Abendmahl digital: Worst Case oder Möglichkeitsraum?

Abendmahl digital: Worst Case oder Möglichkeitsraum?

„Selbstbedienung mit plastikversiegeltem Brot und Wein vor dem Bildschirm mit Abendmahlsgottesdienst-Video“: für den Theologen Michael Welker[1] ein Worst Case-Szenario, das er schon weit vor der Corona-Pandemie nahezu prophetisch beschrieben hat. Es bewog ihn zur Aussage, hier würde „nicht mehr das Abendmahl Christi gefeiert“. Ist das so? Eine interessante Frage, findet

Katrin Kusmierz

Ob Abendmahl online möglich ist, darüber wurde in Deutschland und in der lutherischen Welt zu Beginn der Pandemie heftig debattiert. Ich selbst durfte auf Einladung der Universität Aarhus an einem – natürlich online stattfindenden – Workshop zum Thema teilnehmen. Gemeinsam mit Alexander Deeg und Jan-Heiner Tück, die eine lutherische bzw. römisch-katholische Perspektive zu dieser Diskussion beitrugen. Ich selbst wurde angefragt, eine reformierte Sichtweise einzubringen.

Während im protestantischen Deutschland die Wogen hochgingen, kräuselte sich in der reformierten (Deutsch-)Schweiz kaum das Wasser. Die Frage schien weniger dringlich – schliesslich können die Reformierten ohne Not darauf verzichten, Abendmahl zu feiern; es wird generell seltener gefeiert. Möglicherweise ist der Grund auch in einem gewissen Pragmatismus oder in dem hohen Grad an liturgischer Anpassungsfähigkeit zu suchen, die ein flexibles Reagieren auf aussergewöhnliche Situationen ermöglichen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ein medial vermitteltes Abendmahl schon zur Gewohnheit geworden ist, nämlich in Gottesdiensten, die im Schweizer Radio und Fernsehen SRF übertragen werden. Dort werden die Zuschauer:innen regelmässig dazu aufgefordert, sich Brot und Saft bereit zu stellen und zu Hause mitzufeiern. Es gibt meiner Ansicht nach jedoch auch theologische Gründe, warum digitales Feiern aus reformierter Sicht nicht unmöglich ist. Herausfordernd bleibt die liturgische Gestaltung. Die entscheidende Frage ist, ob und wie die wesentlichen Grundzüge des Abendmahls digital zur Geltung gebracht und erfahrbar werden.

Staging the drama

Das Abendmahl ist eine Praxis der Vergegenwärtigung. Was Huldrych Zwingli theologisch wichtig war, dem versuchte er in seiner Abendmahlsliturgie Gestalt zu geben: Er inszenierte das Abendmahl so, dass die Gottesdienstfeiernden Teil der ursprünglichen Szene werden, und imaginär gemeinsam am Tisch mit Jesus und den Jüngern sitzen. Die liturgische Feier wird bei Zwingli zum „re-enactment of the Last Supper“, so bspw. die Theologin Carrie Euler[2]: der Abendmahlstisch nahe bei der Gemeinde, einfaches Abendmahlsgeschirr, das in den Reihen ausgeteilt und weitergegeben wird. Die Einsetzungsworte werden zum grundlegenden Narrativ. Erinnern bedeutet hier, das Vergangene zur Gegenwart werden zu lassen.

Auch der digitale liturgische Raum kann zu einem Raum der Erinnerung und Vergegenwärtigung werden. Narrative und visuelle Elemente helfen den Mitfeiernden zu Hause in die Szene des Abendmahls einzutauchen: Ich sehe den Kirchenraum, den gedeckten Tisch, höre die Einleitung zum Abendmahl und den Abendmahlsbericht, singe mit. Narration und Visualisierung des Geschehens erhalten grösseres Gewicht, während das körperlich-sinnliche Erleben reduziert ist: Es fehlt mir die körperliche Wahrnehmung des Raums und der Mitfeiernden. Ich fühle nicht die Temperatur in der Kirche, spüre nicht die Anwesenheit der Mitfeiernden. Die Möglichkeit, zu Hause Brot und Wein bereit zu stellen und im rechten Moment zu mir zu nehmen, erhöht die körperliche Beteiligung über getrennte Räume hinweg. Die Feiernden halten das Brot in der Hand und schmecken den Wein auf der Zunge. Dass in reformiertem Verständnis Brot und Wein primär als Zeichen verstanden werden und dass weder der Effekt des Abendmahls auf die Teilnehmenden, noch die Präsenz Christi an ihnen festgemacht ist, ist dafür die theologische Voraussetzung. Beides ist an den Gesamtvollzug gebunden und wird vermittelt durch den Heiligen Geist. Es ist deshalb nicht entscheidend, dass das Brot, das die Teilnehmenden essen, dasselbe ist, das im Kirchenraum präsent ist.

