Wie wird «Bibel» heute in den unterschiedlichen Konfessionen gebraucht, inszeniert und liturgisch performt? Im Juni diskutierten in Bern an einer Fachtagung des SNF-DFG-Forschungsprojekts «Bibelperformanzen» Praktische Theolog:innen, Linguist:innen, Religionswissenschaftler:innen und Religionssoziolog:innen Forschungsergebnisse aus den Bereichen Gottesdienst, religiöse Bildung und christliche Hauskreise.
Miriam Löhr
Am Anfang war das Wort. Aber wie kam es ins Buch? Was kennzeichnet in spezifischer Weise Bibel-Bücher? Wo und wie begegnen Bibeltexte sonst noch – beispielsweise am Berg in Form einer Spruchtafel? Und warum lässt sich oftmals, auch ohne Altar oder Abendmahlstisch und ohne ein Wort des gedruckten Textes gelesen zu haben, ein Bibel-Buch auf den ersten Blick erkennen?

Forschungsprojekt Bibelperformanzen
Das Forschungsprojekt1 untersucht Bibelnutzungen im Ländervergleich Schweiz/Deutschland und in konfessioneller Bandbreite: reformiert und lutherisch, christ- und römisch-katholisch und freikirchlich. In Hauskreisen nutzen die Teilnehmenden meist ihre eigene Bibel, die sie zu den Treffen mitbringen. Häufig werden dabei unterschiedliche Übersetzungen nebeneinander genutzt und sogar aktiv hermeneutisch eingesetzt: ein schwer verständlicher Vers etwa wird ergänzend in einer anderen Übersetzung verlautbart. Konfirmand:innen hingegen nutzen häufig Bibeln «im Klassensatz», also dieselbe Ausgabe der von der Kirchgemeinde zur Verfügung gestellten BasisBibel-, Gute Nachricht- oder Luther-Übersetzung.
Noch häufiger werden Bibeltexte jedoch in Form einer App auf dem eigenen Handy aufgesucht. In beiden Settings – Hauskreis und Unterricht – werden Bibelbücher oftmals personalisiert und gestaltet, indem beispielsweise Notizen eingefügt, farbige Markierungen am Text vorgenommen oder Post Its zur Markierung angebracht werden. Derlei Praktiken der Individualisierung und persönlichen Aneignung lassen sich bei Bibelbüchern, die im Gottesdienst gebraucht werden, nicht beobachten. Hier finden sich vor allem zwei Gebrauchsformen. Augenfällig ist zunächst die Symbol- oder «Schaubibel»:

Bücher im (Kirchen)Raum
Eine solche Bibel ist zumeist gross, schwer, alt und häufig in Frakturschrift gesetzt. Allein aufgrund des unhandlichen Gewichts, der ungewohnten Schrift und des wenig lesefreundlichen Papiers wird aus diesen Bibeln nicht im Gottesdienst gelesen. In aller Regel werden sie während der Liturgie auch nicht bewegt. Vielmehr liegen sie – mittig, manchmal auch bei der jeweils aktuellen Perikope geöffnet – vor und während des Gottesdienstes auf dem Altar oder Abendmahlstisch und markieren den Raum als Gottesdienstraum. In evangelischen Gottesdiensten unterstreicht eine solche Bibel im Raum zudem ihre Bedeutung für die jeweilige Konfession, während in römisch-katholischen Messfeiern das Evangeliar in einer Prozession hereingetragen oder zur Lesung zum Ambo gebracht wird.2
Während das Evangeliar hier sowohl als sakraler Gegenstand oder Heilige Schrift inszeniert als auch aus ihm gelesen wird, wird in protestantischen Gottesdiensten anders verfahren. Hier wird aus einem anderen Buch als der auf dem Abendmahlstisch oder dem Altar liegenden Bibel gelesen. Dafür kann ein Lektionar genutzt werden oder eine bewusst gewählte Bibelübersetzung: häufig diejenige nach Martin Luther in der revidierten Fassung von 2017 in den protestantischen Kirchgemeinden in Deutschland, die Zürcher Übersetzung vorrangig in den Schweizer reformierten Gottesdiensten. Zuweilen kommt die Bibel in Gerechter Sprache zum Einsatz, oder, in ökumenisch ausgerichteten Zusammenkünften, die katholisch gebräuchliche Einheitsübersetzung. In Freikirchen dominiert, wie bereits bei den Hauskreisen beobachtet, ein buntes Nebeneinander von Lutherbibel und niederschwellig ausgerichteten Übersetzungen wie der Guten Nachricht. Die Auswahl erfolgt individuell durch den Pastor, die in der eigenen Bibel mitlesenden Gemeindemitglieder, oder pragmatisch. So folgte in einem untersuchten Beispiel die Tageslosung der Lutherübersetzung, ohne dass diese an die sonst im Gottesdienst vorrangig genutzte Gute Nachricht-Übersetzung angepasst wurde.
Die Bibel – ein Buch?
Bereits dieser knappe, kursorische Einblick in die Zwischenergebnisse des Projekts zeigt: «Die Bibel» gibt es nur im Plural, nicht nur hinsichtlich der Übersetzungen, sondern auch in Bezug auf die materiellen Erscheinungsformen. Diese reichen von – alten und modernen – gedruckten Büchern, liturgischen Büchern wie Evangeliaren und Lektionaren über ausgedruckte Zettel, die während der Lesung in ein vorhandenes Bibelbuch hineingelegt werden, bis hin zu digitalen Formen wie Apps auf dem Handy oder Tablet. Inwieweit alle diese unterschiedlichen materiellen Erscheinungsformen auf einen erkennbaren «Urtypus» in Form eines Buchs Bezug nehmen, wird im weiteren Verlauf des Forschungsprojekts untersucht. Daraus resultiert auch die Frage nach dem (zukünftigen) Stellenwert des gedruckten Buchs in unserer Gesellschaft – und die Frage nach der Bibel(nutzung) in ihrer Vielfalt.
Fotos: Miriam Löhr
1 Der vorliegende Text fokussiert auf das Teilprojekt zum Gottesdienst.
2 Vgl. Löhr, Miriam, «Wort des lebendigen Gottes». Bibelperformanzen in der römisch-katholischen Messe, in: PTh Jg. 115, Heft 4 (2026), Themenheft Bibelperformanzen, 192-204.

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