Liturgik-Blog

Kompetenzzentrum Liturgik

Ein Raum, zwei Welten

Als Teilnehmende einer internationalen Liturgie-Tagung besuchten wir zwei Mal die wiedereröffnete Kathedrale Notre-Dame in Paris: Einmal im Rahmen einer liturgischen Feier, einmal als touristische Führung. Die Erfahrungen des Raums hätten unterschiedlicher nicht sein können.

Miriam Löhr

 

Liturgische Begegnung

Die internationale Liturgie-Konferenz begann mit einem Spaziergang zur Kathedrale Notre-Dame inmitten der französischen Hauptstadt. Die fast 300 Teilnehmenden – römisch-katholische Priester, mennonitische, lutherische, anglikanische und reformierte Lehrende und Forschende unterschiedlicher theologischer Fakultäten, evangelische Ordensschwestern und -brüder – spazierten an einem sommerlichen Abend zur Kathedrale, um gemeinsam in ihrem Innern den Eröffnungsgottesdienst der Konferenz zu feiern. Das Portal der Kathedrale von aussen: eindrucksvoll, erhaben, leuchtend im Abendlicht. Der Blick in Richtung der Ostseite der Kirche offenbart jedoch durch Gerüste und einen grossen Baukran, wie viele Hände und Maschinen noch immer mit der Wiederinstandsetzung des Monuments nach dem Brand am 15. April 2019 beschäftigt sind. Nachdem die Schwelle durch die Security am Eingang überschritten war, sammelten wir uns drinnen im Eingangsbereich. Der erste Eindruck: hell, sauber, «neu». Die ab 1163 in mehreren Bauphasen erbaute Kathedrale wirkt nach der Restauration nach dem Brand frisch renoviert, beinahe steril. Die Zerstörung ist im Innern nicht mehr zu erahnen: weisse, helle Wände, keine erkennbaren Baustellen oder Brüche.

Foto: Miriam Löhr

Zu hören waren nur unsere eigenen Gespräche, die Konferenz war bis auf weitere Aufsichtspersonen von Notre-Dame unter sich. Als singende Gottesdienstprozession bewegten wir uns von der ersten Station am Taufstein langsam durch die Kirche. Laudate Dominum! Die zweite Station in der Vierung gab den Blick frei auf das gross dimensionierte, blau-bunte Rosenfenster hoch oben im Südschiff. Nach einer biblischen Lesung – abwechselnd auf Französisch, Englisch und Deutsch – zogen wir weiter, vorbei an dem etwa einen halben Meter messenden alten Turmhahn in einer Vitrine. Kein Hinweis dort, keine Erklärung, aber es ist zu erahnen: dieser wurde während des Brands versehrt und schmolz teilweise in der Hitze der Flammen. Hals und Kopf sind heil geblieben – der Hahn kräht, fast scheint er zu schreien. Ob er mahnend oder angesichts seines versehrten Leibes schreit, scheint nicht eindeutig.

Wir ziehen weiter zur Dornenkrone Christi. Diese erstrahlt in der dämmrig beleuchteten Kirche. Wir bleiben stehen, hören eine Lesung aus dem Johannes-Evangelium, singen. Die Station verweilt hier länger als an den vorherigen. Um ausgiebig fotografieren zu können? Das tun jedenfalls – fast – alle Gottesdienstteilnehmenden, beinahe so, als wäre Fotografieren eine meditative oder memorative Praktik, die zum liturgischen Vollzug dazugehört.

Foto: Miriam Löhr

Irgendwann setzt sich die Prozession wieder in Bewegung, langsam müde vom langen Stehen. Viele setzen sich an der vorletzten Station in der Vierung unterhalb des grossen Rosenfensters auf die Stufen. Diese dauert jedoch nicht lang, so dass wir bald weiterziehen und für die letzte Station in den Stuhlreihen – Stühle, keine Bänke! – im Hauptschiff Platz nehmen dürfen. Nach Lesungen, gesungenem Notre Père und Magnificat ist die Feier beendet. Wir werden gebeten, die Kirche zügig zu verlassen. Wie in einer französischen «Boîte», wo nach Mitternacht das Licht eingeschaltet wird, um die Tanzenden unmissverständlich zum Gehen zu bewegen, signalisiert hier das gelöschte Licht den Feierabend. Der Stationen-Gottesdienst steckt allen in den Knochen – das lange Stehen, aber auch die intime liturgische Begegnung mit einem weltweit bekannten und unzählige Male fotografierten Raum hinterlässt Eindruck. Dies verstärkte sich noch durch die Erinnerung an die Bilder der Zerstörung durch den Brand, die vor sechs Jahren um die Welt gingen. Voller Eindrücke verlassen wir die Kathedrale Richtung Seine in die Pariser Nacht.