Partizipation digital

Zwingli war es wichtig, dass die Feiernden in das liturgische Geschehen involviert sind. Ob Zuschauer:innen am Bildschirm zu Teilnehmenden werden, hängt von vielen Faktoren ab: von ihrer inneren Gestimmtheit und der Situation zu Hause, beispielsweise. Sie müssen den Raum der Andacht mit herstellen. Das verlangt einiges an liturgischer Kompetenz und Gestaltungswillen. Die Möglichkeit der Teilnahme hängt auch davon ab, ob es den liturgisch Verantwortlichen vor Ort gelingt, die Mitfeiernden zu Hause im Blick zu behalten, anzusprechen und ihnen einen Platz am Tisch frei zu halten. In einem konkreten Beispiel eines an Ostern 2020 gestreamten Gottesdienstes wurde dieser leere Platz durch einen Teller und einen Becher optisch markiert.[3]

Zum (digitalen) Leib Christi werden

Im Feiern des Abendmahls, so Zwingli und Heinrich Bullinger, wird die Gemeinde zum Leib Christi. Aus Einzelnen wird ein Ganzes. “Das Entscheidende ist […] nicht die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi […], sondern die Wandlung der Gemeinde zum Leib Christi, was während der Kommunion im gemeinsamen Handeln des Brotbrechens innerhalb dieser Gemeinde Ausdruck finden soll“, schreibt der Liturgiker Markus Jenny.[4] Das gemeinsame Handeln, die Gemeinschaft der Feiernden ist also ein wesentlicher Grundzug der Feier des Abendmahls, wie überhaupt des Gottesdienstes. Hier wird der leiblichen Kopräsenz als Voraussetzung für die Bildung von Gemeinschaft ein grosser Stellenwert eingeräumt. Digitale Kommunikationsformen haben das Verständnis von Gemeinschaft verändert. Gemeinschaft wird auch im virtuellen Raum möglich, einfach in anderer Weise. Dennoch wird diskutiert, ob diese Art virtueller Gemeinschaft für den Gottesdienst, bzw. für das Erleben des Abendmahls ausreichend ist. Ich denke ja – auch wenn sich die Frage stellen lässt, ob das Erleben von Abendmahl und Gemeinschaft im digitalen Raum wesentlich an die (bereits zuvor erfolgte) analoge Erfahrung geknüpft ist. Die Erfahrung analoger Kopräsenz im Gottesdienst ist allerdings sehr unterschiedlich und manchmal auch ambivalent. Leibliche Kopräsenz resultiert nicht notwendigerweise in einem grossen Gemeinschaftsgefühl. Auch im Gottesdienst gibt es sehr unterschiedliche Formen von Nähe und Distanz, die die Mitfeiernden einnehmen. Nicht zuletzt lebt die Kirche schon immer von einer Form von Gemeinschaft, die zeitliche und geographische Horizonte überschreitet.

Wie genau Gemeinschaft, aber auch gemeinsames Feiern im digitalen Raum erlebbar werden können – das sind die Kirchen erst dabei zu entdecken. Zeichnet sich dabei eine Tendenz zu auf das Wort fokussierten Beiträgen ab? Weil Rituale und gemeinsames Feiern im digitalen Raum doch zu anspruchsvoll sind? So fragt David Plüss[5]. Es wird sich zeigen. Auf jeden Fall ist das digitale Abendmahl kein Worst Case-Szenario, vielleicht in manchen Aspekten limitiert und dadurch liturgisch anspruchsvoll; für manche mag es nicht mehr als eine Notlösung sein, aber es ist auf jeden Fall ein Möglichkeitsraum für die digitale Kirche.

Wer die ausführlichere Argumentation lesen oder die Positionen des lutherischen bzw. römisch-katholischen Kollegen kennen lernen will, findet die soeben erschienene (natürlich digitale) Ausgabe der Dansk Teolgisk Tydskrift zum Thema hier.


[1] Welker, Michael, Was geht vor beim Abendmahl?, Gütersloh 42012, 85.

[2] Carrie Euler, “Huldrych Zwingli and Heinrich Bullinger”, in: Lee Palmer Wendel (Hg.), A Companion to the Eucharist in the Reformation, Leiden 2013, , 57-74, hier: 62.

[3] https://www.youtube.com/watch?v=1lxk_WCnoWc&t=2854s, Minute 44:00 (Zugriff: 6. Januar, 2022).

[4] Jenny, Markus, Die Einheit des Abendmahlsgottesdienstes bei den elsässischen und schweizerischen Reformatoren, Zürich 1968, 60.

[5] David Plüsss, “Digitale Präsenzeffekte: Volkskirchliches Feiern in Zeiten der Pandemie“, in: Sonja Beckmayer und Christian Mulia(Hg.), Volkskirche in postsäkularer Zeit: Erkundungsgänge und theologische Perspektiven, Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 2021, 215–228, hier 210f.

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Dr. Katrin Kusmierz, Wiss. Geschäftsführerin Kompetenzzentrum Liturgik

One thought on “Abendmahl digital: Worst Case oder Möglichkeitsraum?

  1. Eine Beobachtung Christopher Hellands unterstützt diese Ein- und Wertschätzung der Empirie. Er schreibt (im Zusammenhang mit der Möglichkeit eines digitalen «sacred space»): «It is through the ritual action itself that the space becomes an environment for engaging with the sacred and is therefore regarded as sacred by the participants.» (Helland, Christopher, Ritual, in: Campbell, Heidi A., Digital Religion. Understanding religious practice in new media worlds, London 2013, 34). Sind ein solcher situativer gemeinschaftlicher Konsens und die rituelle Praktik im Vollzug ausreichende Kriterien auch für digitale Abendmahlsfeiern? Aus ritualtheoretischer Sicht erscheinen mir die Aspekte des Konsens und des ernsthaften gemeinschaftlichen Vollzugs jedenfalls relevant, wenn nicht konstitutiv.

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