Kollektives Sehen und Hören im Gottesdienst Nr. 3

Kollektives Sehen und Hören im Gottesdienst Nr. 3

Johannes Stückelberger macht sich in seiner Response auf meinen Beitrag zum kollektiven Hören für ein kollektives Sehen stark. Ich stimme dem zu – dass es ein kollektives Hören gibt, schliesst ein kollektives Sehen nicht aus. Dennoch halte ich die Zugänglichkeit von Musik für weniger voraussetzungsreich.

Miriam Löhr

Johannes Stückelberger verweist zunächst auf die Eingebundenheit visueller Details im Raum. Ich stimme dem zu – der Blick extrahiert nicht den einzelnen Gegenstand. Wohl aber blendet er anderes, in dem Moment Unwichtiges aus. Das Gehör kann ebenso einen einzelnen Ton heraushören, wird aber doch beim Ganzen bleiben, nicht zuletzt, weil Musik einen zeitlichen Verlauf braucht, um erlebbar zu werden. Auch die visuelle Betrachtung braucht Zeit, ist aber nicht der Metrik des Musikstücks unterbunden. Johannes Stückelberger betont die Wirkungen «ungegenständliche(r) Elemente wie die Farben, das Licht, die Materialisierung». Sie verschaffen «einen Gesamteindruck, eine Atmosphäre, eine Stimmung. Für Farben, Licht, Materialien gibt es durchaus eine kollektive Verständigung.» Auch dem stimme ich zu – und reihe die Musik hier ein. Als ungegenständliche Wirkmacht sorgt sie für Stimmungen und Atmosphären.

Ferner schreibt Johannes Stückelberger zur Vertrautheit des Raums: «… die Grundform des Innern, mit Schiff und Chor, ist uns vertraut, so vertraut, wie der Banknachbarin links und dem Banknachbarn rechts. All dies spricht uns als Kollektiv an, schafft ein Gemeinschaftsgefühl, und zwar nicht nur vor Ort, sondern weltweit und über alle Zeiten hinweg. In der Kirche, in der ich jetzt sitze, haben Menschen schon Generationen vor mir gesessen. Und dass die Kirchen auf der ganzen Welt ein Aussehen haben, das sie als Kirchen erkennen lässt (ein über fast 2000 Jahre gleichgebliebenes corporate design) trägt ebenfalls zur Gemeinschaftsbildung bei.»

Wenn diese Vertrautheit vorliegt, schafft der Raum Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Wenn nicht, kann er das Gegenteil bewirken: Fremdheit, Verunsicherung, Abschreckung. Der Kirchraum ist für mit ihm Unvertraute vielleicht intuitiv ansprechend, vielleicht aber auch hochschwellig und voraussetzungsreich. Johannes Stückelberger schreibt, man erkenne Kirchen «anhand der wichtigsten Ausstattungsstücke wie Altar oder Abendmahlstisch, Ambo oder Kanzel, Taufstein und Weiterem.» Hier möchte ich ein Fragezeichen setzen – was ein Ambo ist, kann sicher nicht als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden; und wer nicht weiss, was die Taufe ist, wird auch mit dem zugehörigen Stein nichts anfangen können. Das Sehen ist dann nicht kollektiv wissend, sondern hängt stark von den eigenen Vorkenntnissen ab. Was bei Kirchenvertrauten Heimat und Zugehörigkeit auslöst, kann Andere abschrecken und irritieren. Ich gebe zu, dass dieses ambivalente Potential beispielsweise auch auf Orgelmusik zutrifft – erkenne ich die Bach-Fuge, höre ich sie anders als jemand, der/die weder mit Instrument noch Epoche vertraut ist. An diesem Punkt kann auch Musik voraussetzungsreich sein. Eine bestimmte Atmosphäre wird sie jedoch in jedem Fall verbreiten, auch ohne das Wissen, was ein cantus firmus ist. Ob diese Atmosphäre als vertraut, angenehm oder bedrohlich wahrgenommen wird, ist damit noch nicht beantwortet.

Ich stimme dem Befund des kollektiven Sehens im Gottesdienst grundsätzlich zu. Farben (die kulturell jedoch sehr unterschiedlich kodiert sein können) und Licht wirken, der visuell wahrnehmbare Raum als Ganzes hat eine spezifische Atmosphäre. Die Vertrautheit mit dem Raum und das visuelle Dekodieren seiner Elemente sind jedoch voraussetzungsreich und aus diesem Grund nicht per se kollektiv. Ich wage zu behaupten: Wer mit beidem unvertraut ist, wird weniger vom Anblick einer Kanzel ergriffen sein als vom Hören einer Bach-Kantate – nicht automatisch positiv, aber unmittelbarer emotional affiziert. Dass es ein kollektives Hören gibt, schliesst ein kollektives Sehen nicht aus. Was die einzelne Person stärker anspricht und ins Kollektiv einbindet, ist nicht zuletzt typusabhängig.

Miriam Löhr ist Postdoc am Institut für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät Bern.

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