«Singen und Sagen» – oder warum nicht einfach nur «Sagen»?

«Singen und Sagen» – oder warum nicht einfach nur «Sagen»?

Warum singen wir eigentlich im Gottesdienst? Warum sprechen wir nicht nur? In den letzten beiden Blog-Beiträgen haben Ralph Kunz und David Plüss gezeigt, dass Worte niemals allein dastehen, dass es die Stimmen oder die Gesten der Sprechenden und Hörenden braucht, damit Menschen einander verstehen können. Aber warum das Singen? Lenkt es nicht vom Eigentlichen ab, nämlich von den Aussagen und Inhalten des Glaubens? Den Verdacht gab es immer wieder, und er taucht auch heute noch auf. Die Frage, ob und in welcher Weise Musik und Gesang im Gottesdienst Raum haben sollten, hat immer wieder Kirchen und Konfessionen getrennt. Dieser Beitrag lädt dazu ein, mit Erkenntnissen aus den Neurowissenschaften neue Brücken zu bauen.

Dorothea Haspelmath-Finatti

Mond und Sterne

Als mit dem Lockdown gemeinsame Gottesdienste in den vertrauten Kirchen unmöglich wurden und die eigene Wohnung zum fast einzigen Aufenthaltsort wurde, empfahl die Evangelische Kirche in Deutschland, täglich zur selben Zeit dasselbe Lied singen: „Der Mond ist aufgegangen“. Warum denn eigentlich singen? Ist nicht die evangelische Kirche die Kirche des Wortes, die die Botschaft des Glaubens predigt und sich nicht mit äußeren Frömmigkeitsübungen abgibt? Warum schlug sie dann nicht ein gemeinsames Beten vor? Ist das Wort nicht genug? Wenn es um rasche, spontane Entscheidungen geht, scheint das Singen in seiner Leiblichkeit uns näher zu liegen als das Sprechen.

Stimme und Saite

Die Reformatoren haben stets betont, wie wichtig das Verstehen für den Glauben ist. Sie sorgten für Bibeln in der Volkssprache, für eine Sprache im Gottesdienst, die, wie die Gleichnisse Jesu, die Lebenswelt der Menschen aufnimmt und den Menschen auf Augenhöhe begegnet. Dagegen steht alles Musikalische im Gottesdienst bis heute immer wieder unter dem Verdacht, nur so etwas wie eine mehr oder weniger passende Dekoration zu sein oder sogar das Verstehen der Glaubensinhalte zu verdunkeln. Luther hat die Musik geliebt; er hat selbst Lieder geschrieben. Aber die Betonung lag auch bei ihm auf dem Wort und dem Verstehen. Später entfaltete sich die Kirchenmusik der lutherischen Kirche und fand mit Johann Sebastian Bach einen bis heute gültigen Höhepunkt.

Auch Zwingli diente dem Wort mit Leidenschaft, als er die Musik in die Privathäuser verwies. Aber Calvin erlebte die singende Gemeinde in Straßburg. Er war davon so berührt, dass er die Psalmen in Verse fassen, vertonen und im Gottesdienst singen ließ, zur rechten Erbauung der Gemeinde. Das Singen kehrte zurück.

Singen und Sagen

Calvin hatte genau dies erlebt: wenn die Menschen im Gottesdienst gemeinsam singen und nicht nur sprechen, wird die Gemeinde erbaut. Wie sehr Körper und Geist miteinander verflochten sind, haben neurobiologische Studien in den letzten Jahren ans Licht gebracht. Das menschliche Gehirn kann nur im Zusammenhang mit dem gesamten Körper und mit der Umwelt funktionieren. Unser Verstehen braucht diesen Zusammenhang. Das Herz braucht den Mund und die Hände. Neugeborene Kinder kennen die Stimmen der Eltern. Kleinkinder lernen zuerst die Prosodie, die Melodie der Sprache. Sprechen Erwachsene mit kleinen Kindern, ist ihre Sprache melodischer als im Umgang mit anderen Erwachsenen. Melodien sind das Gerüst für die Sprache. Das Singen geht dem Sprechen voraus.

Alles, was Odem hat

Erkenntnisse aus der Neurobiologie und der Evolutionsforschung zeigen immer klarer: Unser Gehirn kann nur im Zusammenspiel mit dem gesamten Körper und mit der Umwelt funktionieren. Unsere Leiblichkeit ist der einzige Zugang, den wir zu unserem Gehirn und Verstand haben. Dazu leben wir unter den Bedingungen der menschlichen Evolution, die nicht für sich allein, sondern im permanenten Austausch mit der Evolution der anderen Arten sowie mit der gesamten Schöpfung verläuft. Beide, unser Körper und die menschliche Evolution, können jeweils nur als offene Systeme im Austausch mit der Umwelt funktionieren. Beim gemeinsamen Singen lässt sich etwas von diesen Zusammenhängen erfahren. Unser Gehirn ist beim Singen zum Körper hin geöffnet. Im Einatmen und Ausatmen sind unsere Körper mit der Umwelt verbunden, und dies wiederum innerhalb der evolutionären Entwicklung der Menschheit und der gesamten Schöpfung. In plötzlichen Krisen sind wir zunächst auf die evolutionär älteren spontanen Reaktionen des Körpers angewiesen, die dem intellektuellen Durchdenken vorausliegen.

In Notsituationen, wie beim Lockdown in der Pandemie, reagieren auch Kirchenleitende zunächst unter den Bedingungen der Evolution. In diesem Fall empfahlen sie das Singen, also gemeinsames leibliches Tun. Das gesprochene Wort muss warten. Und wirklich: Singen hat im Lockdown geholfen. Zwar ist auch das Sprechen ein körperlicher Vorgang, aber wenn wir singen, ist der Atem tiefer als beim Sprechen. Das Herz findet einen ruhigeren Rhythmus. Beim Singen sind Menschen selbst bei räumlicher Trennung mit ihren Mündern und Herzen zu anderen hin weit geöffnet. Durch solches Singen kann auch die Verständigung zwischen den Kirchen wachsen. Es hilft der Ökumene.  Im Singen preisen wir Gott schon jetzt gemeinsam mit allem, „was Odem hat“[1], und darüber hinaus sogar – mit der ökumenischen Fassung des bekannten Liedes – „vereint mit den himmlischen Chören“[2].

Dorothea Haspelmath-Finatti ist Lehrbeauftragte am Institut für Praktische Theologie an der Römisch-Katholischen Theologischen Fakultät der Universität Wien. Im Herbstsemester 2022 hat sie einen Lehrauftrag am Institut für Christkatholische Theologie an der Universität Bern inne. 

Ausführlicheres zu diesem Thema findet sich in dem gerade erschienenen Artikel:

David Plüss & Dorothea Haspelmath-Finatti, Singing / Embodiment / Resonance, in: Birgit Weyel, Wilhelm Gräb, Emmanuel Lartey and Cas Wepener (Hgg.), International Handbook of Practical Theology, Berlin/Boston, 2022, 533-546.


[1] Vgl. Evangelisches Gesangbuch Nr. 317; Lobe den Herren (ältere Fassung von Joachim Neander, 1680).

[2] Vgl. EG 316; Reformiertes Gesangbuch Nr. 242.

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