Von individuellen Augen und kollektiven Ohren

Von individuellen Augen und kollektiven Ohren

Schaut das Auge «individuell», während das Ohr «kollektiv» hört? Wenn ja, was bedeutet das für den Gottesdienst?

Miriam Löhr

«Im Gegensatz zum individuellen Auge ist das Ohr kollektiv, das heißt, die Kinozuschauer werden über die Musik gemeinsam emotional beeinflusst.»[1] Dieser Satz aus einem filmanalytischen Handbuch liess mich aufhorchen. Das Auge lässt sich durch die Kamera lenken. Sie bestimmt nicht nur Nähe und Distanz, sondern auch Winkel, Perspektive und Richtung. Sie zeigt uns das Auto von oben, in dem jemand durch eine weite Landschaft fährt. Oder sie lässt uns neben dem Fahrer, der Fahrerin Platz nehmen und ihr während der Fahrt direkt ins Gesicht schauen. Die Kamera hat Macht. Sie zeigt, was wir sehen und was wir nicht sehen können. Aber sie kann nicht verhindern, dass dem einen der Mond im Hintergrund auffällt, der anderen jedoch der Müllsack seitlich im Bild. Die Kamera lenkt, sie erzählt und deutet. Aber sie verhindert nicht das Abschweifen des Blicks, das Umherschauen, das Augenschliessen.

Die Filmmusik – oder allgemeiner: der Ton – wirkt kollektiv. Natürlich, der Ton lässt sich leiser stellen oder abschalten. Aber ist er da, entfaltet er seinen Klangteppich und erfüllt die Ohren der Hörenden, verbreitet Atmosphären und schafft unbewusst Stimmungen. Das gemeinsame Erleben ist demnach die Musik, nicht das Bild. Die Musik kann dabei freilich unterschiedlich wirken – was der einen kraftvoll, ist dem anderen dröhnend, gefühlvoll oder kitschig. Nicht nur Vorlieben, auch musikalische Kenntnisse prägen die Hörgewohnheiten. Aber während ein Orgel- oder Chorkonzert in einer Kirche überall mehr oder weniger gut zu hören ist, verhält es sich mit dem Blick anders: Die erste Reihe offenbart ein ganz anderes «Bild» als eine Sitzbank seitlich hinter einer Säule.

Gilt die filmanalytische Erkenntnis von der Kollektivität des Ohrs und der Individualität des Auges auch für den Gottesdienst? Und lässt sie sich für analoge oder digitale Formate fruchtbar machen?

Im analogen Gottesdienst im Kirchraum kann der Blick frei umherschweifen, sich in eine Farbe des Fensters vertiefen, das Gewölbe in der Höhe oder die Holzmaserung der Kirchenbank in der Nähe betrachten. Wie im Film kann das Ohr dem Klang der Orgel oder der Stimme nicht entgehen, lediglich «weghören» und den verbalen Sinn ausblenden. Dann wirkt der Klang aber immer noch unbewusst – einer bewegten Bach-Fuge, einer monotonen Stimme oder eines beschwingten Gemeindeliedes. Das Hören im Gottesdienst ist ein weitgehend gemeinsames Erleben; das Sehen ist plural. Der Klang, die Musik macht aus den Einzelnen ein Kollektiv – im ekklesiologischen Sinn: eine Gemeinde.

Das Abschweifen des Blicks ist auch im digitalen Raum möglich. Zwar lenkt auch hier die Kamera, indem sie der Organistin auf die Hände schaut, ein Fenster-Detail einblendet oder die sonst unsichtbare Sakristei. Der Blick folgt der Kamera, aber er kann hier ebenso abschweifen und der Spinnweben am Fenster gewahr werden oder der Kabel im Hintergrund. Der Blick kann auch gänzlich aussteigen, den Bildschirm verlassen und ausserhalb dieses Frames aus dem Fenster schauen – und dabei weiter am gemeinsamen Klangraum partizipieren. Die Konstitution der Kollektivität im Hören hängt im digitalen Raum wesentlich an der Technik: Sie ist die Voraussetzung für ein klanglich berührendes Mit-Erleben. Die Musik in digitalen Gottesdienstformaten ist für die gemeinschaftliche Beteiligung der Rezipierenden also Herausforderung und Chance zugleich.

[1] Faulstich, Werner (20133): Grundkurs Filmanalyse, Stuttgart, 144.

Miriam Löhr ist Postdoc am Institut für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät Bern.

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