Touristische Begegnung

Vier Tage und mehrere Morgen- und Abendandachten in unterschiedlichen Kirchen später endet die Liturgik-Konferenz wieder in Notre-Dame. Wir wurden nach Sprachen in Gruppen eingeteilt – «Groupe 4, French» trifft sich um 9.45 auf dem Platz vor der Kathedrale. Wir werden mit Kopfhörern ausgestattet und folgen dem Guide, einem älteren Herrn, der nicht umhin kann, von Notre-Dame zu schwärmen, nach einleitenden Worten zum Hauptportal ins Innere des Gebäudes. Heute sind wir keine liturgischen VIPs – die Kathedrale ist brechend voll, eine grosse Menge Tourist:innen schiebt sich in einer langsamen Bewegung durch den Raum. Geführte Gruppen lauschen ihren Leiter:innen, Individualgäste schieben sich dazwischen hindurch. Manche tragen Tüten mit sich, die verraten, dass sie zuvor Paris-Mitbringsel und Erinnerungsstücke gekauft haben. Gleich zu Beginn kommt ein Info-Servicedesk in den Blick, an dem drei Mitarbeitende Auskunft zu Fragen aller Art geben. Sie könnten auch an einem Bahnhof oder in einem Einkaufszentrum sitzen. Mir fällt auf, dass ich diesen Info-Tresen während des Eröffnungsgottesdienstes nicht wahrgenommen habe, obwohl wir an ihm vorbeiprozessiert sein müssen.

Regelmässig ertönt eine Stimme über Lautsprecher: Silence! schschschsch… Die schiebende Menge senkt augenblicklich die Lautstärke, ohne jedoch ganz zu verstummen. Unser Guide spricht derweil ungerührt weiter in sein Mikrophon. Ein anderes Geräusch mischt sich in die Klanglandschaft: ein tiefes, sonores Brummen. Es ist jedoch nicht die Orgel, sondern ein durchdringendes Bohrgeräusch aus der weiter hinten und oben liegenden Baustelle der Kathedrale. Ein akustischer, indirekter Hinweis auf die innen nicht mehr sichtbare Verletzung des Gebäudes durch den Brand. Wir schieben uns langsam mit der Menge weiter. Am Rauschen und Knacken des Kopfhörers höre ich, wenn ich zu weit vom Guide entfernt bin, der dank der Technik zwar zu hören, aber zwischen den vielen Menschen oft kaum zu sehen ist. Lange stehen wir vor einer Darstellung des Lebens Jesu gegenüber der halb geschmolzenen Hahnenfigur. Es folgt der – wohl eher an die katholischen Teilnehmenden gerichtete – einzige «spirituelle» Moment der Führung inmitten des Gewühls: Der Guide sagt zur Gruppe «je vous laisse» und unterbricht seine Erklärungen, bis sich die Gruppe an der Dornenkrone vorbeibewegt und auf der anderen Seite wieder zusammengefunden hat. Dieser Moment während der Führung bot eine Möglichkeit zur inneren Sammlung, auch wenn dies sicher nicht von allen genutzt und empfunden wurde. Der Kontrast folgte auf dem Fusse: Kurz vor dem Ausgang, der durch die vielen Menschen nur langsam zu erreichen ist, erscheint mitten im Gang ein beleuchteter Verkaufsstand mit allerlei religiösen Gegenständen und Notre-Dame-Erinnerungsartikeln.1 Auch dieser muss während unseres Eröffnungsgottesdienstes bereits dort gestanden haben – und war ebenso wie der Infopoint für uns als Gottesdienstfeiernde unsichtbar.

Foto: Kerstin Menzel

Ein Raum, zwei Welten

Draussen vor der Kathedrale, jenseits der Absperrung, die die Tourist:innen ordnet und über die Fläche des Platzes lenkt, unterhalte ich mich mit einem Konferenzteilnehmer aus Australien, während wir auf den Rest der Gruppe warten. Wir sind uns einig: Die Kirche war unter touristischen «Normalbedingungen» kaum wiederzuerkennen. Sie erschien uns während der Führung kaum als liturgischer Raum, eher wie ein Museum – mit Shop und allem, was dazugehört. Dass die Kathedrale jedoch auf die Begegnung mit Christus ausgerichtet ist, wie der Guide zu Beginn immer wieder betonte, liess sich während der Gottesdienstfeier erahnen – und während der Führung in parallel stattfindenden Praktiken wie dem Anzünden von Kerzen beobachten. Der touristische Strom wurde aussen um Altarraum bzw. Chor herumgeleitet, wo, abgetrennt vom restlichen Geschehen, persönliche Andachtspraktiken vollzogen wurden. Zu diesem Nebeneinander von Praktiken kommt der Aussenraum der Kathedrale mit seiner herausgehobenen Lage auf der Île de la Cité hinzu und steht dem Innenraum nicht nach – weder hinsichtlich des religiösen Gefühls noch der touristischen Dimension.

 

1 Zu Geld- und anderen Praktiken im offenen Kirchenraum vgl. demnächst Sonja Keller / Anne Koch / Katharina Krause / Kerstin Menzel (Hgg.), Kirchenräume, Dinge und ihre Menschen. Erkundungen materialisierter Religionspraxis, Bielefeld: transcript 2026 (im Erscheinen).  

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