigung entfalten kann?

Zum einen erweitert sich dadurch die Bandbreite des ’Publikums’. Predigt online richtet sich prinzipiell an Alle, unabhängig von Religion, Alter, Geschlecht und Milieu – auch wenn natürlich manche Zielgruppen mehr im Blick sind als andere. Aber die Deutungshoheit verlagert sich zu den Empfängern: Auch der Nicht-Christ, die Atheistin etc. kann der konkreten Online-Predigt etwas abgewinnen, selbst wenn er oder sie als Rezipient*in gar nicht intendiert war. Das gilt vor allem, wenn die Beiträge für längere Zeit im Netz bleiben und durch ihre Überschrift bzw. durch Angaben zum Thema über eine Google-Suche zufällig gefunden werden können.

Zum anderen verstärkt sich durch die Online-Situation die Autorität der Rezipienten. Zwar entscheiden Zuhörer*innen auch im Gottesdienst, was das Gesagte/Gehörte mit ihnen macht und was sie damit machen – und ob die gehaltene Rede für sie «Predigt» ist. Auch im Kirchenraum gibt es kritische Hörer*innen, die beim Zuhören ihre Selbstbestimmung, Autonomie und Freiheit wahrnehmen. Im Netz gilt dies jedoch noch mehr, da ich als Hörer*in unbeobachtet bin. Die Kontrolle durch das predigende Gegenüber oder die Gottesdienstgemeinde entfällt. Im Gottesdienst kann ich nicht gut einfach aufstehen und gehen, einen Podcast kann ich jederzeit beenden. Im Gottesdienst kann die Predigerin oder der Prediger Blickkontakt zu mir herstellen, und wenn ich diesen verweigere, wird dies ebenfalls wahrgenommen. Das kann Befangenheit auslösen, mich in meiner Freiheit einschränken, wie ich auf das Gehörte reagiere. Ich muss dann z. B. ein Pokerface aufsetzen, was wiederum mein Gefühlserleben beeinflusst. Gerade bei spärlich besuchten Gottesdiensten exponiere ich mich als Besucher*in stark. Anders als im Theater, wo der Zuschauerraum im Dunkeln bleibt, werde ich im Gottesdienst gesehen, genauso wie ich andere Gottesdienstbesucher und die Predigerin sehe. Wenn ich mir Beiträge im Netz anschaue, bin ich freier in meinen Reaktionen. Ich kann Unstimmiges besser zurückweisen (durch Ausrufe oder Verziehen der Miene) und zugleich Stimmiges besser aufnehmen: Ich kann den Beitrag stoppen, unterbrechen, nochmals anhören oder ihn, wenn er mir zusagt, im Hintergrund laufen lassen, während ich einer anderen Tätigkeit nachgehe. Dadurch können die Worte intensiver auf eine unbewusste Ebene einwirken, sich verankern.

Dies alles dient idealerweise dem von David Plüss formulierten Ziel, die Predigt möge «neue Kraft und Dynamik» erhalten und «in unserer Gegenwart als verständlich und relevant gehört und erfahren werden». Insofern dient die Digitalisierung der Entfaltung der Verkündigung.

Allerdings entstehen durch die Digitalisierung andere Anforderungen an die Predigt und mithin neue Herausforderungen für die Predigerin*den Prediger. Damit Online-Predigt auf gute Art zu Verkündigung werden kann, müssen bestimmte inhaltliche, handwerkliche und technische Bedingungen erfüllt sein. Es gilt also, spezifische Hindernisse für das «(Gottes-)Wort» aus dem Weg zu räumen, die in der Präsenzsituation weniger ins Gewicht fallen. Das ist anspruchsvoll.

Besonders spannend finde ich David Plüss’ Überlegungen zur «Nacktheit» der Predigt:

Während die Predigt im Gottesdienst umrahmt, eingebettet, umhüllt ist, von Musik, Gebet und gemeinschaftlichen Ritualen, begegnet die Predigt online gleichsam ungeschützt. Predigt kann dadurch einerseits in ihrer Wirkung unverstellter zur Geltung kommen und Strahlkraft gewinnen. Andererseits hat Verkündigung im Netz etwas Schutzloses. Es braucht Courage, ’fürs Internet’ zu predigen. Nun finden sich online freilich viele couragierte Beiträge, die mit ihrem Mut und ihrer Offenheit beeindrucken und überzeugen. Dennoch stellt sich die Frage nach legitimen Schutzbedürfnissen. Wer oder was sollte geschützt werden (und bleiben)? Und wie kann das gelingen?

Noch ein Wort zur Gemeinde:

Vermisse ich diese, wenn ich durch eine Online-Predigt oder -Ansprache bewegt, berührt oder gar heilsam verwandelt werde? Wahrscheinlich nicht. Eventuell entsteht dann aber in mir das Bedürfnis, meine Erkenntnis bzw. das, was ich erlebt habe, mitzuteilen, mit anderen zu teilen. Einige Kommentare unter YouTube-Beiträgen zeigen dies – sei es in aller Kürze (etwa durch ein «Danke», ergänzt durch betende Hände und einen Smiley mit Herzen) oder ausführlicher. Vielleicht kommt es darauf an, was ich suche und brauche, wenn ich mir Online-Predigten anhöre. Falls es eher das Ritual ist als die Anregung durch den Inhalt der Predigt, fehlen mir unter Umständen die Anderen, insbesondere beim aufgezeichneten Podcast. Der Frühstückskaffee zu Hause ist eben nicht dasselbe wie das «Chilekafi» nach dem Gottesdienst. (Genauso wenig, wie er den Espresso in einer belebten Bar oder den Latte macchiato im Café ersetzen kann.)

Dass die örtlich und zeitlich losgelöste Online-Predigt deswegen «abstrakt» sein muss, glaube ich dagegen nicht. Aber auch hier: die losgelöste Situation stellt neue Anforderungen an die Predigt. Um ohne Qualitätsverlust online gehen zu können, muss die Predigt sich wandeln – oder andersherum: nicht alle Predigten eignen sich als Radio- oder Lesepredigt oder als Podcast. Im besten Fall gewinnt die Predigt durch die veränderte Situation – sprich: die Aussicht, online gestellt zu werden – an Qualität. Die Predigt, die sich nicht hinter einer Liturgie oder der Beziehung zum gottesdienstlichen Stammpublikum verstecken kann, muss sich stärker auf ihre ureigenen Qualitäten und Potentiale besinnen. Das muss kein Schaden sein.

Kirsten Jäger arbeitet als Medienberaterin (Schwerpunkt Film) bei Relimedia in Zürich und forscht in der Praktischen Theologie (Kompetenzzentrum Liturgik, Bern) zu Themen der digitalen Religion/online Verkündigung.

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